Vom 30. Juli bis 8. August führten wir als Kommunistische Organisation unser zentrales Sommercamp durch. Nachdem das für 2020 angesetzte Camp pandemiebedingt – wie viele weitere geplante Zusammenkünfte im zurückliegenden Jahr – nicht stattfinden konnte, war dieses Event von besonderer Bedeutung für die Organisation.

Der Gesundheitsschutz aller Beteiligten hatte für uns während der gesamten Woche oberste Priorität. Alle gemeinsamen Aktivitäten, Diskussionsrunden und Mahlzeiten fanden draußen statt. Mit Abstandsregeln und FFP2-Maskenpflicht in Innenräumen sowie täglichen Schnelltests für alle beugten wir Ansteckungen mit Covid-19 vor, sodass es zu keinem positiven Fall während oder infolge des Camps kam. Der Gesundheitsschutz unter Anleitung von Hygienebeauftragten und Sanitätsschichten war also Pflicht aller Teilnehmenden. Der inhaltliche Schwerpunkt des Camps lag auf der Diskussion, was die konkrete Aufgabe der KO  – ihr nächster Schritt für den Aufbau der Kommunistischen Partei – sein muss und wie sie anzugehen ist.  Die Frage nach unseren aktuellen Aufgaben und den notwendigen nächsten Schritten zog sich als roter Faden durch das gesamte Programm aus Workshops, Vorträgen und Abendveranstaltungen. In den Diskussionen wurde deutlich, dass wir uns noch einiges erarbeiten müssen, wenn wir klare Antworten haben wollen.

Parteifrage und Imperialismus

Über ein Jahr lang war der persönliche Austausch in der Gesamtorganisation pandemiebedingt stark eingeschränkt. Mit dem Sommercamp ergriffen wir die Möglichkeit zur intensiveren Diskussion um den Parteiaufbau und die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten für die KO. Deshalb standen die Parteifrage und die gegenwärtige Krise der kommunistischen Bewegung im Mittelpunkt unseres inhaltlichen Programms. 

Die Basis hierfür bildeten sieben Workshops mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In den Runden zur Partei Neuen Typs sowie zur Entwicklung des Parteikonzepts nach 1945 stand die Frage im Mittelpunkt, wie wir allgemeine Prinzipien der Partei und besondere historische Bedingungen in ein richtiges Verhältnis bringen können und inwiefern Angriffe auf die organisierte Arbeiterbewegung (etwa das KPD-Verbot 1956) bis heute die kommunistische Organisierung prägen. Zur Bolschewisierung der kommunistischen Parteien diskutierten wir, wie eine konkrete Anwendung der historischen Erfahrungen beim zukünftigen Aufbau einer kommunistischen Kampfpartei aussehen sollte – etwa die Organisierung in Betriebszellen. Im Workshop zur Kaderfrage ging es darum, wie wir uns selbst zu Kadern entwickeln können, welche Ansprüche wir damit an uns stellen und wie diese Entwicklung planmäßig durch die gesamte Organisation anzugehen ist. Wir diskutierten auch die Themen Einfallstore des Revisionismus sowie Charakter und Ursprünge der Krise der kommunistischen Bewegung. Wir stellten fest, dass die Verbreitung revisionistischer Auffassungen und die fehlende Verankerung in der Arbeiterklasse miteinander zusammenhängen. Die derzeitige Krise der Bewegung ist damit keine rein ideologische, sondern eine ideologisch-praktische. Unsere Organisation hat sich  ein grundlegendes Verständnis vom Revisionismus und seinen Folgen erarbeitet. Wir brauchen jedoch einen umfassenderen Überblick über die verschiedenen vom Marxismus-Leninismus abweichenden Strömungen. Wir müssen erst lernen, wie wir den Revisionismus in all seinen Formen erkennen und schließlich auch erfolgreich bekämpfen können. Im Workshop zur internationalen kommunistischen Bewegung konnten wir festhalten, dass der von uns angestrebte Klärungsprozess nicht von den Debatten zu trennen ist, die auf internationaler Ebene – zum Imperialismus, zur sozialistischen Gesellschaft, zur Partei usw. – geführt werden. Wir müssen dabei weiterhin versuchen, die Verbindung unserer Entwicklung in ein konkretes Verhältnis zur internationalen kommunistischen Bewegung und den Debatten darin zu setzen, auch um von den Erfahrungen aus anderen Ländern zu lernen.

In allen Workshops kam zum Ausdruck, dass viele Fragen zur Partei und zur tiefen Krise der Bewegung nicht beantwortet werden können, ohne sich ernsthaft mit der historischen Entwicklung der revolutionären Arbeiterbewegung auseinanderzusetzen. Deren Erfolge – die Aufbauprozesse und Siege – ebenso wie ihre Niederlagen – revisionistische Abwege, Zersplitterung, Konterrevolution – müssen von uns noch tiefer durchdrungen werden. Das erachten wir als dringende Aufgabe, um die historischen Erfahrungen für heute nutzbar zu machen. Es ist ein großes Problem, dass derzeit in Deutschland keine kommunistische Partei existiert, die im Stande wäre, solch eine Auswertung vorzunehmen. Dabei wird deutlich, welche Aufgaben noch vor uns liegen und dass wir uns erst ganz am Anfang der Auseinandersetzung befinden.

Ein weiterer Bestandteil des Camps waren die Abendrunden zum Imperialismus, die, neben einer Einführung in die Imperialismus-Theorie Lenins, spezifische Veranstaltungen zur Entwicklung in unterschiedlichen Teilen der Erde umfassten: Vorträge und Diskussionen zu Russland und Osteuropa, zu Lateinamerika, zu Afrika, zu West- und Ostasien. Konkret beschäftigten wir uns hier mit politischen, ökonomischen, geostrategischen und militärischen Aspekten, mit imperialistischen Konfrontationen, der historischen Entwicklung, der Lage der Arbeiterklasse und schließlich auch mit den kommunistischen Kräften in den verschiedenen Weltregionen. Da eine vertiefte Auseinandersetzung auch hier bei uns noch aussteht, konnten wir viele der Aspekte nur anreißen. Dabei können wir jedoch nicht stehenbleiben. Wir brauchen ein genaueres Verständnis des Imperialismus, der verschiedenen Strategien imperialistischer Staaten und der Entwicklungsdynamiken innerhalb des imperialistischen Weltsystems. Voreilige oder nur oberflächliche Bewertungen der internationalen Lage verhindern eine klare Kampforientierung hierzulande und können keine Perspektive für die internationale Organisierung geben. Somit waren die Abendrunden ein wichtiger Teil unserer Diskussion auf dem Camp, bei denen wir auch von den anwesenden ausländischen Genossen lernen konnten. Wir wollen davon ausgehend die notwendige Auseinandersetzung fortführen.

Kommunistische Bewegung und internationale Gäste

Unser Programm auf dem Camp umfasste auch eine von Genossen der KPD organisierte Runde, in der sie die Geschichte und Entwicklung ihrer Partei seit 1990 vorstellten und Raum zur gemeinsamen Diskussion darum gaben.

Neben den Vertretern der KPD konnten wir mehrere internationale Gäste auf unserem Camp begrüßen: Genossen der Jeunes Communistes Lyon aus Frankreich, der Colectivos de Jóvenes Comunistas aus Spanien (CJC) sowie Genossen von Organisationen aus weiteren Ländern waren vor Ort. Ihre Grußbotschaften wie auch ihre aktive Teilnahme an den Diskussionen waren eine Bereicherung für unser Camp. Weitere Grußworte sendeten uns die Kommunistische Partei Schwedens (SKP) und die Revolutionäre Kommunistische Partei Frankreichs (PCRF). Unsere internationalen Gäste thematisierten die tiefe Krise der kommunistischen Bewegung – den Opportunismus und insbesondere Revisionismus, der in Teilen der Bewegung noch immer tief verankert ist. Auch sie stellten die Frage der Kommunistischen Partei in den Mittelpunkt und unterstrichen die Notwendigkeit einer demokratisch-zentralistisch organisierten, wissenschaftlich arbeitenden und mit der Arbeiterklasse verbundenen Partei. Die internationalen Beiträge waren ein guter Aufhänger zum gemeinsamen Austausch über diese Fragen.

Abgerundet wurde das inhaltliche Programm durch Diskussionsrunden zur Massen- und zur kommunistischen Gewerkschaftsarbeit, zur marxistischen Staatstheorie, zur kommunistischen Moral, zum Sozialismus, zu neofaschistischen Entwicklungen sowie zu Palästina, dem dortigen Befreiungskampf und der Frage, wie gerade hier in der BRD der Klassenfeind dieses Thema für sich instrumentalisiert. Außerdem gab es mehrere offene Frage-Antwort-Runden zur KO, die sich vor allem an neuere Genossen und Interessierte richteten. 

Kultur und Kollektivität

Neben den Diskussionen der zentralen Fragen gab es einige kulturelle und sportliche Aktivitäten auf dem Sommercamp: Eine Wanderung mit Inputs zur Geschichte der proletarischen Wanderbewegung und zu Zwangsarbeit in der Region, Fitness-Angebote, eine Theateraufführung von Bertolt Brechts „Die Maßnahme“ und das gemeinsame Singen traditioneller Arbeiterlieder. Die tägliche Umsetzung des Camps – die Versorgung, die Küche, die Ordnung und Hygiene – konnte nur auf viele Schultern solidarisch verteilt funktionieren. So gab uns das Sommercamp nicht nur die Möglichkeit zum gemeinsamen Austausch, sondern forderte auch ganz praktisch unser kollektives organisiertes Handeln. 

Danksagungen und Ausblick

Insgesamt betrachten wir das zurückliegende Sommercamp als Erfolg. Wir haben es geschafft, nach über einem Jahr eingeschränkten Austauschs ein neuntägiges Camp – bei korrekter Umsetzung des Gesundheitsschutzes – zu organisieren, auf dem wir unser kollektives Verständnis der vor uns liegenden Aufgaben schärfen konnten. Wir danken allen Teilnehmern des Sommercamps für ihre umfangreiche Unterstützung, die solch eine disziplinierte und offene Zusammenkunft erst ermöglicht hat. Besonders danken möchten wir all unseren internationalen Gästen für ihre Teilnahme und inhaltlichen Beiträge. Dies gilt auch für die Organisationen, die uns Grußworte zukommen ließen. Der internationale Austausch über Erfahrungen im Aufbau hat für uns große Bedeutung und wir wollen ihn zukünftig vertiefen. Ein Dank geht auch an die Genossen der KPD für ihre Teilnahme am Sommercamp und ihre Unterstützung beim inhaltlichen Programm. Auch hier streben wir eine Intensivierung des gemeinsamen Austauschs an: Wir wollen die drängenden Fragen offen diskutieren und auch von den Erfahrungen der KPD lernen.

In der Summe haben uns sowohl die Auseinandersetzungen zur Parteifrage, zur Krise der kommunistischen Bewegung und auch zur Frage nach der Analyse des imperialistischen Weltsystems vergegenwärtigt, wie groß die Aufgaben sind, die vor uns liegen. Vereinfachungen oder Illusionen können hier als vermeintliche Abkürzungen auf dem Weg zu einer revolutionären Strategie und einer Kampfpartei erscheinen – tatsächlich sind sie aber Verirrungen, die uns gerade von diesem Weg abbringen. Wir sind uns unserer momentanen Schwäche bewusst, die eine intensive Klärung in vielen der aufgeworfenen Fragen und den Parteiaufbau erschwert. Dennoch können wir angesichts der Kollektivität, der Ernsthaftigkeit und der Solidarität, die wir auf dem Sommercamp erlebt haben, selbstsicher sagen, dass wir uns dieser Aufgabe bewusst annehmen. Packen wir’s an!