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Vergesst nur nicht, wenn wir auch nimmer wiederkehren,
Wenn wo wir sterben einst kein Holzkreuz steht,
Und wenn von all dem Leid, das wir getragen,
Kein Laut noch und kein Stöhnen aus den Gruben weht.

Vergesst nur nicht, wenn auch die Tage wandern und die Jahre,
Wenn Blumen blühen wo der Tod gesät,
Und wenn dereinst auf unserem Feld der Tränen 
Der Schnitter wieder reife Halme mäht!
Auch dann: Vergesst nur nicht!

– Peter-David Blumenthal-Weiss (1944 vmtl. im KZ Auschwitz)


Zum 75. Mal jährt sich in diesem Jahr der Tag der Befreiung von Auschwitz durch die Soldaten der Roten Armee. Im Januar 1945 rückten die Sowjetsoldaten gen Westen vor, hinter Krakau stießen sie am 27. Januar auf eine nicht geahnte Maschinerie zur Ausbeutung der Arbeitskraft und Vernichtung von über einer Millionen Menschen – vornehmlich Juden – aus ganz Europa.

Errichtung und Befreiung eines Ortes der Massenvernichtung

Mit offener Brutalität und Terror führten die deutschen Faschisten einen Angriffs- und Eroberungskrieg im Osten – ihr Ziel: die Sowjetunion. In der Nähe der im September 1939 überfallenen Stadt Oświęcim (dt.: Auschwitz) stieß die SS auf einen Gebäudekomplex, der sich für Heinrich Himmlers Absichten eignete, ein Konzentrationslager in Schlesien zu errichten. Anfangs als Durchgangslager geplant, das polnische Gefangene als Reserven für die Arbeitskommandos deutscher KZs isolieren sollte, wurde der Lagerkomplex mehrfach erweitert. Vor allem die Konzipierung und Realisierung zweier kriegswichtiger Großprojekte ließ Auschwitz vom Durchgangslager zur Drehscheibe der Zwangsarbeit der deutschen Faschisten werden. Die IG Farben – zu diesem Zeitpunkt das größte Chemie- und Pharmaunternehmen der Welt – bewertete Auschwitz-Monowitz als bestmöglichen Standort für die Errichtung eines gigantischen Hydrier- und Bunawerkes zur Herstellung synthetischen Benzins, Motorenöls und Gummis. Neben Rohstoffen und Infrastruktur konnte durch die Verbindung zum KZ vor allem die benötigte menschliche Arbeitskraft zum Bau und Betrieb des Werkes sichergestellt werden. Auch das zweite Großprojekt, die Errichtung eines Komplexes mit Betrieben, in denen Versuche u.a. zu Planzen-, Fisch- und Viehzucht durchgeführt werden sollten, sollte von der quasi unbegrenzten Verfügbarkeit an Arbeitskraft profitieren. Um dem gerecht zu werden, wurde der Lagerkomplex auf einen kalkulierten Stamm von 100.000 Häftlingen erweitert – eine geplante Verdoppelung wurde aufgrund der näher rückenden Front abgebrochen. Franciszek Piper, seit 1965 Mitarbeiter der historischen Forschungsabteilung des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau – später dessen Leiter – stellte heraus, dass das verbindende Element der Funktionsphasen des Lagers immer die Absicht gewesen sei, möglichst viele Menschen zusammenzutreiben, zu selektieren und auszulöschen. Ab 1942 sei die Vernichtung durch Arbeit zentral gewesen. Bis Ende Oktober 1944 führte die SS ihre Vernichtungspolitik mit der Tötung arbeitsunfähiger Häftlinge als „unproduktive Elemente“ in den Gaskammern fort. 

Mit dem Näherrücken der Sowjetarmee ergriff die SS Maßnahmen zur Räumung des Lagers und beseitigte die Spuren ihrer Verbrechen. Von August 1944 bis Mitte Januar 1945 wurde ein Großteil der Häftlinge in Außenkommandos anderer Konzentrationslager zum Arbeitseinsatz im Reichsinneren überstellt. Nach einem Aufstand der Häftlinge des Sonderkommandos im Oktober 1944, in welchem sie versuchten eines der Krematorien zu sprengen, begann die SS mit der Beseitigung baulicher Zeugnisse ihrer Vernichtungspolitik. Auch Akten und andere Dokumente sollten zerstört werden. Wenige Tage vor der Befreiung wurde das Lager geräumt und 56.000 verbliebene Häftlinge auf den sogenannten „Todesmärschen“ nach Westen getrieben. Zurück blieben an die 7.000 Häftlinge, welche am 27. Januar durch die Soldaten der Roten Armee befreit werden konnten.

Geschichtsarbeit als politisches Instrument

Die Geschichte ist immer ein umkämpftes Feld und der Kampf um ihre Deutung ist Ausdruck aktueller politischer Konflikte und Widersprüche – sie ist ein Teil des Klassenkampfes. Bereits kurz nach Kriegsende wurden Anstrengungen unternommen, die Rolle Deutschlands im faschistischen Krieg zu verdrehen. So wurde 1952, in der noch jungen Bunderepublik, beispielsweise der „Tag der Opfer des Faschismus“ durch den „Volkstrauertag“ ersetzt. „Opfer des Faschismus“ sollten mit den „Opfern des Bolschewismus“ gleichgestellt werden. Diese Absicht wird auch in der erst kürzlich verabschiedeten Resolution der EU anlässlich des Nichtangriffsvertrages zwischen dem faschistischen Deutschland und der Sowjetunion deutlich, mit der aktive Geschichtsfälschung praktiziert wird. Auch mit der aktuellen Planung zur Errichtung eines „Mahmals für die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft“ wird die Gleichstellung von Faschismus und Kommunismus weiter vorangetrieben.

Auch international wird um die Hoheit der Deutung der Geschichte gerungen. Als Beispiel sei hier der Konflikt zwischen Russland und Polen bezüglich des Gedenkens an die Rote Armee als Befreierin von Auschwitz und Polen zu nennen. Die polnische Geschichtspolitik ist seit Jahren darum bemüht, die Ereignisse der Jahre 1944/45 so darzustellen, als seien sie lediglich der Übergang von einer Besatzung zur nächsten gewesen. Dem Tod von 600.000 Sowjetsoldaten bei der Befreiung Polens wird nicht gedacht. 2015 hatte der damalige polnische Innenminister explizit darauf hingewiesen, dass Auschwitz nicht von der Roten Armee befreit worden sei, sondern von Ukrainern der „1. Ukrainischen Front“ der sowjetischen Truppen. Der Streit eskalierte zuletzt so weit, dass der polnische Staatspräsident eine Einladung zum diesjährigen Holocaust-Kongress in Jerusalem ausgeschlagen hat, da Putin als „Hauptgast“ mit allen Ehren empfangen wurde und er selbst jedoch kein Rederecht bekam.

Auch die Regierung Israels macht sich letztlich das schreckliche Erbe der Juden zunutze, indem das Gedenken an den Holocaust als Mittel zur Legitimation der Besetzung Palästinas und anderer Maßnahmen zum vermeintlich eigenen Schutz angeführt wird. In dem Dokumentarfilm #Uploading_Holocaust der israelischen Regisseure Sagi Bornstein und Udi Nir wird der Zusammenhang zwischen Erinnerungskultur und Zionismus eindrücklich dargestellt. Die Bildungsarbeit des israelischen Staates dient der Rechtfertigung ihres politischen Handelns. Auch der Besuch des deutschen Bundespräsidenten Steinmeier auf der diesjährigen israelischen Gedenkveranstaltung an die Befreiung von Auschwitz stand unter dieser Losung. Die Bekämpfung des Antisemitismus setzt er in seiner Rede mit der Verteidigung Israels gleich: „Dieses Deutschland wird sich selbst nur dann gerecht, wenn es seiner historischen Verantwortung gerecht wird: Wir bekämpfen den Antisemitismus! (…) Wir stehen an der Seite Israels!“

Auch im Programm der politischen Bildung der BRD hat der deutsche Faschismus und der Holocaust einen festen Platz. Niemand wird in Deutschland als junger Mensch darum herum kommen, sich in der ein oder anderen Form damit auseinanderzusetzen. Der Lagerkomplex Auschwitz steht dabei als geschichtliches Symbol für beides. Die Erinnerungskultur soll die Schrecken der Naziherrschaft und des faschistischen Kriegs mit aller Härte vor Augen führen. Das ist grundsätzlich richtig, im Ergebnis bleibt allerdings in der Regel und staatlich gewollt eine moralisierende Geschichtsschreibung, deren hauptsächliche These ist, dass man die Schrecken nicht verstehen und nicht erklären kann. Historische Zusammenhänge, Hintergründe der Politik der deutschen Faschisten und ihre Verbindung zum kapitalistischen System werden nicht aufgezeigt. So wird die Geschichte des Holocaust zwar omnipräsenter Schrecken und zugleich jedoch unberedbar gemacht. Die Wurzeln des Faschismus im imperialistischen System werden gekappt und die BRD als freies, demokratisches Gegenbild zum Faschismus aufgebaut, obwohl ein beachtlicher Teil der faschistischen Eliten in Amt und Würden verblieben sind. Der Holocaust wird zu einem politischen Argument – auch für die unmenschliche Politik der Bundesregierung. Bekanntestes Beispiel hierfür ist die Legitimation des ersten deutschen Kriegseinsatzes nach dem Zweiten Weltkrieg, welchen Joschka Fischer als damaliger Außenminister damit begründete, dass es kein weiteres Auschwitz geben dürfe und daher der Einsatz im Kosovo als „humanitäre Intervention“ durchgeführt werden müsse. Bürgerlicher Antifaschismus muss ins Leere laufen, denn wer von den Ursachen des Faschismus schweigt, nimmt sich jedes Mittel, ihn zu bekämpfen.

Die Bedeutung des Gedenkens für uns

Um aus der Geschichte lernen zu können, müssen wir verstehen, wie es zum deutschen Faschismus mit all seinen Gräueln kam. Dazu reicht es nicht, das Handeln der Faschisten zu psychologisieren und sie als unerklärliche Monster darzustellen. Es braucht eine Analyse ihrer konkreten Politik und der damaligen polit-ökonomischen Verhältnisse. Nur wenn wir den Imperialismus und damit die Interessen des Monopolkapitals als die Wurzel des Faschismus begreifen, können wir unserem Gedenken Taten folgen lassen und den Faschismus tatsächlich bekämpfen. In diesem Sinne war die Rote Armee im wahrsten Sinne des Wortes Todfeind des Faschismus, da sie diejenigen, die die Faschisten stärkten, ihnen die Macht übertrugen und von ihrer Politik und ihrem Krieg profitierten, entmachteten. Mit der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung der DDR wurde diese Lehre der Geschichte ganz praktisch in einem Teil Deutschlands verwirklicht. Antifaschistische Erinnerungspolitik und antifaschistischer Kampf müssen diese Zielklarheit zurückgewinnen, um dem Faschismus seinen Nährboden zu entziehen.  Es ist unsere Aufgabe, eine proletarische Erinnerungskultur zu schaffen, die die Deutung der Geschichte nicht der herrschenden Klasse überlässt. Wir müssen Antifaschismus mit dem Kampf für eine sozialistische Gesellschaft verbinden. Heute gedenken wir derjenigen, die die imperialistische Politik der Faschisten verschlang und ehren diejenigen, die dagegen Widerstand leisteten und die Faschisten bis zuletzt bekämpften.