Mit wissenschaftlichem Blick gegen die Verzerrungen und Lügen der bürgerlichen Gesellschaft

Im Zuge der Corona-Pandemie kocht die Diskussion über „Verschwörungstheorien“ hoch. Viele Menschen zweifeln die bestehenden Gefahren an und gehen teilweise auch mit der Forderung nach Lockerungen auf die Straße. Wir haben uns schon an anderer Stelle mit den sogenannten „Hygienedemos“ und der Gefahr durch Covid-19 beschäftigt. Hier soll es nun um eine Einschätzung von Verschwörungen, den Vorwurf der Verschwörungstheorie und um Verschwörungsmythen gehen.

Verschwörungen sind Teil der Geschichte

Verschwörungen sind geheime Absprachen zwischen zwei oder mehreren Personen, die gegen außenstehende, nichteingeweihte Personen gerichtet sind. Damit haben Verschwörungen eine lange Tradition. Insbesondere für die herrschenden Klassen der verschiedenen Epochen waren und sind Verschwörungen ein wichtiges Instrument zur Sicherung der Macht gegen das arbeitende Volk, aber auch bei Machtkämpfen untereinander. So ist die Geschichte der Klassengesellschaften durchzogen von Putschversuchen, Komplotten, Geheimverträgen, Intrigen, Attentaten usw. im Kampf um Reichtum und Macht.

Auch der Kapitalismus ist als Klassengesellschaft von vielen Verschwörungen der Kapitalisten gegen die Arbeiterklasse geprägt. Ein wesentliches Mittel für die Stabilisierung des Kapitalismus besteht in der Verschleierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, durch die der Kampf der Arbeiter gegen das System der Ausbeutung erschwert wird. Daneben existiert aber auch die explizite Verbreitung von Verschwörungsmythen im Interesse der Kapitalisten. Denn solange auf YouTube und anderen Medien ständig neue Mythen die Runde machen, wird Verwirrung unter den Arbeitern geschaffen und das Grundproblem, das kapitalistische System, gerät aus dem Fokus.

Verschwörungstheorie“ als Kampfbegriff gegen Kommunisten und andere Kritiker

Neben der Verbreitung falscher Legenden gewann nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend auch der Vorwurf der „Verschwörungstheorie“ gegenüber antikapitalistischer Systemkritik an Bedeutung. Insbesondere nach der Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy gab es eine große Bandbreite an Vermutungen und Diskussionen über die wahren Hintergründe, da die offiziellen Untersuchungen vielfach nicht überzeugten. Die durchaus berechtigten Zweifel wurden einfach als „Verschwörungsgerede“ abgetan, um die Diskussionen abzuwürgen und Zweifler zu verrückten Spinnern zu erklären, die man nicht ernst nehmen brauche.

Der Vorwurf der „Verschwörungstheorie“ stellte sich als sehr effektives Mittel heraus, um Anschuldigungen zu zerstreuen, ohne sich einer Diskussion mit Argumenten stellen zu müssen. Mit dem Zusatz „Theorie“ soll unterstellt werden, dass es sich nicht um eine wirkliche Verschwörung, sondern um eine konstruierte Erzählung handele. In dem Fall ist es aber passender, von einem Verschwörungsmythos zu reden. Entweder handelt es sich um eine wirkliche Verschwörung oder um ein Verschwörungsmythos, mit dem Kampfbegriff der „Verschwörungstheorie“ verschwimmt die Unterscheidung zwischen beidem. Hiermit werden berechtigte Vermutungen und Zweifel von Kommunisten und anderen Kritikern des Staates auf eine Stufe gestellt – mit abstrusen „UFO-Theorien“. Während tatsächliche Verschwörungsmythen meist wenig glaubhaft sind, sind Verdächtigungen von kommunistischer Seite gegenüber dem kapitalistisch-imperialistischen Staat aber meist durch historisch vergleichbare Erfahrungen mindestens plausibel. Doch der Vorwurf trifft hart, denn es will natürlich niemand was mit „verrückten Verschwörungstheoretikern“ zu tun haben. Und es ist sehr schwierig, sich gegen derartige Anschuldigungen zu verteidigen, da sie meistens aus einer Mischung aus Zweifel an der geistigen Gesundheit und einer pauschalen Unterstellung von „extremistischen“ Motiven bestehen. Für eine Auseinandersetzung auf der Basis von Argumenten ist da kein Platz mehr.

Der Begriff der „Verschwörungstheorie“ hat noch eine weitere Funktion. Mit seiner Verwendung wird schon angedeutet, dass es auf der einen Seite die „unseriösen“ Kritiker des Staates gibt, deren Worten man nicht glauben darf und auf der anderen Seite die Institutionen des bürgerlichen Staates und die etablierten Medien, die angeblich seriös und ehrlich sind. Nach dieser Vorstellung ist die Erzählung in den Medien der herrschenden Klasse die einzig richtige und anderen Stimmen soll man am besten gar nicht erst zuhören. Aber die etablierten Medien sind keine neutrale Instanz, sondern eine Instrument in den Händen der Kapitalisten. Im Kapitalismus sind Medien erstmal Unternehmen wie alle anderen und sehr abhängig von ihren Investoren und von Einnahmen, z.B. durch das Schalten von Anzeigen durch andere Unternehmen. Dadurch zwingen schon finanzielle Notwendigkeiten die Medien auf eine pro-kapitalistische Berichterstattung. Auch kommen die wenigsten Journalisten aus armen Verhältnissen und haben dadurch einen weniger klaren Blick auf die tiefgreifenden Probleme dieser Gesellschaft. Verschiedenste Mechanismen, wie unbezahlte Praktika, die sich nicht jeder leisten kann, sortieren so schon vorher aus, wer über die aktuellen Verhältnisse wie berichtet. Da verwundert es nicht, dass man in den meisten Medien zahlreiche Falschdarstellungen, Verzerrungen, Lügen und Halbwahrheiten findet. Trotzdem kann man mit diesen Medien arbeiten und die Informationen nutzen, solange man sie mit einem kritischen Blick konsumiert.

Ein gutes Beispiel für real existierende Verschwörungen sind Verstrickungen des deutschen Staates mit der Terrororganisation NSU. Man findet kaum Artikel, die das wahre Ausmaß der Hintergründe aufzeigen. Stattdessen werden die Verwicklungen und Vertuschungen des Staates überwiegend ignoriert und der NSU als „Trio“ verharmlost.

In einer bürgerlich-liberalen Demokratie wie der BRD werden die Verstrickungen nicht unbedingt direkt zensiert, Informationen geraten unzusammenhängend und häppchenweise an die Öffentlichkeit. Systematische Verwicklungen des Verfassungsschutzes mit faschistischen Kräften oder Vertuschungspraktiken werden als Einzelfälle oder Pannen abgetan. Dadurch ist den meisten Menschen das ganze Ausmaß nicht klar, obwohl es theoretisch die Möglichkeit gibt, viele Informationen zusammenzusuchen. Trotzdem wird man auch in diesem Fall schnell der „Verschwörungstheorie“ beschuldigt, wenn man die Zusammenhänge klarstellen will. So können die Medien in der Hand der Kapitalisten und ihres Staates sehr effektiv jede Kritik am Staat verschleiern und in ungefährliche Bahnen lenken sowie Zweifler ins Abseits drängen.

Eine besondere Spielart dieses Vorwurfs wird oft von „Antideutschen“ verwendet. Mit der haltlosen Behauptung, jegliche Kritik an der Besatzungsmacht Israel sei antisemitisch, haben die „Antideutschen“ objektiv eine systemunterstützende Funktion für den deutschen Imperialismus. Aber auch an anderer Stelle nutzen sie den Vorwurf des Antisemitismus, um ihre pro-kapitalistischen und antikommunistischen Positionen zu rechtfertigen. „Antideutsche“ greifen Kapitalismuskritik häufig an, in dem sie die marxistische Erkenntnis, dass Staat und Gesellschaft von einer herrschenden Klasse bestimmt sind, als antisemitisch bezeichnen. Begründet wird das mit Verweis auf die Nazis, die ja schließlich auch gegen jüdische Kapitalisten hetzten. Für die Weltanschauung der Faschisten ist dabei eine Unterscheidung zwischen angeblich „produktiven, deutschen Kapitalisten“ und „raffenden, jüdischen Kapitalisten“ zentral. Kommunisten unterscheiden Kapitalisten nicht nach ihrer Religionszugehörigkeit o.ä. und teilen sie auch nicht in gut und schlecht ein, sondern verstehen die Kapitalisten als eine gemeinsame Klasse, die die ökonomische und politische Macht im bürgerlichen Staat besitzt. Ob ein Kapitalist Jude ist oder nicht, spielt für Kommunisten keine Rolle. Es gibt zwar jüdische Kapitalisten, aber das Judentum selbst hat grundsätzlich keine besondere Bedeutung für das Verständnis des Kapitalismus. Der Vorwurf des Antisemitismus durch „Antideutsche“ hat also keinen inhaltlichen Kern, sondern dient lediglich der Verleumdung. Eine Anschuldigung die sehr hart trifft angesichts der deutschen Geschichte und dementsprechend sehr effektiv ist, um Kommunisten zu isolieren.

Wie kann man mögliche tatsächliche Verschwörungen von Mythen unterscheiden?

Als Kommunisten vertreten wir den Standpunkt, dass unsere Umwelt und alle in ihr vorkommenden Prozesse vom Menschen prinzipiell erkannt und verstanden werden können. Zwar wird die Wahrheit gerade im kapitalistischen System oft verschleiert, doch lässt sich die Wahrheit durch genaues Beobachten und wissenschaftliches Prüfen von Aussagen trotzdem bestimmen.

Deswegen muss nicht gleich jede noch so absurde Aussage aufwendig überprüft werden, in vielen Fällen lassen sich Verschwörungsmythen von berechtigten Verdächtigungen recht leicht unterscheiden. Ein gutes Indiz dafür, ob und wer hinter einer Verschwörung stehen könnte und wie glaubwürdig das ist, ist die Frage zu stellen: „Wem nützt es?“. Man kann durchaus berechtigt kritisieren, dass Bill Gates durch ein hohes Spendenaufkommen Einfluss auf die WHO und auf NGOs nimmt. Doch welchen Nutzen würde Gates daraus ziehen, durch Impfungen einen Großteil der Menschheit zu töten, insbesondere wenn er nach gängigen Verschwörungsmythen sowieso schon im Hintergrund alle Fäden zieht und das überhaupt nicht nötig hätte? In dem Gates als absolut böse dargestellt wird, wird geschickt überspielt, dass für derartige Mythen ein nachvollziehbares Motiv fehlt. Die Behauptungen über die weltbeherrschende Rolle von Bill Gates sind zwar nicht zutreffend, treffen allerdings einen wahren Kern in der Hinsicht, dass die Bedeutung von privaten Spenden für Institutionen wie die WHO durchaus Zweifel wecken sollten.

Ein weiteres wichtiges Indiz ist, wie schwierig es ist, eine mögliche Verschwörung zu verheimlichen. Dabei ist die Zahl der Eingeweihten besonders entscheidend. Möglicherweise war nur eine sehr kleine Gruppe von Personen eingeweiht in die Ermordung von John F. Kennedy und die Hintergründe werden vielleicht niemals aufgedeckt werden. Auf der anderen Seite wäre die Fälschung der Mondlandung eine riesige Aufgabe bei der viele Tausende eingeweihte strikt nach Plan handeln müssten, ohne dass auch nur eine Person die Verschwörung an die Öffentlichkeit bringt. Das macht eine Fälschung der Mondlandung deutlich unwahrscheinlicher. Tatsächlich gibt es auch immer wieder Fälle, in denen Verschwörungen aufgedeckt werden. In jüngerer Vergangenheit ist die NSA-Affäre zu nennen. Der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden stellte 2013 verschiedenen Zeitungen Dokumente zu Verfügung, die ein umfassendes, weltweites Überwachungsprogramm von massivem Ausmaß bewiesen. Da für das Betreiben dieses Programms eben auch viele Spezialisten, wie Snowden selbst, benötigt wurden, konnte diese Verschwörung durch einen Whistleblower aufgedeckt werden. Der Fall zeigt, dass Verschwörungen immer auch das Risiko in sich bergen, aufgedeckt zu werden und es wird wahrscheinlicher, je mehr Personen daran beteiligt sind. Das grenzt den Umfang möglicher Verschwörungen stark ein und diese Berücksichtigung hilft bei der Einschätzung einer mutmaßlichen Verschwörung.

Besonders schwere und unmenschliche mögliche Verschwörungen seitens des imperialistischen Staates sind erstmal kein Grund, einen Verdacht abzuweisen. Neben der ganz alltäglichen und normalisierten Gewalt von Kriegen, Hunger und vielem mehr, gibt es in der Geschichte zahlreiche Belege schrecklicher, grausamer und gewissenloser Verschwörungen. Ein interessantes Beispiel ist hier das CIA Programm „MK Ultra“, das in den 1950er Jahren mitten im Kalten Krieg seinen Anfang nahm. Das Programm ist mittlerweile durch die Freigabe der Akten gut belegt und hatte zum Ziel, Möglichkeiten der – nach eigenen Angaben – „Gehirnwäsche“ zu erforschen. Dabei wurde auch mit äußerst brutalen Menschenversuchen gearbeitet. Das Programm wurde schlussendlich eingestellt, nicht aus moralischen Gründen, sondern weil sich herausstellte, dass Gehirnwäsche nicht funktioniert. Dieses Beispiel zeigt sehr eindrücklich, zu was die herrschende Klasse und ihr Staat bereit ist, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Auch hier liegt es nahe, Vorwürfe gegen so ein Programm einfach durch das Etikett der „Verschwörungstheorie“ zu verunglimpfen.

Häufig werden Verschwörungsmythen von einzelnen Personen oder kleineren Medien über YouTube, Blogs oder andere soziale Medien verbreitet. Um die Quelle einschätzen zu können, kann es hilfreich sein, frühere Behauptungen und Vorhersagen zu betrachten und inwiefern sie sich bewahrheitet haben. Wenn ein Blog zum zehnten Mal vor der unmittelbaren Übernahme durch eine „geheime Weltregierung“ warnt, kann man dies getrost ignorieren. Häufig wird auch versucht, angebliche Zusammenhänge durch Codes, Zahlen- oder Wortspielen aufzudecken. Das soll einer Behauptung Wichtigkeit verleihen, lenkt aber lediglich vom Fehlen plausibler Argumente ab.

Es ist auch wichtig, den Klassencharakter mutmaßlicher Verschwörungen im Blick zu behalten. Wenn von Medien oder Politikern unbegründete Vorwürfe gegenüber Kommunisten, Minderheiten oder anderen Gruppen vorgebracht werden, ist das nicht selten ein Versuch, die Arbeiterklasse mit Hilfe von Feindbildern zu spalten. Auf der anderen Seite sollte man Vorwürfe wie Verschwörungen, die auf Überwachung, eine Zusammenarbeit zwischen staatlichen Institutionen und Faschisten oder organisiertem Betrug durch Banken sehr genau prüfen, da es für derartige Vorfälle gute historische Belege und reale Interessen gibt.

In den meisten Fällen lassen sich so tatsächliche Verschwörungen von Verschwörungsmythen leicht unterscheiden. Im Zweifelsfall müssen aber trotzdem alle Aussagen und Behauptungen ohne Vorverurteilung genau und wissenschaftlich untersucht werden. Dabei ist wichtig, Verschwörungsmythen zu entlarven, die von den eigentlichen Problemen durch die kapitalistische Herrschaft ablenken und damit einen systemstützenden Charakter haben. Andererseits darf man sich aus Angst, als „Verschwörungstheoretiker“ zu gelten auch nicht die scharfe und grundsätzliche Gesellschaftskritik nehmen lassen. Dieses Totschlagargument von „Antideutschen“ und anderen reaktionären Kräften muss ebenso bekämpft werden.

Dies ist zunächst eine individuelle Aufgabe, in den alltäglichen Gesprächen mit Kollegen, Verwandten, Nachbarn usw. Für ein umfassendes Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklungen, für das Trennen von wahr und falsch, braucht es allerdings auch die organisierte und kollektive Auseinandersetzung. Eine kommunistische Partei, die in der Lage ist, den Lügen und Verzerrungen der bürgerlichen Gesellschaft eine wissenschaftliche Analyse entgegenzusetzen.

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