Beitrag zur Diskussion um den Leitantrag – keine Positionierung der Kommunistischen Organisation (siehe Beschreibung der Diskussionstribüne)

von Georg Neubauer

Allzu oft neigt man in der Massenarbeit zu revolutionärer Ungeduld. Schließlich wollen wir mit all unserer Energie möglichst schnell Menschen organisieren, wobei es vorkommen kann, dass wir in Voluntarismus und Wunschdenken verfallen, verkrampft werden, den nächsten Schritt nicht erkennen. Auch andersherum kann es passieren, dass ein sinnvoller Schritt, der schon lange hätte gegangen werden können nicht umgesetzt wurde oder sogar ein Schritt in der Massenarbeit in die falsche Richtung geführt hat. All das wirkt sich entwicklungshemmend oder sogar desorganisierend auf die Massenarbeit aus. Die Frage des nächsten Schritts ist wesentlich und meiner Ansicht nach im Leitantrag noch zu allgemein behandelt, weshalb ich meinen Diskussionsbeitrag dieser Frage widmen möchte. Im Leitantrag wird zwar z.B. durch die Prinzipien eine sinnvolle allgemeine Orientierung für die Massenarbeit gegeben. Ich werde dazu jedoch ergänzend versuchen die Methode, um im Einzelfall den nächsten Schritt erkennen zu können, darzulegen. Im Vorhinein möchte ich anmerken, dass ich es nicht geschafft habe den Gedanken ausreichend zu entwickeln und ihn sauber auf Papier zu bringen. Da die VV vor der Tür steht, habe ich mich trotzdem dazu entschieden den noch sehr skizzenhaften Artikel abzugeben.

Unsere Methode, mit der wir Entwicklung analysieren und bestimmen können, ist die dialektische Methode. Lenin erkannte richtig, dass die Dialektik immer, überall und auf alles anzuwenden ist (vgl. z.B. Lenin, W.I.: Konspekt zur „Wissenschaft der Logik“. Lehre vom Begriff, Werke, Bd. 38, S. 213.). Die wesentlichsten Erkenntnisse aus der Dialektik für die Massenarbeit sind zunächst, dass sich die Dinge aus sich selbst heraus entwickeln, sie für eine möglichst effektive Entwicklung zum richtigen Zeitpunkt von quantitativer zu qualitativer Veränderung umschlagen müssen und in der neuen Qualität immer das Positive der alten Qualität in sich aufbewahrt sein muss. Dialektik ist nicht nur ein hohles theoretisches Konstrukt, es ist das Werkzeug mit dem wir die Welt analysieren, die Widersprüche feststellen die den Dingen innewohnen und schließlich auch die Richtung der Auflösung der Widersprüche feststellen können, also stets analysieren können, was der nächste Schritt ist. In der Massenarbeit ist dieses Herangehen zentral.

Einerseits ist die dialektische Methode wichtig um eine richtige Analyse des Gegenstandes machen zu können (welche Widersprüche sind in dem Gegenstand? Welche zwischen den Gegenständen?). Auf der anderen Seite bietet sie die Möglichkeit aus der richtigen Analyse die nächsten Schritte sinnvoll bestimmen zu können (in welche Richtung kann/soll sich der Widerspruch auflösen?). Schließlich können die nächsten Schritte nur auf den inneren Gegensätzen beruhen. Der sowjetische Pädagoge Koroljow hebt hierzu richtig hervor, dass sich die Entwicklung von Menschen nur entlang von bestehenden Bedürfnissen (also bereits immanenten Bestandteilen) und auf Grundlage von Aktivität vollziehen kann. Unsere Organisierung muss immer an Interessen anknüpfen – und dies nicht nur an abstrakten „objektiven Interessen“ der Arbeiterklasse, sondern an den sehr konkreten Interessen die in der Massenarbeit zum Vorschein kommen, denn es sind schließlich auch diese konkreten Menschen mit ihren spezifischen Interessen die sich im Rahmen der Massenarbeit entwickeln und organisieren. Die praktische Schlussfolgerung ist es sich genauestens zu überlegen an welchem tatsächlich bestehenden Interesse eine Organisierung und Entwicklung der Person ihr auch tatsächlich ein Bedürfnis ist. Die Organisierung und jeder Entwicklungsschritt muss nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv im alltäglichen Interesse der Person sein. Wichtig ist also eine Orientierung auf die vorwärts treibenden Ressourcen die sich bereits in dem Gegenstand angesammelt haben. Koroljow schreibt weiter: „Nur die Einwirkungen und Einflüsse, die einem Bedürfnis […] des Menschen entgegenkommen und sich auf seine Aktivität stützen, sind erzieherisch wertvoll und gewährleisten ein Vorwärtsschreiten in seiner Entwicklung. Die Erziehung erreicht das gesteckte Ziel, wenn im Erziehungsprozess die Kräfte der Kinder [auch der Menschen allgemein, Anm. G.N.] selbst geweckt, ihre Bedürfnisse und Interessen, die Triebkräfte ihrer Entwicklung berücksichtigt werden, wenn Erziehung und Unterricht mit den inneren Entwicklungsgesetzen des Kindes [auch der Menschen allgemein, Anm. G.N.] übereinstimmen.“ (Koroljow, Fjodor (1975): Lenin und die Pädagogik. Volk- und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, S. 169f.) Auch wenn diese Zitate auf die Pädagogik abzielen, bin ich der Überzeugung, dass ihr Inhalt allgemeine Gültigkeit für die Massenarbeit hat.

Zu guter Letzt dürfen wir nicht einfach nur Ressourcen, Bedürfnisse fördern, sondern wir müssen solche fördern, die die Entstehung einer klassenbewussten Organisierung ermöglichen. Mit der dialektischen Methode müssen wir also genaustes Verständnis für die Widersprüche, hemmende und positive, zum Durchbruch drängende Elemente haben. Nur so können wir den nächsten Schritt in der Massenarbeit erkennen und ihn durchführen, er muss ihr inhärent sein, sich aus ihr ergeben und in die richtige Richtung führen (egal ob auf der Ebene individueller Entwicklung, von Projekten, o.ä.). Um diese abstrakten Gedanken konkreter und nachvollziehbarer darzulegen, möchte ich versuchen einige typische Widersprüche und einen jeweils dialektisch passenden Lösungsansatz zu beschreiben.

Etwa bei der Entwicklung der Wohnviertelorganisation könnte folgendes Szenario auftreten: Das Bedürfnis nach einer revolutionären 1. Mai Demonstration existiert noch nicht. Es vorschnell aufzuzwingen würde so wenig nützlich sein, wie jemandem, der zum ersten mal mit Marxismus in Kontakt kommt die Ontologiearbeit von Lukács in die Hand zu drücken. Hingegen existieren die Bedürfnisse nach Unterstützung bei der Kinderbetreuung und nach der gemeinsamen Bewirtschaftung einer Kräuterspirale. Wir erkennen den Widerspruch zwischen proletarischen Bedürfnissen – Organisierung um ein soziales Problem anzugehen – und kleinbürgerlichen Bedürfnissen – Selbstverwirklichung. Innerhalb dieses Widerspruches müssen wir uns nun darum bemühen der arbeiterorientierten Seite des Gegensatzes zum Durchbruch zu verhelfen. Der nächste Schritt entsteht also aus der Entwicklung der Massenarbeit selbst (real bestehendes Bedürfnis wird aufgegriffen) und führt in die richtige Richtung (fortschreitende Organisierung der Arbeiterklasse, Prinzipien lassen sich umsetzen).

Ein anderes Beispiel ist die Frage an welchem Punkt der Entwicklung der Wohnviertelorganisation ein Raum oder Verein angesteuert werden sollte. Hier befindet sich der Widerspruch nicht im Inhalt, sondern zwischen Inhalt (quantitative und qualitative Entwicklung der Massenarbeit) und Form (loses Treffen/ Raum/Verein/etc.). Der Inhalt muss sich entwickeln, das ist unser Ziel. Die Form ist dazu ein Vehikel, welches die Entwicklung des Inhalts voranbringen muss, ihr dafür stets adäquat sein muss. Auch hier ist es wichtig den Punkt dialektisch festzustellen, an dem eine neue Form sinnvoll, entwicklungsfördernd wird. Folgendes Beispiel: In der Wohnviertelorganisation haben wir begonnen einige Ansätze zu entwickeln – wir helfen uns gegenseitig auf Treffen der gegenseitigen Hilfe, wir versuchen junge Mütter bei der Kinderbetreuung zu unterstützen, unterstützen uns beim Lernen, organisieren gemeinsamen Sport und wir kommen gemeinsam aus der tristen Isolierung heraus – verbringen miteinander manchmal unsere Freizeit. Oft stoßen wir an Probleme mit Räumlichkeiten. Der Raum, den wir nutzen, macht Probleme, wir können uns dort nicht oft treffen, wir können dort nicht kochen, es gibt oft Probleme mit dem Schlüssel. Er bedeutet für uns Abhängigkeit und hemmt die Entwicklung bestimmter Ansätze. Die Frage eines eigenen Raumes wird zum Thema. Ein eigener Raum könnte schließlich nicht nur die problematische Abhängigkeit beseitigen und viele neue Ansätze und Angebote ermöglichen, er könnte auch unsere Präsenz und Sichtbarkeit im Wohnviertel deutlich steigern. Gefahren bringt er jedoch auch mit. Ein Raum kann zur Vereinsmeierei führen und von den wesentlichen Aufgaben der Massenorganisierung ablenken – durch etliche bürokratische und bewirtschaftungstechnische Aufgaben, aber auch durch ein bewusstseinsmäßiges Aufgehen im bürokratischen Klimbim. An dieser Stelle ist die brennende Frage, wann der Punkt erreicht ist, an dem ein Raum der nächste sinnvolle Schritt ist. Die Aktivität, der Charakter des ganzen Projektes, sollte fest genug sein und der Inhalt so sehr und erfahrbar nach einem Raum schreien, dass dessen Rolle als Vehikel offensichtlich wird. Gleichzeitig sollte ein Punkt erreicht sein, an dem die Organisierung und Bewirtschaftung eines Raumes die Aktivität, die Entwicklung des Inhalts nicht hemmt, sondern ihr als Sprungfeder dient. Eine falsche Analyse des dialektischen Verhältnisses zwischen Inhalt und Form würde dazu führen, dass zu frühe oder zu späte Nutzung einer neuen Form die Entwicklung des Inhalts hemmt oder gar desorganisierend wirkt.

Aber auch auf kleinerer Ebene müssen wir es verstehen den Entwicklungsstand zB einer Person aufs genauste einschätzen zu können. In der Bewusstseinsentwicklung stehen immer bestimmte Gedanken in Konflikt miteinander. XY findet zB unsere Massenarbeit total super und richtig, wenn wir jedoch über die Machtfrage reden macht er die Schotten dicht. Wo genau ist der Kern seiner ambivalenten Haltung zur Sache der Arbeiterklasse? Nur wenn wir ein genaues Verständnis von diesem Widerspruch bekommen, sind wir auch dazu in der Lage ihn positiv aufzulösen. Die Auflösung kann zB die Auseinandersetzung mit bestimmten Inhalten über Bücher oder Gespräche oder ein bestimmter Erfahrungswert sein. Wenn er zB abgeschreckt ist von einer Doku über den Holodomor werden wir keine Erfolge erzielen, wenn wir ihm immerzu Texte zum Charakter des bürgerlichen Staates geben, denn das ist gar nicht die Ursache seiner ablehnenden Haltung ggü der Machtfrage. Wir brauchen dabei nicht verdeckt nach dem Widerspruch suchen, sondern können das offen und transparent der Person gegenüber tun.

Die genannten Beispiele wären womöglich von den meisten Leuten intuitiv ähnlich gelöst worden – die dialektische Methode ist uns jedoch ein universellen Werkzeug um anstatt intuitiv planvoll und bewusst handeln zu können. Sie muss uns ins Blut übergehen. So werden wir die Entwicklung unserer Massenarbeit auf die effektivste und bewussteste Art und Weise fördern können. Motivational bedeutet das für uns außerdem, dass wir uns selbst den Druck nehmen können der durch die großen Aufgaben, die wir uns vorgenommen haben auf uns lastet. Auf Grundlage der dialektischen Methode können wir schließlich nur Ansprüche an uns stellen, die real erfüllt werden können – nicht mehr und nicht weniger.