Beitrag zur Diskussion um den Leitantrag – keine Positionierung der Kommunistischen Organisation (siehe Beschreibung der Diskussionstribüne)

von Tobi Benario

Im Abschnitt „Wen wollen wir mit unserer revolutionären Massenarbeit organisieren?“ hat sich meines Erachtens eine Unklarheit eingeschlichen, die weitreichende Folgen für unsere Praxis haben könnte. Deswegen versuche ich diese aufzuklären. Ich selbst bin Handarbeiter und Betriebsrat in einem der größten deutschen Monopole, aber durch meine Betriebsratsarbeit auch viel in Kontakt mit KopfarbeiterInnen.

Ab Zeile 717 heißt es in unserem Leitantrag:

„Unser Ziel ist die Organisierung des Klassenkampfs der Arbeiterklasse. Das heißt, dass wir mit unserer Massenarbeit auf die Arbeiterklasse abzielen. Wir orientieren grundsätzlich auf die Arbeiterklasse – nicht ausschließlich, aber grundsätzlich. Das heißt zum Beispiel, dass wir Massenarbeit in einem Stadtteil aufbauen, wo mehrheitlich Arbeiter leben. Wenn dann auch kleinbürgerliche Menschen dazu kommen, verweigern wir nicht die Teilnahme, aber im Mittelpunkt stehen die Interessen, die Lebenslage und die Belange der Arbeiter und ihrer Familien.“

So weit, so richtig, aber dann folgt dieser Part:

„In Betrieben und Gewerkschaften fokussieren wir uns nicht auf Ingenieure oder leitende Angestellte, sondern auf die Arbeiter und einfachen Angestellten, deren Lage fast identisch ist mit der der Arbeiter. Die Frage der anderen, nicht in der Produktion tätigen Angestellten ist nicht unwichtig und nicht selten ein Element der Spaltung. Wir gehen aber davon aus, ihre Haltung nur mithilfe einer stärkeren Organisation unter den Arbeitern verändern zu können.“

Hier stellt sich die Frage, was mit „nicht in der Produktion tätigen Angestellten“ gemeint ist, warum IngenieurInnen ausgeklammert werden sollten und warum eine Trennung zwischen Angestellten und ArbeiterInnen im Produktionsprozess aufgemacht wird. Der Kopfarbeiter (Angestellte) in der Fabrik leistet ebenso produktive Arbeit wie die Handarbeiterin. Ein Handwerker vereint vielleicht noch alle Funktionen im Arbeitsprozess und ist Hand- und Kopfarbeiter gleichermaßen: Er entwirft sein Produkt mit seinem Hirn, baut es mit seinen Händen, macht sich Gedanken über den Verkauf und verkauft es letztendlich selbst. Die Monopole – die die bestimmenden Produktionsstätten der kapitalistische Produktionsweise sind – sind hingegen derart durch Arbeitsteilung gekennzeichnet, dass die Mehrwertproduktion (allein diese kann im Kapitalismus als produktive Arbeit begriffen werden) nur als Produkt vieler einzelner Kopf- und HandarbeiterInnen stattfinden kann. Kein Produkt im Monopol ist Produkt einer einzelnen Arbeiterin. Jedes Produkt, ist Produkt vieler Hand- und KopfarbeiterInnen.

Oder hier mit Marx Worten:

„Der einzelne Mensch kann nicht auf die Natur wirken ohne Betätigung seiner eignen Muskeln unter Kontrolle seines eignen Hirns. Wie im Natursystem Kopf und Hand zusammengehören, vereint der Arbeitsprozess Kopfarbeit und Handarbeit. Später scheiden sie sich bis zum feindlichen Gegensatz. Das Produkt verwandelt sich überhaupt aus dem unmittelbaren Produkt des individuellen Produzenten in ein gesellschaftliches, in das gemeinsame Produkt eines Gesamtarbeiters, d.h. eines kombinierten Arbeitspersonals, dessen Glieder der Handhabung des Arbeitsgegenstandes näher oder ferner stehn. Mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses selbst erweitert sich daher notwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers, des produktiven Arbeiters. Um produktiv zu arbeiten, ist es nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unterfunktionen zu vollziehn.“

Marx, Kapital 1. Band, MEW Band 23, S. 531f (siehe dazu: AG Politische Ökonomie)

Die Entwicklungsingenieurin ist demnach genauso produktive Arbeiterin wie ich – der Montierer in der Produktionshalle. Wir beide besitzen keine Produktionsmittel, noch bestimmen wir den Produktionsprozess oder eignen uns den Mehrwert und dadurch einen größeren Teil des gesamtgesellschaftlichen Reichtums an. (vgl. Lenins Klassendefinition in: Wladimir Iljitsch: Die große Initiative, in: LW, Band 29, Berlin 1984, S. 410. und AG Klassenanalyse ) Wir sind also beide Teil der Arbeiterklasse. Und wenn die Entwicklungsingenieurin das Produkt nicht entwickelt hätte, könnte ich es nicht montieren, mein Kollege im Versand könnte es nicht verpacken und meine Kollegin im Verkauf nicht als Ware verkaufen und somit könnte der Kapitalist keinen Mehrwert abschöpfen. Keiner von uns wäre demnach produktiv.

Kurzum: Es ist egal, ob jemand mit seinem Kopf oder seinen Händen arbeitet. Produktive Arbeit leisten alle ArbeiterInnen im kapitalistischen Produktionsprozess egal, wo genau sie sich in der Wertschöpfung befinden. Demnach sind so genannte Angestellte – egal ob Entwicklungsingenieur oder Qualitätsprüferin – ebenso Teil der Arbeiterklasse wie HandarbeiterInnen.

Dennoch ist ihr Bewusstseinsstand nicht identisch. Während sich der HandarbeiterInnen oft selbst noch als „ArbeiterInnen“ bezeichnen und auch ihr Organisationsgrad in den Gewerkschaften, ihre Streikbereitschaft und ihr Klassengefühl deutlich größer sind, sehen sich die, die im Büro sitzend mit dem Kopf arbeiten, oft eher auf der Seite der Unternehmensleitung und verhandeln ihre Belange (höherer Lohn, flexiblere Arbeitszeiten usw.) meist individuell vermeintlich auf „Augenhöhe“ mit der Personalabteilung eines Unternehmens und ihren Vorgesetzten und nicht durch einen Zusammenschluss in Gewerkschaften und durch Streiks. Die Auseinandersetzungen von KopfarbeiterInnen um ökonomische Belange im Unternehmen findet so oft auf der Ebene der Arbeitsverträge statt, während die HandarbeiterInnen auf Betriebsvereinbarungen und Tarifverträge zurückgreifen und selten individuell angepasste Arbeitsverträge haben. Die Spaltung ist ebenfalls enorm. Während HandarbeiterInnen bei uns im Betrieb nur eine feste Pause am Morgen und keine Gleitzeit haben und somit z.B. vom Mittagsangebot der schicken Kantine ausgeschlossen sind, haben die KopfarbeiterInnen Gleitzeit und können ihre Pausenzeiten beinahe beliebig legen und ausdehnen. Dafür wird von den KopfarbeiterInnen aber auch fast immer verlangt 40 Stunden pro Woche zu arbeiten oder mehr, während die erkämpfe 35-Stunden-Woche bei tarifgebundenen HandarbeiterInnen im Westen zum Großteil Realität ist.

Der Satz unseres Leitantrages „Wir gehen aber davon aus, ihre Haltung nur mithilfe einer stärkeren Organisation unter den Arbeitern verändern zu können.“ könnte genauso von der IG Metall der letzten Jahrzehnte stammen. Die IG Metall ist gut darin gewesen, HandarbeiterInnen in der deutschen Monopolindustrie anzusprechen, KopfarbeiterInnen schaffte sie aber kaum zu organisieren. Da sich das Verhältnis von KopfarbeiterInnen zu HandarbeiterInnen in der deutschen Industrie aber stark zu Gunsten der KopfarbeiterInnen geändert hat, da die einfache Handarbeit – auf Grund der geringeren Lohnkosten – oft ins Ausland verlagert wurde, ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Monopole in Deutschland deutlich zurückgegangen. Bei uns im Betrieb waren mal vier von fünf ArbeiterInnen in der IG Metall, heute sind es nur noch zwei von fünf. Unter den HandarbeiterInnen sind es jedoch immer noch drei bis vier von fünf, während es unter den Kopfarbeitern nicht einmal einer von fünf ist. Der Anteil der KopfarbeiterInnen hat sich in den letzten Jahren aber verfünffacht. Während es früher gerade einmal 10 % waren, stellen sie heute mehr als die Hälfte der ArbeiterInnen in unserem Betrieb.

Da KopfarbeiterInnen meist keine schwere körperliche Arbeit leisten, höhere Löhne bekommen und meist mehr Flexibilität in ihrer Arbeitszeitgestaltung haben, muss man sie mit anderen Themen in ökonomische Kämpfe führen als die HandarbeiterInnen. Da viele KopfarbeiterInnen durch die Universität eher eine akademische Sprache und andere Formen der Ansprache gewohnt sind, muss man sie auch im Betrieb anders ansprechen. Der Kampf gegen die Nachtschicht interessiert den Kopfarbeiter genauso wenig wie sich die Handarbeiterin im ersten Schritt für Lärmschutz in Großraumbüros einsetzen wird. Der laut schreiende Gewerkschaftssekretär, der die HandarbeiterInnen zur Blockade des Werktors bringt, schreckt viele KopfarbeiterInnen eher ab. Um also ArbeiterInnen in einem Betrieb anzusprechen und organisieren zu können, muss man ihre jeweilige Lage genau kennen und sie an ihren unmittelbaren unterschiedlichen Problemen in ihrer Sprache abholen. Gerade die isolierten und unorganisierten KopfarbeiterInnen müssen erst einmal lernen ihre Interessen gemeinsam mit anderen durchzusetzen. So kann man mit ihnen kreative „Mein Akku war leer“-Streiks gegen die ständige Erreichbarkeit auch in der Freizeit organisieren oder die Dualstudierenden könnten ihre wertschöpfende und nicht oder schlecht entlohnte Arbeit beiseite legen und für eine Aufnahme von Dualstudierenden ins Berufsbildungsgesetz streiken. Erst diese kleinen Erfahrungen der Macht des gemeinsamen Handelns werden es zulassen, Brücken zu den streikenden HandarbeiterInnen zu schlagen und später Kämpfe auf andere Betriebe, Branchen und Länder auszuweiten und zu einem politischen Kampf um die Staatsmacht zu entfachen. Die alleinige Orientierung auf HandarbeiterInnen und ein paar ausgewählte KopfarbeiterInnen, wird es nicht schaffen die Spaltung zwischen Hand- und Kopfarbeit zu überwinden und die gesamte Klasse zu einen und zum Sturm auf die herrschenden Verhältnisse zu verleiten. Denn Klassenbewusstsein entsteht im gemeinsamen Kampf und nicht in der Beobachtung von vermeintlich fremden Kämpfen.