Beitrag zur Diskussion um den Leitantrag – keine Positionierung der Kommunistischen Organisation (siehe Beschreibung der Diskussionstribüne)

von Martin Link

Benny fordert in seinem Diskussionsbeitrag „Kampf um die Klasse – Kampf um die Medien“, dass Kommunisten stärker in Medien, vor allem auch in den sozialen Netzwerken, präsenter werden sollten, um der bürgerlichen Propaganda etwas entgegenzusetzen. Während das grundsätzlich natürlich richtig ist, müssen wir uns trotzdem fragen, unter welchen Bedingungen das sinnvoll und erfolgversprechend ist. Das Internet ist kein neutraler Raum der Meinungsäußerung. Alle dort aktiven Plattformen werden langfristig entweder in das kapitalistisch-imperialistische Herrschaftssystem eingebunden (vor allem natürlich die kommerziellen wie Facebook, YouTube, Twitter usw.) oder von den staatlichen Repressionsorganen bekämpft (in jüngerer Vergangenheit z.B. Indymedia). Das Internet geht also den gleichen Weg, den auch alle Massenmedien in der Vergangenheit gegangen sind.

Uns Kommunisten muss klar sein, dass insbesondere auch jede Art von kommunistischer Aktivität davon betroffen sein wird. Zum einen könnte ein geduldetes Auftreten auf verschiedenen Plattformen mit Zugeständnissen verbunden sein, die für uns inakzeptabel sind oder schlimmstenfalls opportunistische Einstellungen in den eigenen Reihen befördert. Darüber hinaus ist ab einem gewissen Erfolg auch jederzeit die Gefahr gegeben, dass wir von Sperren, Blockaden etc. betroffen sein werden, die im Zweifelsfall all unsere Bemühungen und investierte Arbeit zunichtemachen. Solange die aktuell herrschenden Verhältnissen bestehen, werden wir Kommunisten im Internet immer in der Defensive sein. Natürlich lässt sich das auf alle gesellschaftlichen Verhältnisse verallgemeinern, aber insbesondere auch im Internet müssen wir sehr behutsam und vorausschauend agieren, wenn wir es nutzen wollen, um die eigenen Reihen zu stärken.

Offensichtlich ist es heutzutage wichtig, eine Website zu erstellen auf der Veröffentlichungen und Diskussionsbeiträge verbreitet werden können. Dafür können auch verschiedene Formen von multimedialem Nachrichten- und Bildungsmaterial erstellt und veröffentlicht werden und auch verschiedene Diskussionsplattformen aufgebaut werden. Darüber hinaus ist auch eine individuelle Aktivität als Kommunist in sozialen Netzwerken sicherlich in manchen Fällen richtig, wobei man das natürlich auch nicht übertreiben sollte. Die bisher genannten Probleme und Schwierigkeiten betreffen in erster Linie Fragen der Taktik. Wir müssen uns überlegen, wie wir unter den gegebenen Bedingungen sinnvolle Angebote schaffen und wie viel Energie wir in sie stecken wollen. Dabei ist es einerseits wichtig, jegliche Reichweite solange wie möglich zu nutzen, aber andererseits möglichst unabhängig von den kapitalistischen Plattformen zu bleiben.

Wenn wir die sozialen Medien im Kontext der Massenarbeit betrachten, müssen wir aber auch über die strategische Ausrichtung kommunistischer Massenarbeit reden. Im Leitantrag werden drei Prinzipien für erfolgreiche Massenarbeit genannt: Unabhängigkeit, Aktivität und Solidarität. Gerade die ersten beiden müssen im Bezug auf Aktivitäten in den Medien näher beleuchtet werden. Wie bereits oben ausgeführt, sind Medien nicht neutral, sondern folgen auch immer den Regeln der herrschenden Verhältnisse. Es wird schon keine leichte Aufgabe für uns sein, unabhängige Massenorganisationen aufzubauen und in ihnen zu wirken. Dafür benötigt es die Festigung von Strukturen, die in der Lage sind, sich organisatorisch und materiell selbst zu erhalten. Basis dafür ist ein vertrauensvoller Umgang und eine verbindliche und regelmäßige Beteiligung ihrer Mitglieder. Darüber hinaus muss die Unabhängigkeit auch permanent sowohl gegen Einbindungsversuche als auch gegen Repression verteidigt werden. Während das in Betrieben, Stadtteilen und Vereinen schon ein schwieriges Unterfangen ist, ist das über Medien unmöglich. Einerseits stößt der verbindliche Aufbau von Strukturen durch anonyme Nutzer in sozialen Medien sehr schnell an seine Grenzen. Andererseits ermöglicht die grundsätzlich gegebene Unsicherheit digitaler Kommunikation vielfältige Möglichkeiten von Manipulation und Repression. Unabhängige Massenorganisationen sind in sozialen Medien also schlicht nicht möglich oder wenn nur in einem sehr begrenzten Maße.

Doch selbst wenn wir trotz aller Hindernisse erfolgreich große Teile der Massen von unseren politischen Zielen überzeugen, ist unser Ziel, im Sinne des Leitantrags, nicht erfüllt. Denn es reicht nicht, die Zustimmung der Massen für unsere politische Ziele zu gewinnen. Den Sozialismus können wir nur erreichen, indem wir die Massen dazu bringen aktiv für unsere gemeinsamen Interessen zu kämpfen. Allein diese Einbindung in die Kämpfe ist über Medien unmöglich. So sehr das Aufkommen des Internets die Interaktivität von bisher passiven Konsumenten gefördert hat, so wenig führt sie zu Eigenaktivität der Massen. Interaktionen beschränken sich meistens auf das Reagieren von Inhalten, die von einer kleinen Minderheit erstellt werden. Sozialer Zusammenschluss und der Kampf für gemeinsame Interessen ist dort fast unmöglich. Die höchste Form der kollektiven Aktion sind oberflächliche Kampagnen für Petitionen oder Hashtags, die ein bestimmtest Thema ins öffentlich Bewusstsein bringen sollen. Im kleinen Rahmen sind unter Umständen Ausnahmen möglich, wie beispielsweise eine kleine Messengergruppe, in der ein lokaler Lesekreis Diskussionen weiterführen kann und in der interessante Artikel geteilt werden können. Ein anderes Beispiel wären Online-Schulungen, in der sich junge, interessierte Genossen aus abgelegenen Gebieten, die wir organisatorisch zurzeit noch nicht anbinden können, theoretisches Wissen aneignen können. Zu diesem Zweck kann sich die Erstellung passendere Lehrmaterialien, Diskussionsplattformen und Online-Lesekreise durchaus lohnen.

In beiden Fällen ist aber langfristig die Verankerung durch real stattfindende soziale Kontakte unerlässlich, um politisch sinnvoll daran anknüpfen zu können. Denn rein über das Internet geführte Kontakte bleiben zwangsläufig unverbindlich und werden nicht zu verlässlichen Strukturen führen, die den Kampf der Massen konsequent führen können. Stattdessen bleiben alle Diskussionen in erster Linie Selbstbeschäftigung, aber führen nicht zu einem höheren Organisationsgrad. Erfolgreiche gemeinsame Kämpfe setzen verbindliche Zusammenhänge und Beziehungen in unseren unmittelbaren Lebensbereichen voraus, da nur so ein vertrauensvolles Miteinander entstehen kann.

Aus diesen Gründen können Medien prinzipiell nur ein Hilfsmittel sein, die unsere Kämpfe auf allen anderen Ebenen unterstützen. Wir sollten also nicht überstürzt versuchen, irgendwie mit der ausgefeilten und mächtigen Propagandamaschinerie des bürgerlichen Systems konkurrieren zu wollen, sondern stattdessen behutsam und geplant überlegen, wie wir die Arbeit mit Medien in unsere Strategien und Konzepte für Massenarbeit integrieren.