Beitrag zur Diskussion um den Leitantrag – keine Positionierung der Kommunistischen Organisation (siehe Beschreibung der Diskussionstribüne)

Ein Gastbeitrag von Hans Christoph Stoodt

Zustimmung

Die Genossinnen und Genossen der Kommunistischen Organisation (KO) haben einen umfänglichen Leitantrag zur öffentlichen Diskussion vorgelegt. Bevor ich drei kritische Anmerkungen dazu mache, möchte ich mich für die große Arbeit bedanken, die in diesem Dokument steckt. Ich stimme ihm in der generellen Linie zu und finde insbesondere, dass die Frage der Unabhängigkeit des Aufbaus einer Kommunistischen Partei (KP) – erklärtes Ziel der KO -, die Frage der Klassenorientierung auf die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt, die Beschreibung der sozialistischen Revolution als nächstes strategisches Ziel und die in der derzeitigen Lage richtige Distanz von „breiten Bündnissen“ bisheriger Art absolut richtig sind. Der Leitantrag (LA) ist für mein Verständnis in sich schlüssig und wirft die richtigen Fragen auf, wobei er stellenweise sogar auf Detailfragen eingeht, die man in einem solchen Dokument zunächst nicht vermuten würde. Auch die Fragen der organisatorischen Umsetzung des Antrags in der Praxis vor Ort scheint mir in sich klar und logisch dargestellt. Mir ist aus dem derzeitigen kommunistischen Spektrum hierzulande kein vergleichbares Konzept bekannt, das so durchdacht und von seinem Anspruch her zugleich radikal im Wortsinn, also das Problem bei der Wurzel fassend, formuliert wäre.

Dies vorausgeschickt möchte ich drei kritische Anmerkungen machen:

Kritik

(1) Zur Diskussion um die Frage des Klassenkampfbegriffs

Die Diskussion des Klassenkampfbegriffs, die auf die Veröffentlichung des LA folgte, zeigt aus meiner Sicht, dass hier ein Konflikt auf der Ebene logischer Begriffe und – noch – nicht auf der Ebene realer Erfahrungen des Klassenkampfs ausgetragen wird. Es scheint mir völlig klar zu sein, dass auch diejenigen, die auf der relativ eigenständigen Bedeutung des ökonomischen und ideologischen Klassenkampfs bestehen, die entscheidende Dimension des politischen Klassenkampfs nicht in Frage stellen wollen, also schlimmstenfalls „Ökonomisten“ im Sinn der berechtigten Polemik Lenins zu seiner Zeit wären. Umgekehrt glaube ich kaum, dass diejenigen, die zu Recht auf der übergeordneten Bedeutung des politischen Klassenkampfs bestehen, die ökonomischen Keimformen seiner Entstehung abwerten oder die Bedeutung des ideologischen Kampfs in Agitation und Propaganda zu jeder Phase des Klassenkampfs relativieren wollen. In der Diskussion zum LA, also der Frage der Massenarbeit, kann vielmehr die zuletzt genannte Dimension gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, und zu Recht geht der LA ja auch genau dazu auf die Bedeutung von Agitation und Propaganda ein (Zeilen 175 – 178, 1352 – 1432, von hier an nur als Zahlen zitiert). Folglich macht auf mich diese Diskussion im Moment den Charakter von Fragen, die Marx in der 2. Feuerbachthese als „scholastisch“ bezeichnet hat (MEW 3, 5ff).

Das soll kein Vorwurf sein – die Praxis der Massenarbeit im Sinn der KO beginnt ja gerade erst. Ihre Erfolge und Misserfolge werden in der Auswertung durch die KO Klarheit in Fragen schaffen, für die man auf dem Weg von Klassikerzitaten sicher hilfreiche Schneisen nach hinten, in die eigene Geschichte, schlagen kann und muss, in die man aber nach vorne erst einmal kommen muss, um die reale, die nicht-scholastische Bedeutung der Zuordnung der drei Dimensionen des Klassenkampfs zueinander auf der Haut zu spüren und dann auch ganz anders diskutieren zu können. Die derzeitige Diskussion dazu hat aus meiner Sicht noch einen laborartigen Charakter. Das ist nichts Schlechtes, aber es ist auch noch nicht die Sache selbst.

(2) Zur Frage der Zuordnung von Stadtteil- / Wohngebiets- und Betriebsarbeit

Richtigerweise sieht die KO die Zukunft ihrer Massenarbeit schwerpunktmäßig in den Betrieben. Die Gründe für diese richtige Orientierung müssen hier nicht wiederholt werden. Sie ergeben sich aus der strategischen Zielsetzung der KO, in deren Rahmen die Massenarbeit gehört.
Den Weg in die Betriebe will die KO indirekt, also über die Massenarbeit in Stadtteilen, Zentren, Initiativen, Vereinen, Beratungsangeboten usw. antreten. Das erscheint mir völlig plausibel, hat aber, zusätzlich zu den im LA selbst vorgestellten Problemen die Gefahr, sich auf diesem Weg in eine große Vielzahl von Einzelfragen und -konflikten vor Ort hineinzubewegen, die Gefahr, sich zu verzetteln, letztlich, als politische Kraft bis zu einem gewissen Grad absorbiert zu werden. Das ist unvermeidlich. Es ist klar, dass dieses Problem sich auf der Ebene der Stadtteilarbeit und aller damit sich anbietenden Handlungsfelder größer ist, als auf der Ebene der Betriebsarbeit, auch wenn es hier ähnlich gelagerte Problem geben wird.

In der Vergangenheit gab es in der Frage der Zuordnung der beiden Ebenen nach meinem Kenntnisstand die klare Erfahrung: je schwächer zB. die DKP wurde, desto weniger war sie in den Betrieben präsent und umgekehrt. Die scheinbar leichtere Form der Zugänge kommunistischer Massenarbeit in den Wohngebietsgruppen – vom Kampf um Verkehrsampeln und um den Spielplatz bis zur Gründung einer Friedensinitiative, dem Aufbau eines Jugendzentrums wird mit der Gefahr bezahlt, eben nicht von hier aus, wie im LA skizziert, den Weg in die Betriebe gehen zu können, sondern, im Grunde im Gegenteil, nie dorthin zu gelangen, weil es auf der Ebene des Stadtteils und so weiter von Jahr zu Jahr mehr zu tun gibt, soviel, dass schließlich die Kraft aller Kader dort verbleibt. Dies umso sicherer, wenn zudem auch noch ein falsches Bündnisverständnis herrscht, auf dessen Basis die völlig haltlose Hoffnung formuliert wird, die Massen würden sicher früher oder später auch „wie von selbst“ die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution bejahen und für sie kämpfen, nachdem die Kommunisten vor Ort so rückhalt- und selbstlos für einen Zebrastreifen im Stadtteil eingetreten seien (ich karikiere, aber es ist nicht weit von der Realität).
Nach meinem Kenntnisstand ist es der DKP nie wirklich gelungen, aus diesem Problem auszubrechen, im Gegenteil.

Zudem sind wegen der Vielfalt ihrer vorhandenen Problemfelder die Stadtteil- / Wohngebietsformen der Massenarbeit im übertragenen Sinn des Wortes natürliche Brutstätten des Opportunismus, besonders deshalb, weil praktisch alle Probleme, die dort angetroffen werden, vom realen Grundwiderspruch des Kapitalismus noch relativ weit entfernt sind und es etlicher argumentativer Schritte bedarf, das Problem des Wohnraums, der Umweltqualität, der Jugendarbeitslosigkeit, des Rassismus im Stadtteil mit diesem Grundwiderspruch zu verbinden, den Zusammenhang mit ihm herzustellen.

Für mich stellt sich deshalb die Frage, warum nicht parallel zur Massenarbeit in Stadtteilen, Vereinen, und so weiter eine regelmäßige Präsenz der KO vor ausgewählten Betrieben im Bereich der jeweiligen Ortsgruppe (OG) als Ziel angegeben wird. Ich denke, dass es nötig ist, beide Formen der Präsenz vor und später in Betrieben von vornherein anzugehen. Wie eine solche Arbeit aussehen könnte, ist nicht nur nicht Gegenstand des LA, sondern im Grunde in ihm auch nicht angelegt. Hier sehe ich die Gefahr einer Wiederholung bereits gemachter Fehler in der kommunistischen Bewegung der BRD, die sich die KO ersparen sollte.

(3) Zum Problem der Einheit von Inhalt und Form kommunistischer Massenarbeit

An dieser Stelle habe ich meine schwerwiegendsten Fragen an den LA.

Die Klassiker des Marxismus -Leninismus haben bekanntlich keine Lehrbücher geschrieben. Dafür fehlte ihnen schlicht die Zeit, denn sie waren den größten Teil ihres Lebens nicht nur herausragende Theoretiker, sondern vor allem auch Praktiker der revolutionären Arbeit und wurden unsere Klassiker genau deshalb, weil sie es besser als alle anderen vor oder nach ihnen verstanden, ihre Kampferfahrungen theoretisch zu verallgemeinern und von den dabei gewonnen und erkämpften Ergebnissen weitere Kampfetappen besser und erfolgreicher anzugehen. Das trifft selbst auf Texte wie „Das Kapital“, „Klassenkämpfe in Frankreich“, „Anti-Düring“ oder „Materialismus und Empiriokritizismus“ zu. Theorie und Praxis des Klassenkampfs entstanden für Marx, Engels, Lenin und andere herausragende Revolutionäre der kommunistischen Bewegung oft genug im unmittelbaren Umfeld von Kämpfen.

Das Themenfeld, zu dem sich der LA äußert, also Fragen des Strukturaufbaus zwischen Partei und Massenarbeit, ist Gegenstand solcher klassischen Texte wie dem „Manifest“, dem „Statut des Bundes der Kommunisten“, dem „Programm der Kommunistischen Partei“ von 1848, der „Kritik des Gothaer Programms“ (mit – nebenbei bemerkt – wichtigen Anmerkungen von Marx zur Frage des Verhältnis von Natur und menschlicher Arbeit) und so weiter. Auch Texte wie Lenins „Brief an einen Genossen“ oder „Was tun?“ entstanden mitten im Handgemenge, und je genauer man weiß, welche Fragen seinerzeit jeweils umkämpft waren, desto mehr hat man von der Lektüre auch heute und für den eigenen Kampf. Es geht ja nicht darum, das nachzusprechen, was Marx, Engels oder Lenin geschrieben haben, sondern heute das zu tun, was sie seinerzeit getan haben. Das trifft auch für Stalins Texte wie „Fragen des Leninismus“ oder „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“ sowie den „Kurzen Lehrgang“ von 1938 zu. All diese Texte reflektieren immer schon gemeinsam gemachte reale Kampferfahrungen, die jüngeren naturgemäß in höherem Ausmaß als die ersten. Sie ziehen Schlussfolgerungen am Knotenpunkt einer Etappe und argumentieren für weitere Schritte in einer klar angegebenen Richtung und vor Menschen, die diese Etappen selbst miterkämpft haben.

Liest man auf diesem Hintergrund den LA der KO, so hat man den unmittelbaren Eindruck eines durch und durch überlegten, durchdachten, logischen Textes – allerdings auch eines Textes, der, abgesehen vielleicht von diesem oder jenem „wording“ genau so auch vor 30 oder 50 Jahren hätte geschrieben werden können oder hätte geschrieben werden müssen. Den LA zeichnet eine sehr erhebliche, sicher auch bewusst so gewollte Distanz zu den realen Kämpfen der gegenwärtigen Gesellschaft in der BRD aus. Er konzentriert sich aus zunächst einmal nachvollziehbaren Gründen auf eine Strukturfrage, auf eine Form. Er bleibt in abstrakter Distanz zum Inhalt revolutionärer Massenarbeit hier und heute.
Allerdings: in den „Philosophischen Heften“ schrieb Lenin bei Gelegenheit seiner durch das Exil ermöglichten Hegel-Lektüre: „Von der lebendigen Anschauung zum abstrakten Denken und vor diesem zur Praxis – das ist der dialektische Weg der Erkenntnis der Wahrheit, der Erkenntnis der objektiven Realität.“ (LW 38, 140)

Es gibt keine revolutionäre Theorie, die jenseits gesellschaftlicher Kämpfe entstehen, existieren, sich entfalten und schließlich Praxis werden kann, eine Praxis, die nur revolutionär sein kann, wenn es eine revolutionäre Theorie gibt.

Die KO legt einen LA zur Massenarbeit zu einem Zeitpunkt vor, da die BRD die stärkste Massenbewegung seit der „Friedensbewegung“ der 1980er Jahre durchlebt (oder vielleicht der Bewegung gegen den dritten Golfkrieg 2003, wobei diese deutlich kurzatmiger weil von vornherein sozialdemokratisch domestiziert war).

Die derzeitige gesellschaftsweite Auseinandersetzung um die bevorstehende kapitalistische Klimakatastrophe hat viele Dimensionen, die geradezu nach kommunistischer Massenarbeit schreien: von der propagandistischen Bekämpfung irrationaler und wissenschaftsfeindlicher „Klimaskeptiker“ über die ökonomische Frage der aller Wahrscheinlichkeit nach toten Zukunft der Schlüsselindustrie des deutschen Imperialismus, der KFZ-Industrie, über die demokratiepolitisch erstrangig bedeutsame Frage zB. einer kommunistischen Position in der Energiepolitik bis hin zu in jedem Stadtteil leicht anzuzettelnden Debatte über eine vom Kopf auf die Füße zu stellende Mobilitätspolitik (während ich diese Stellungnahme schreibe, beginnt gerade eine dreiwöchige Kampagne in Frankfurt, mit dem Rad zu Arbeit zu fahren – an ähnlichen Kampagnen beteiligen sich 2019 über 1000 Kommunen in der BRD – noch vor wenigen Jahren unvorstellbar) diese und viele andere Fragen im Alltag praktisch aller Menschen der BRD und münden in ein Szenario, das von praktisch allen Spektren der Politik, natürlich einschließlich der aktuell leider so erfolgreichen GRÜNEN, nicht radikal, das heißt, an der Wurzel angreifend, thematisiert wird, aber in einem engen, wahrscheinlich wenig Jahrzehnte umfassenden Zeitraum nicht nur thematisiert, sondern praktisch und effizient gelöst werden muss, bei Strafe unumkehrbarer Schädigung der natürlichen und zugleich immer gesellschaftlichen Grundlagen des Lebens.

Von den Kämpfen von EndeGelände im Hambacher Forst über die FridaysForFuture-Bewegung bis hin zum Eklat um das Rezo-Video führt eine aufsteigende Eskalation gesellschaftlicher Bewegung in der Klimafragendiskussion der BRD, die allein vor wenigen Wochen an einem einzigen Freitag 320.000 Menschen in der BRD auf die Straße brachte. Das ist fast exakt die Zahl, die zu Beginn der Friedensbewegung um die „Nachrüstung“ Anfang der 1980er Jahre nach monatelanger intensiver Mobilisierung erreicht und als tiefer Einschnitt in die politische Geschichte der alten BRD verstanden wurde. Die meisten Teilnehmenden sind jung, nehmen erstmalig an politischen Aktionen teil, verstehen sich mehrheitlich als wie auch immer links, vernetzen sich international, sind weitestgehend selbstorganisiert und höchst aktiv. FridaysForFuture ist eine globale Bewegung. Sie ist politisch unklar, im Kern kleinbürgerlich in dem Sinn, dass sie in der Regel kein über den Kapitalismus hinausweisendes Ziel benennt oder gar verfolgt und aus vielen unterschiedlichen Schichten der Bevölkerung einschließlich der Arbeiterklasse stammt.

Als jemand, der in den letzten 13 Jahren 39 Wochen pro Jahr an 5 Tagen mehrere Stunden lang mit Arbeiterjugendlichen in einer Berufsschule verbracht hat, kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass es kein Problem darstellt, im verstehenden, respektierenden, widersprechenden, zustimmenden Kontakt mit ihnen immer wieder überraschend schnell zum kapitalistischen Kernproblem dieser Gesellschaft vorzustoßen. Und das ist selbstverständlich auch in der seit vielen Jahren stärksten gesellschaftlichen Massenbewegung der BRD und darüber hinaus der Fall. Wenn es einen Grund gibt, weshalb eine Bewegung wie die derzeitige nicht den Kapitalismus in Frage stellt, dann den, dass wir in ihr abwesend sind.

Bei der Gelegenheit: es gibt eine Reihe von interessanten Ähnlichkeiten und Unterschieden dieser Bewegung mit der Gilets Jaunes – Bewegung in Frankreich – nicht zuletzt ihre abseits bisheriger politischer Kräfte entstandenen Ausbreitung. Bei allen Unterscheiden: diese Gemeinsamkeit ist bemerkenswert und in meinen Augen ein starkes Indiz dafür, dass die führenden kapitalistischen Staaten auf eine Krise zusteuern, vor deren vollem Ausbruch im Knistern und Knacken des Gebälks die Massenloyalität ebenso rapide verschwindet wie das Vertrauen auf die Versprechung, die nächste Generation werde besser leben als die heutigen. Hieraus allein aber erfolgt keineswegs „automatisch“ eine Wende nach links oder gar in revolutionärer Richtung.

In dieses Knacken, Knistern und Rauschen hinein spricht der LA der KO mit einer kühlen, abgeklärten Sprache ganz so, als werde auch künftig alles seinen lehrbuchartigen Gang gehen. Unberührt und -gerührt von den Aufschreien, die eine „Zerstörung der CDU“ fordern oder etwa jener 26.000 Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler des deutschsprachigen Raums, die sich wundersamer Weise in kürzester Zeit auf einen gemeinsamen Text der „scientists for future“ einigen konnten – und wer einmal versucht hat, mit Naturwissenschaftlern politische Fragen zu diskutieren weiß, wie schwierig das sein kann – unberührt davon, dass sich ein vermutlich sozialdemokratisch-grüner Star des öffentlichen Interesses für naturwissenschaftliche Fragen wie Harald Lesch kürzlich in einem FR-Interview ausdrücklich für den „Sozialismus“ als einzige Rettung aussprach, geht der vorliegende LA der KO offenbar davon aus, dass all diese Bewegungen rund um sie herum sie nicht von der rein strukturformalen Diskussion abbringen darf, wie man am besten in den Massen arbeitet.

Es ist für mich offensichtlich, dass hier das Problem, in welcher Form man einen Inhalt am richtigsten darstellt, auf dem Kopf steht.

Dieses Verfahren hat, so sehe ich es, zwei Gründe.

Zum einen ist sich die KO über die Frage der kapitalistischen Klimakrise nicht einig. Eine gemeinsame Position dazu will sich die Organisation erst in einigen Monaten erarbeiten – offenbar unabhängig von der mit einem Beschluss der nächsten Vollversammlung vermutlich vorerst einmal beendeten Diskussion um die grundlegende Natur kommunistischer Massenarbeit (Anm. der Redaktion: Wir werden im Herbst 2019 eine organisierte, wissenschaftliche Diskussion um zentrale Fragen von Klimawandel und Ökologie und einer kommunistischen Haltung dazu führen. Diese offene Diskussion dient als Aufschlag um sich danach auch in den Arbeitsgruppen weiter mit den Themen zu beschäftigen.). Das ist für mich schwer nachvollziehbar und allenfalls als Ausdruck eines befremdlichen und wissenschaftsfeindlichen Irrationalismus (dazu: https://wurfbude.wordpress.com/2019/06/01/irrationalismus-und-imperialistische-gesellschaft/) zu verstehen. Aber das wird sicher in der KO selber gelöst werden können.

Mich erinnert die derzeit abstinente Haltung der KO zur Klimafrage an die bittere Erfahrung, dass auch die DKP sich Ende der 1980er Jahre aufgrund ihrer falschen Positionierung in der AKW-Frage von der größten außerparlamentarischen, teilweise militanten Bewegung der alten BRD, dem Kampf Hunderttausender gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, „diszipliniert“ fernhielt anstatt sie zu radikalisieren, wie zuvor schon jahrelang in der Anti-AKW-Bewegung.

Zum anderen scheint mir das lebendige Beispiel der Arbeitsweise unserer Klassiker hier nicht befolgt worden zu sein: sie zogen mit ihren bis heute wichtigen Texten eben gerade die Schlussfolgerung aus gemeinsam gemachten Kampferfahrungen und geben damit uns, wenn wir die Entstehung ihrer Texte als Quellen nutzen, noch heute die Chance, zu verstehen, was damals geschah und wie sie sich entschieden haben. Wir können ihnen dabei gleichsam über sie Schulter schauen, wie sie gekämpft, gedacht, gehandelt haben.

Der LA der KO geht genau umgekehrt vor: er legt, von jedem realen, lebendigen Inhalt bewusst abstrahierend, die Form fest, in der künftig gemeinsame Kampferfahrungen erst gemacht werden sollen. Das ist umso schwerer zu verstehen, als es in den Reihen der KO viele Genossinnen und Genossen gibt, die seit Jahren durchaus erfolgreich Massenarbeit geleistet haben. Diese Erfahrungen aber verschwinden gleichsam spurlos in den streng formal bleibenden Überlegungen des LA, anstatt den Leserinnen und Lesern die Chance zu geben, aus der lebendigen Anschauung vorgewiesener inhaltlicher Erfahrungen mit ihnen zusammen eine Diskussion zu beginnen (und nicht durch Beschluss zu beenden), in der es darum geht: was ist kommunistische Massenarbeit in der BRD heute?

Wenn man ein Konzept für kommunistische Massenarbeit erarbeiten will, muss man als Erstes als Kommunist/in mit und in den Massen sprechen, ihnen zuhören, mit ihnen diskutieren. Parallel dazu müsste in den Reihen der KO ein strikt kommunistischer Reflexionsprozess dieser Diskussion geführt werden, dessen Ergebnisse wieder offen in die Diskussion mit Arbeiterinnen und Arbeitern vor dem Betrieb oder in ihm, mit Nachbarschaftsgruppen, im Verein, in der Initiative zurückgegeben wird und so weiter. Stellt man sich diesen Prozess einmal konkret vor, wird man sofort sehen, dass er in seiner Form immer auch massiv vom jeweiligen Inhalt abhängt, von dem man den gesamten Prozess nur im Kopf, nicht aber in der gesellschaftlichen Realität trennen kann. All solche Prozesse laufen rund um die KO herum derzeit ab, und zwar lauter und stürmischer und selbstorganisierter als noch vor wenigen Jahren. Das hat nicht zuletzt objektive Gründe, die ihrerseits wieder formaler (zB. Rolle der sozialen Medien) und inhaltlicher Art (besonders der zeitkritischen Natur der dringend zu lösenden Fragen) sind. Von alledem lese ich im LA kein Wort.

Ein historisches Beispiel für einen in der Geschichte dieses Landes beispiellos wichtigen sozialen Prozess und Text zugleich ist die „Freedom Charta“ Südafrikas, die SACP und ANC in den frühen 1950er Jahren als Form und Inhalt in einem integrierten Prozess zustande brachten – gemeinsamer Ausgangspunkt unterschiedlichster nationaler wie internationaler Anti-Apartheid-Kräfte, der zum Sturz des rassistischen Apartheid-Regimes wesentlich beitrug. (Zugleich lehrt die Geschichte des ANC / der SACP nach der Befreiung, was geschieht, wenn man einen revolutionären Prozess nicht zu Ende führt. Aber das ist ein anderes Thema). Aus dem kritischen Studium der Entstehung dieser Freedom Charta (http://www.historicalpapers.wits.ac.za/inventories/inv_pdfo/AD1137/AD1137-Ea6-1-001-jpeg.pdf, https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheitscharta) könnten wir viel lernen für die Frage: wie bewegen sich Revolutionäre in der Massenarbeit heute?

Lenin beantwortete die Frage nach der Organisation von Parteistruktur und Massenarbeit seinerzeit mit der Gründung einer Zeitung als „kollektiver Propagandist und Organisator“ – also als Einheit von Inhalt und Form.

ANC und SACP erarbeiteten nach dem 2. Weltkrieg, zum Zeitpunkt eines enormen Aufschwungs antikolonialer Kämpfe, die Freedom-Charta nicht nur formal als „korrekten“ Text (den hätten die Genossinnen und Genossen damals sicher auch in kürzester Zeit alleine schreiben können) sondern als politischen Prozess mit weitreichender Wirkung – auch das eine beispielhafte Leistung von revolutionärer Erarbeitung einer historisch-konkreten, prozesshaften Einheit des Inhalts und der Form und genau deshalb so wirkungsvoll.

Niemand außer uns wird willens oder in der Lage sein, zB. in der derzeitigen Klima-, Mobilitäts-, Biodiversitäts- und Energiefrage (um nur einen zentralen Komplex zu benennen) so etwas wie eine revolutionäre, also eine die Eigentumsfrage hervorhebende, an den Interessen der Arbeiterklasse orientierte, auf die Überwindung des Kapitalismus abzielende strategische Position einzubringen. Wie wir auf diese und andere drängende Fragen in der kommunistischen Massenarbeit eine Antwort finden, kann ebenfalls nur Gegenstand des Prozesses sein, Inhalt und Form als situationsgerechte und dem strategischen Ziel dienende Einheit zu erarbeiten.

Aber die Form, in der wie das tun, ist selbst ein Inhalt. Sie muss im Zustand höchster Offenheit und revolutionärer Wachsamkeit uns selbst und denen gegenüber, mit denen wir sprechen zugleich und gemeinsam erarbeitet werden. Wenn wir sie quasi von vornherein fix und fertig mitbringen, muten wir denen, die wir für unseren Weg gewinnen wollen, schlimmstenfalls zu, sich einer Art black box anbequemen zu müssen. Das ist gewiss vom LA nicht so gewollt. Aber aus dem derzeitigen Entstehungsprozess des LA resultiert, so wie ich das derzeit sehe, für die künftige Massenarbeit der KO die Gefahr, dass wir nur allzusehr „mit uns selbst auf Tuchfühlung“ gehen (449).