Beitrag zur Diskussion um den Leitantrag – keine Positionierung der Kommunistischen Organisation (siehe Beschreibung der Diskussionstribüne)

von Fiona und Lip Gallagher

Vorfeldorganisationen

Um uns dem zu nähern, was man unter Vorfeldorganisationen verstehen kann, sollten wir uns zu Beginn anschauen was in Abgrenzung dazu eigentlich Massenorganisationen (MO) meinen und wie daneben die KP/KO in den Massen arbeitet.

Eine positive Bestimmung des Begriffs der Massenorganisationen wurde im Leitantrag der KO sehr umfangreich vorgenommen, weshalb ich ihn hier nur an Eckpunkten umreißen will. Massenorganisationen definieren sich demnach als „Organisationen in denen sich die Massen (die auf Seiten und im Interesse der Arbeiterklasse kämpfen. Anm. des Autors.) entlang ihrer ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse organisieren“. Sie funktionieren nach den drei Prinzipien der Aktivität/Selbsttätigkeit, der Eigenständigkeit/Unabhängigkeit und der Klassensolidarität.

Aktivität und die Förderung der Selbsttätigkeit, sowie Klassensolidarität sind zwei Prinzipien, die sich idealerweise in allen Organisierungsformen finden müssen, in denen Kommunistinnen und Kommunisten aktiv sind. Die Differenz, zwischen MO und der Arbeit in der Massen der KP/KO besteht demnach in der Frage der Eigenständigkeit/Unabhängigkeit bzw. Abhängigkeit.

Unabhängig müssen die MOs sein, damit die Arbeiterinnen und Arbeiter lernen sich für ihre eigenen Interessen zu organisieren. Sie lernen dabei, was es heißt zielgerichtet Diskussionen zu führen, Entscheidungen zu treffen und diese organisatorisch umzusetzen. Als Kommunisten in den MOs werden wir dabei nicht bevormunden, sondern argumentativ mit den Leuten um die richtigen Positionen ringen. Dabei kann es sein, dass wir dieses Ringen auch verlieren und Sachen anders gemacht werden, als wir es uns vorgestellt hätten. Wir gehen dieses „Risiko“ ein, weil wir vermitteln wollen, was wirkliche Demokratie bedeutet. Gleichzeitig prüfen und schärfen wir in den Diskussionen und Auseinandersetzungen in den Massen unsere eigenen Positionen, unsere agitatorischen und propagandistischen Fähigkeiten. Nur wenn wir durch objektiv richtige Argumente überzeugen, werden wir auch in unabhängigen Massenorganisationen eine klassenkämpferische Orientierung geben können. Mit dem Aufbau unabhängiger MOs legen wir den Grundstein für das, was später mal die Grundstrukturen einer revolutionären und später sozialistischen Ordnung sein werden.

Abhängige Strukturen hingegen benötigen wir an den Punkten, in denen wir es nicht zulassen können, dass die Inhalte verwässert werden, oder auf die eine oder andere Weise interpretiert werden können. So kann sich z.B. der offene Lesekreis, wenn er nur der Befriedigung eines kulturellen Bedürfnisses dient, um jedes X-beliebige Thema drehen. Dient er aber der Bildung unserer Mitglieder, werden wir penibel darauf achten, welche Inhalte in welcher Reihenfolge vermittelt werden. Die GuG, die diesen veranstalten werden Rechenschaft über Planung, Ablauf und Inhalt ablegen müssen. Im Interesse der Gesamtorganisation muss solch ein Lesekreis inhaltlich möglichst homogenisiert stattfinden.

In der Diskussion um Massenarbeit taucht nun aber zusätzlich der Begriff des Vorfelds auf. In der Argumentation erscheinen diese Vorfeldorganisationen als ein Hybrid zwischen den oben definierten unabhängigen MOs und den Angeboten der KP/KO für die breite Masse. Nach Außen machen sie den Anschein einer MO, werden dabei aber inhaltlich von der KP/KO bestimmt, sind also keineswegs unabhängig von ihr. Ob oder warum man solch ein Konstrukt bauen sollte, scheint dabei nicht willkürlich zu sein. Vielmehr scheinen darin Annahmen über die Verfasstheit unserer Gesellschaft zu stecken. Historisch gibt es einige Beispiele, in denen Kommunisten Organisationen gegründet haben, die der Form nach als MOs erschienen, dem Inhalt nach aber straff abhängig organisiert waren. Kommunisten griffen immer dann auf solch eine Form zurück, wenn zu befürchten war, dass ein direkter und offener Kontakt mit den Strukturen der KP/KO zur Einspülung von Spitzeln oder zu direkter Repression geführt hätte. Die Vorfeldorganisation also als Puffer. Auch heute noch gibt es einige K-Gruppen, hier vorwiegend Gruppen aus dem maoistisch/hoxhaistischen Spektrum, die sich im Geheimen organisieren. Sie treten nicht offen mit einem Angebot an die Massen auf, sondern immer nur vermittelt mit Organisationen, die nicht sofort auf sie selber schließen lassen. Als Grundlage für dieses geheime oder verdeckte Handeln, nennen sie dann oft die gesellschaftlichen Bedingungen. Wenn wir also davon ausgehen, dass wir in offen faschistischen Zeiten leben und agieren, dann ist es nur logisch und konsequent, dass wir uns auch genau so organisieren. Dabei kann für uns als Kommunisten nicht die Parole lauten: einfach auf Nummer sicher gehen und direkt geheim organisieren. Denn eine Partei mit Massenwirkung im Geheimen aufzubauen bedarf dabei natürlich einem immensen Mehraufwand und wird immer zulasten breiter Mobilisierungsfähigkeiten gehen.

Die Frage, ob wir nun unsere Massenarbeit abhängig oder unabhängig von der KP/KO machen, scheint an die Frage gekoppelt, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen wir heute agieren.

Was meint ideologische Abhängigkeit?

Die Frage, ob eine Organisation abhängig ist oder nicht, ist die Frage, ob in ihnen die Beschlüsse der KP/KO sowie ihre ideologische Grundlage verbindlich sind oder nicht.

So mag es vielleicht einfach sein z.B. einen Jugendverband, der sich in größten Teilen aus Sympathisanten einer KP/KO speist, unabhängig zu nennen und gleichzeitig unsere Prinzipien der Massenorganisation (Aktivität/Selbsttätigkeit, Eigenständigkeit/Unabhängigkeit, Klassensolidarität) verwirklicht zu sehen. Die dort organisierten Jugendlichen stehen mit uns in Austausch, nehmen unsere Positionen und Vorschläge zur Organisierung an, weil sie von sich aus damit sympathisieren, oder sogar selber Mitglieder der KP/KO sind. Aber was bedeutet diese Unabhängigkeit denn in anderen Organisationen des Alltags? Schauen wir uns den einfachen Sportverein an. Jeder, der mal Sport in einem herkömmlichen Verein betrieben hat, wird ein Lied von undurchsichtigen Hierarchien, sowie übertriebener Bürokratie und Formalismus singen können. Nicht umsonst gibt es das tolle deutsche Wort Vereinsmeierei, welches beschreibt, dass die inhaltliche Vereinsarbeit hinter Formalia und Bürokratie zurücksteht. Eine Umsetzung oder nur Anlehnung an eine aktivierende, unabhängige und (klassen-)solidarische Massenorganisation wird in einem solchen Rahmen, ohne unser Wirken, nicht stattfinden. Diese Art des Vereinswesen ist also eigentlich das Gegenteil von dem, was wir uns als Kommunisten unter einer fortschrittlichen Struktur vorstellen. Wir werden nun aber nicht den Schluss daraus ziehen Vereine, in denen sich eine solche Vereinsmeierei zeigt, links liegen zu lassen. Ganz im Gegenteil sollten wir versuchen auch gerade dort für die Umsetzung unserer drei Prinzipien zu streiten. Als Strukturen, in denen sich Massen entlang ihrer Bedürfnisse organisieren, sind sie für uns als Wirkfelder zu betrachten. Unser Ziel muss es dabei sein, ideologische Führung zu übernehmen, ohne die Leute dabei zu bevormunden. Das kann in einem von sich aus von der KP/KO unabhängigen herkömmlichen Sportverein ganz klar nicht durch Bindung an die Beschlüsse der KP/KO geschehen oder auch nur durch Sympathie mit unseren Grundlagen, sondern durch die Vorreiter-Rolle der dort agierenden Kommunisten als Streiter für die inhaltliche Füllung des Vereins, auf Grundlage unserer drei Prinzipien. Offenheit und Transparenz in Diskussionen und Beschlusswesen haben dabei oberste Priorität und sind damit das genaue Gegenteil vom bürgerlichen Vereinswesen.

Das „politische Bedürfnis“

Ein weiteres Phänomen in der Debatte wird als „politisches Bedürfnis“ benannt. Einige unserer GuG behaupten, dass wir die Massen nicht nur an ihren sozialen, ökonomischen und kulturellen, sondern auch an ihren politischen Bedürfnissen aktivieren sollten. Aber was soll das sein, ein politisches Bedürfnis in Abgrenzung zu den drei anderen? Und wieso sollten wir dieses Bedürfnis nicht in der KP/KO befriedigen, sondern in separaten MOs? Zwei populäre Beispiele dazu:

Zum einen gibt es einen Trend zur Organisierung bezüglich sog. Palästinasolidarität. Dieses Thema ist für die internationale kommunistische Bewegung wichtig wie kein zweites. Gerade in der BRD scheint es der Gradmesser für die Frage zu sein, ob jemand für oder gegen den deutschen Imperialismus und seine Vasallen streitet. Ein Thema also, dass eine viel zu große Schwere hat, um es in der MO der grundsätzlichen Diskussion preiszugeben und hier Gefahr zu laufen, eine weichgewaschene äquidistante Position gegen die Interessen der Geknechteten und Unterdrückten in Israel und Palästina tragen zu müssen. Wenn es aber nun darum gehen soll, Betroffene selber zu organisieren, dann scheint das Thema mit einfacher „Palästinasolidarität“ doch recht falsch übertitelt zu sein. Die Besatzung der Palästinenser mag die Ursache für eine Reihe von Problemen sein, aber sie sind in der alltäglichen Konsequenz nicht unbedingt das dringendste Problem dieser Leute. Nach Deutschland geflüchtet, sind sie hier ebenso Opfer von sich verschärfenden Asyl- und Sozialgesetzen, der Ausbeutung durch sog.“Samsara“ (arabisch für „Vermittler“; die neu ankommenden Flüchtlingen Hilfe, Arbeit und Wohnungen anbieten, sie dabei aber oft betrügen) und rassistischen und islamophoben Anfeindungen. Die Probleme dieser Leute sind alltäglicher Natur, eine Auseinandersetzung mit Palästina aufgrund eines vermeintlich „politischen Bedürfnisses“ dabei häufig zweitrangig. Wenn also eine MO an den Bedürfnissen von Palästinensischen Flüchtlingen entstehen soll, dann muss diese viel Themen- und Ergebnisoffener aufgebaut werden und sich an ihren sozialen, kulturellen und ökonomischen Bedürfnissen orientieren. Wie in allen anderen MOs muss unser Anspruch sein, Probleme und Lebenslagen auf das kapitalistische System und seine Auswirkungen zurückzuführen und die gesellschaftlichen Gesamtzusammenhänge aufzuzeigen. Wenn also aus der MO heraus eine Palästina-solidarische Aktion o.Ä. erwächst, umso besser. Eine Organisierung allerdings an einem vermeintlichen „politischen Bedürfnis“ zu beginnen, zäumt das Pferd sozusagen von hinten auf.

Ein anderes Beispiel sind Studenten. Unumstritten gibt es das Phänomen, dass junge Menschen für ihr Studium die Stadt und den Wohnort wechseln, sich in neue soziale und kulturelle Kreise begeben und anfangen, sich für die Welt und ihre Wirkmechanismen zu interessieren. Auslandssemester, Bundesfreiwilligendienste, oder sonstige voluntaristische Arbeiten öffnen den Jugendlichen durchaus die Augen für die Probleme der Welt. Dabei werden wohl weniger die eigene Stellung in der kapitalistischen Gesellschaft zur Grundlage des Handels gemacht, als vielmehr etwas, was man als politisches Bedürfnis überschreiben könnte. Nur sollten wir als Kommunisten dem bloßen Vorhandensein von so etwas wie einem politischen Bedürfnis Rechnung tragen, um Menschen an diesen diffusen Gefühlen zu organisieren? Wozu solch eine rein „politische“ Organisierung, ohne Erdung an soziale oder ökonomische, sprich also an materialistische Grundlagen, führt, sehen wir heute in den mannigfaltigen Verfehlungen Postmoderner Ideologien. Unsere Aufgabe als Kommunisten muss es sein, den Leuten die Zusammenhänge in der Welt richtig und verständlich vor Augen zu führen. Jede politische Neigung muss hin zu einer marxistisch-leninistischen Analyse geführt werden. Auch hier: Entweder organisieren wir Studierende in MOs an der Frage der Jugend, der Ausbildung, Berufsperspektiven, Kämpfen um bezahlbaren Wohnraum, oder der Finanzierung des Studiums. Oder wir werden sie, wenn sie politisch interessiert sind und ein gewisses Klassenbewusstsein haben, an die KP/KO heranführen.

MOs mit der Befriedigung eines „politischen Bedürfnisses“ zu begründen, scheint recht diffus und öffnet Tür und Tor für die Organisierung anhand idealistischer, moralischer und/oder spontaner Eingebungen anstelle von materiellen Grundlagen. Sie bergen die Gefahr inhaltliche Diskussionen zu verwässern und abzulenken, da sie nicht an die realen Kämpfen der Masse gekoppelt sind.