Beitrag zur Diskussion um den Leitantrag – keine Positionierung der Kommunistischen Organisation (siehe Beschreibung der Diskussionstribüne)

von Jakob Schulze

Zuallererst möchte ich Mina meinen Dank für ihren Beitrag aussprechen – sie hat damit eine Diskussion aufgemacht, die weit über die Diskussionen in der Kommunistischen Organisation hinausgeht. Es ist eine Frage, die meines Erachtens in einem Großteil der Kommunistischen Bewegung in Deutschland falsch beantwortet wird: Die Frage des Verhältnisses von Partei und Masse. Hier also ein paar kurze Gedanken von mir dazu.

Bereits im dritten Absatz ihres Beitrags wird der Widerspruch deutlich, in dem sich die gesamte folgende Argumentation von Mina verfängt. Sie schreibt:

„Aus meiner Sicht ist das entscheidende Kriterium, dass Vorfeldorganisationen ein offenes Angebot der Partei/Organisation sind und ihr Verhältnis zur Partei/Organisation auch klar benannt wird. Dennoch müssen aus meiner Sicht, genauso wie in Massenorganisationen auch, dort die Entscheidungen getroffen werden.“

Der Widerspruch, um den es mir hier geht, ist Folgender: Ein Angebot, welches den Namen der KO trägt (dazu zählt also auch das Beispiel des KO-Lesekreises der Genossin), kann unmöglich ein „offenes“ Angebot in dem Sinne sein, dass dort alle Entscheidungen getroffen werden können. Ich versuche zu begründen, warum das ein Widerspruch ist, in den sich viele Organisationen der kommunistischen Bewegung in ihrer Praxis begeben und damit letztlich scheitern.

Dafür zuerst ein grundsätzlicher Gedanke zur Frage der Avantgarde. Es ist wenig gewonnen, wenn wir uns als Avantgarde verstehen ohne in der Praxis den Beweis zu erbringen: Denn erst, wenn die Arbeiterklasse sich davon überzeugt hat, dass wir die richtigen theoretischen und praktischen Antworten haben, werden sie uns in der Entscheidungsschlacht auch folgen und wir werden in der Lage sein, die Besten aus ihren Reihen als Kommunisten zu organisieren. Zentral für die Entwicklung zur Avantgarde ist es also, dass die Arbeiterklasse richtige, klare Antworten auf die Fragen der Zeit von uns bekommen und wir einheitlich und nicht widersprüchlich auftreten.

Und hier ist genau die Krux: Voraussetzung dafür, dass wir als KO als eine einheitlich agierende Struktur wahrgenommen werden, ist unsere Selbstbestimmung. Alles, was den Stempel der KO trägt, muss von der KO auch wieder rückgängig, angepasst, weiterentwickelt werden können. Denn sonst droht die Gefahr, dass wir nach außen nicht mehr einheitlich agieren, die Massen Widersprüche in unserer Propaganda und unserer Praxis erkennen und uns demnach nicht folgen werden.

Ich versuche, diesen Gedanken jetzt auf ein Beispiel anzuwenden, was Mina beschreibt. So schreibt sie über ihre Erfahrungen mit einem Lesekreis:

„Wir haben sehr gute Erfahrungen mit einem Lesekreis gemacht, der wohl eher die Kriterien einer Vorfeldstruktur erfüllt, als die einer Massenorganisation. Jetzt könnte man das Argument heranziehen, dass wir dort versuchen Menschen anhand ihrer kulturellen Bedürfnisse zu organisieren und der Lesekreis deswegen einen Massenorganisation ist, allerdings finde ich, dass wir es uns damit zu einfach machen. Denn de facto ist dies offiziell der Lesekreis der KO, zudem Menschen aus zwei Gründen kommen. Zum einen kommen Leute, die es einfach cool bei uns finden und Lust haben sich zu bilden. Auf der anderen Seite kommen einige auch, weil sie uns als Organisation spannend finden und sich weitergehend politisch 0rganisieren wollen. Wenn wir diesen Lesekreis nicht hätten, hätten wir grade keinerlei Möglichkeit diese Leute einzubinden.“

Wenn es sich also um einen Lesekreis handelt, der offiziell ein Lesekreis der KO ist – dann können wir nicht von einer Massenorganisation sprechen. Die Teilnehmer kommen, weil sie „es einfach cool bei uns finden und Lust haben sich zu bilden“ oder „uns als Organisation spannend finden und sich weitergehend politisch organisieren wollen“ und werden wohl kaum damit ein Problem haben, wenn die KO bestimmt, was gelesen wird. Dadurch haben wir den großen Vorteil, angepasst an den Wissensstand der Teilnehmer, die Bildungsfragen in den Vordergrund zu stellen, die wir für zentral halten. Die zugrundeliegende Zielstellung ist hier, konkret die kommunistischen Inhalte an die Beteiligten zu vermittelt, sodass sie sich einem kommunistischen Standpunkt weiter annähern.

Ein Lesekreis als Massenorganisation hingegen würde in erster Linie die Prinzipien Aktivität, Solidarität und Unabhängigkeit in den Vordergrund stellen. Das Lesen und Diskutieren wäre auch dazu da um Inhalte zu vermitteln, jedoch würde das nicht im Vordergrund stehen: Es könnte auch ein Lesekreis zu einem Roman oder der Zeitung sein und es ginge darum, das die Beteiligten Kollektivität erleben und gemeinsame Entscheidungen treffen und Lesen und diskutieren lernen. Die Leute entscheiden selbst was sie lesen, die Genossen der KO beteiligen sich bei der Entscheidungsfindung und diskutieren gleichberechtigt mit. Hier könnte sich im unglücklichen Fall herausstellen, dass sich niemand weiter organisieren will – dann sollten die KOler darüber nachdenken, ob eine Beteiligung weiterhin sinnhaft ist.

Ein Lesekreis könnte also einerseits ein direktes Angebot der KO oder andererseits eine Massenorganisation auf Basis der Prinzipien der Massenarbeit sein. Er sollte jedoch auf keinen Fall beides gleichzeitig sein, weil dadurch das Verhältnis zwischen Avantgarde und Masse undurchsichtig wird. Genau das ist es aber, was die Praxis so vieler kommunistischer Gruppen ausmacht: Es ist meistens kaum durchsichtig, wer im offenen Antifa-Treffen, Stadtteil-Treff usw. das Sagen hat. Oft genug treffen die „Vorfeldstrukturen“ selbst Entscheidungen, bis die kommunistische Gruppe im Hintergrund diese Entscheidung wieder zurückdreht, weil sie nicht ihrer Linie entspricht. Bewusstsein über die Frage von Richtig und Falsch der konkreten Praxis wird bei den Beteiligten so nicht entwickelt – vielmehr aber Misstrauen und Passivität, hervorgerufen durch einen intransparenten Entscheidungsweg.

Für uns ist außerdem eine zweite Frage in der Praxis von großer Bedeutung – die Frage um das zugrunde liegende Ziel der jeweils konkreten Praxis im Rahmen unseres revolutionären Ziels. Und bei dieser Frage lässt und Mina im Dunkeln: Was ist die Zielstellung der jeweiligen konkreten Praxis, die wir als KO organisieren wollen?

Zweifelsohne sollten wir bei Angeboten der KO selbst und bei Massenorganisationen von unterschiedlichen unmittelbaren Zielstellungen ausgehen: Mit direkten Angeboten der KO wollen wir unsere inhaltlichen Positionen als Kommunisten propagieren und unter den Massen verbreiten – denn das können wir kompromisslos und selbstbestimmt nur mit den eigenen Strukturen. Wir geben Zeitungen, Stellungnahmen etc. raus und machen Seminare, Lehrgänge, Abendveranstaltungen, Kundgebungen usw.

Massenorganisationen bauen wir allerdings nicht auf, um unmittelbar unsere Positionen über die Massenorganisation zu propagieren – sondern in allererster Linie um die Arbeiterklasse praktisch auf die revolutionäre Situation vorzubereiten: Sie zu organisieren, zu aktivieren und Solidarität unter ihnen zu verbreiten heißt es in der Massenarbeit. Und dass dieser Prozess um ein vielfaches besser geht, wenn die Leute in den Massenorganisationen selbst entscheiden, selbst auf die Schnauze fallen und wieder aufstehen, ohne, dass nach außen hin derselbe Anspruch an Einheitlichkeit erfüllt werden muss wie bei der KO, ist meines Erachtens offensichtlich.

In diesem Zusammenhang erschließt sich mir nicht, warum die Genossen der Ortsgruppe von Mina die Wanderungen nicht als unabhängige lose Massenorganisation veranstalten? Warum muss dabei das Label „KO“ drauf kleben? Vielleicht tue ich den Genossen unrecht und es geht um eine Wanderung, die einen inhaltlichen Fokus hat, bei dem bestimmte Positionen der Kommunisten erklärt werden (zB. eine antifaschistische Wanderung, ein antimilitaristischer Stadtspaziergang o.ä.). Aber wenn es, wie Mina schreibt, in erster Linie darum geht, ein Angebot zu haben „in dem wir in Kontakt mit Menschen kommen, mit ihnen diskutieren können und ihnen aufzeigen können, was ein solidarischer Umgang untereinander bedeutet“ wäre meines Erachtens ein vor der KO unabhängiges Angebot richtiger. Denn je mehr Einfluss die Menschen auf die Entscheidungsfindung haben, umso stärker kann sich ihr Verantwortungsgefühl ausprägen und sie in Aktivität bringen.

Die Prinzipien der Massenarbeit sind, entgegen der Vorstellung von Mina, nicht einfach auf die direkten Angebote der KO übertragbar. Es versteht sich von selbst, dass auf Veranstaltungen der KO ein solidarischer Umgang gepflegt werden muss und wo möglich auch Menschen außerhalb der Organisation in kleine Verantwortungsbereiche einbezogen werden können – jedoch steht im Vordergrund, dass wir inhaltlich richtige Positionen nach außen propagieren und einheitlich auftreten. Diese Beschränkung macht es nur sehr begrenzt möglich, Außenstehende in die Verantwortung einzubeziehen und gerade die Entscheidungsfindung darf nicht von ihnen abhängig gemacht werden.

Auf der anderen Seite hat Selbstständigkeit/Unabhängigkeit gegenüber der KO eine weitergehende Bedeutung als nur finanziell und organisatorisch: Es geht darum, dass wir in den Massenorganisationen um die richtige politische Linie streiten – sie aber keinesfalls voraussetzen können. In dem Sinne sind Massenorganisationen also auch ideologisch von uns unabhängig – auch wenn es oft so sein wird, dass wir von Anfang an großen ideologischen Einfluss haben können. Wenn wir unseren Job als Avantgarde allerdings richtig machen, werden sich die Massenorganisationen an uns orientieren. Interessanterweise geht Mina davon aus, dass „wir diese Strukturen entweder aufbauen und/ oder eine wichtige Rolle in ihnen spielen“ – das mag für Massenorganisationen im Wohnviertel stimmen, jedoch stimmt das nicht für die wohl wichtigsten und größten Massenorganisationen: die Gewerkschaften. Die Gewerkschaften sind vollständig unabhängig von uns – es bleibt uns nichts Anderes, als um die richtige Linie in den Gewerkschaften zu streiten.

Zum Schluss ist Mina zuzustimmen, dass es „auch Strukturen [braucht], die in einer Abhängigkeit von uns sind und klar als Angebote der kommunistischen Organisation beworben werden können.“ Wenn Sie den Begriff der „Vorfeldstrukturen“ so versteht, dann wäre ihr zuzustimmen. Allerdings ist das nicht vereinbar mit einer umfassenden demokratischen Entscheidungsfindung innerhalb dieser konkreten Strukturen – denn das würde die Einheit der Organisation gefährden. Die Entscheidungen werden innerhalb der KO getroffen und müssen begründet werden können. Wer sich an solchen Angeboten der KO beteiligt muss darüber im Klaren sein, dass er sich aus freien Stücken unter die Führung der KO begibt.