Beitrag zur Diskussion um den Leitantrag – keine Positionierung der Kommunistischen Organisation (siehe Beschreibung der Diskussionstribüne)

Ein Gastbeitrag von Karsten Schönsee

Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. […] Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen hat, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehen.“ Karl Marx

Befreit die Philosophie aus der Haft der Hörsäle und Lehrbücher der Philosophen und verwandelt sie in eine scharfe Waffe in den Händen der Massen!“ Mao Tsetung

Im Leitantrag* wird der Begriff des Klassenkampfes an verschiedenen Stellen immer nur als ökonomischer und politischer Kampf geschildert. Dies greift aber zu kurz, da der Klassenkampf des Proletariats nach drei Seiten hin geführt werden muss: Ökonomisch, politisch und theoretisch/ideologisch. So verweist W.I. Lenin am Schluss des I. Kapitels von „Was tun?“ auf die Bedeutung des theoretischen Klassenkampfes. Darauf müssen wir heute in einer Situation hinweisen, in der die reformistische, revisionistische und ökonomistische Sichtweise auf den Klassenkampf – selbst in der kommunistischen Bewegung (nicht nur in der BRD) – weit verbreitet ist:

Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, in der die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart. […] Wir wollen Engels` Bemerkung über die Bedeutung der Theorie in der sozialdemokratischen Bewegung anführen, die aus dem Jahre 1874 stammen. Engels spricht nicht von zwei Formen des großen Kampfes der Sozialdemokratie (dem politischen und dem ökonomischen) –wie es bei uns üblich ist – sondern von drei, indem er neben diese auch den theoretischen Kampf stellt.“ (W.I. Lenin, Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung, Peking, S. 34-36 oder LW Band 5, S. 379-381). Dieses wichtige Zitat von Friedrich Engels, das er der deutschen Arbeiterbewegung in seiner Vorbemerkung zu der Broschüre „Der deutsche Bauernkrieg“ mit auf den Weg gibt, kann im Band 18 der Marx-Engels-Werke (MEW 18, S. 516-517) eingesehen werden.

Daher ist es eine dauernde Aufgabe jedes Kommunisten, sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung, also der Theorie des Marxismus-Leninismus (als der theoretischen Verarbeitung und Verallgemeinerung der Klassenkämpfe in der Welt und der Geschichte) zu beschäftigen, diese zu studieren und zu propagieren. Denn: Die Theorie ist die Erfahrung der Arbeiterbewegung aller Länder, in ihrer allgemeinen Form genommen. Natürlich wird die Theorie gegenstandslos, wenn sie nicht mit der revolutionären Praxis verknüpft wird, genauso wie die Praxis blind wird, wenn sie ihren Weg nicht durch die revolutionäre Theorie beleuchtet. Aber die Theorie kann zu einer gewaltigen Kraft der Arbeiterbewegung werden, wenn sie sich in untrennbarer Verbindung mit der revolutionären Praxis herausbildet, denn sie, und nur sie, kann der Bewegung Sicherheit, Orientierungsvermögen und Verständnis für den inneren Zusammenhang der sich rings um sie abspielenden Ereignisse verleihen, denn sie, und nur sie, kann der Praxis helfen zu erkennen, nicht nur wie und wohin sich die Klassen in der Gegenwart bewegen, sondern auch, wie und wohin sie sich in der nächsten Zukunft werden bewegen müssen.“ (J.W. Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, Peking, 1969, S. 23 oder SW Band 6, S. 79)

Und zur Einheit von Theorie und Praxis schreibt Mao Tsetung in „Über die Praxis“: „Die Marxisten sind der Ansicht, daß nur die gesellschaftliche Praxis der Menschen das Kriterium für den Wahrheitsgehalt ihrer Erkenntnis der Außenwelt ist. In der Tat wird ihre Erkenntnis erst dann als richtig bestätigt, wenn die Menschen im Prozeß der gesellschaftlichen Praxis (im Prozeß der materiellen Produktion, des Klassenkampfes und wissenschaftlicher Experimente) die von ihnen erwarteten Ergebnisse erzielt haben. […] Durch die Praxis die Wahrheit entdecken und in der Praxis die Wahrheit bestätigen und weiterentwickeln; von der sinnlichen Erkenntnis ausgehen und diese aktiv zur rationalen Erkenntnis fortentwickeln, sodann wieder, ausgehend von der rationalen Erkenntnis, aktiv die revolutionäre Praxis anleiten, die subjektive und objektive Welt umzugestalten; Praxis, Erkenntnis, wieder Praxis und wieder Erkenntnis – diese zyklische Form wiederholt sich endlos, und der Inhalt von Praxis und Erkenntnis wird bei jedem Zyklus auf eine neue höhere Stufe gehoben. Das ist die ganze Erkenntnistheorie des dialektischen Materialismus, das ist die dialektisch-materialistische Theorie der Einheit von Wissen und Handeln.“ (Mao Tsetung, Fünf philosophische Monographien, Peking, 1976, S. 3 und 22-23).

Diese wichtige und brennende Aufgabe kann man nicht einem „wissenschaftlichen Apparat“ (offen-siv 2-2019, S. 42) überlassen. Der kann im besten Fall richtige Materialien, Orientierungen usw. liefern, doch nicht ersetzen, dass sich alle Parteimitglieder und die proletarischen Volksmassen ihren eigenen Kopf über diese theoretischen Probleme (besonders deren Grundlagen) zerbrechen. Ein gutes Beispiel welche Formen so eine Massendiskussion über theoretische Fragen annehmen kann, ist der Band „Eins teilt sich in zwei. Hundert Beispiele zur Illustration des Gesetzes von der Einheit der Gegensätze“ (Hamburg, 1971) aus der Großen Proletarischen Kulturrevolution in der VR China. Folglich definiert auch die Kommunistische Partei Chinas in ihrem auf dem IX. Parteitag am 14. April 1969 angenommenen Statut in Artikel 3 die folgenden Pflichten der Parteimitglieder: „Das Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas muss: 1) den Marxismus, den Leninismus und die Maotsetungideen lebendig studieren und anwenden; 2) sich für die Interessen der großen Mehrheit der Menschen in China und der Welt einsetzen; 3) sich mit der großen Mehrheit der Menschen zusammenschließen können [… und] besonders wachsam sein und verhindern, daß Halunken dieser Art die Führung in Partei und Staat auf irgendeiner Ebene an sich reißen, und somit gewährleisten, daß die Führung der Partei und des Staates für immer in der Hand marxistischer Revolutionäre liegt; 4) bei auftauchenden Anliegen sich mit den Massen beraten; 5) den Mut haben, Kritik und Selbstkritik zu üben.“ (Statut der Kommunistischen Partei Chinas, Peking, 1969, S. 18-20)

Weiterhin fehlt mir bei der Frage der Diktatur des Proletariats (offen-siv 2-2019, S. 41-42) die dritte Stufe der Erringung und Verteidigung der Diktatur des Proletariats – nach der Pariser Kommune (1871) und der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution (1917) – die Große Proletarische Kulturrevolution (1966-1976) in der VR China unter Führung von Mao Tsetung (siehe dazu: Es lebe der Sieg der Diktatur des Proletariats! Zum 100. Jahrestag der Pariser Kommune, Peking, 1971). Dabei bin ich mir durchaus darüber bewusst, dass es hier noch längerer intensiver Diskussionen über die Einschätzung der Kulturrevolution in China und dem Weg zur effektiven Bekämpfung des modernen Revisionismus in der Welt bedarf. Ohne darauf eine schlüssige Antwort zu geben, wird es für die kommunistische Bewegung keine Zukunft geben.

* Alle Zitate aus dem Leitantrag beziehen sich auf die Veröffentlichung in der offen-siv Nr. 2-2019, S. 33-71