Literatur und Filme über die DDR

Wir haben eine fortlaufende Liste mit Literatur und Filmen über die DDR erstellt. Entsprechend der Kapitel aus unserer Dokumentation DAS ANDERE LEBEN findet ihr hier passendes Hintergrundmaterial. Ergänzungsvorschläge sind willkommen!

Neuanfang; Gründung der DDR

Online verfügbare Texte

Filme

Belletristik

  • Roman über Arbeiter und Bauernförderung zu Beginn:
    Hermann Kant (1981): Die Aula, Berlin: Rütten & Loening, 22. Auflage.

Bildungssystem der DDR

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  • Prof. Dr. Helmut Klein, Dr. Wolfgang Reischock (1971): Aus erster Hand: Bildung für heute und morgen eine Information über das einheitliche sozialistische Bildungssystem der DDR, Berlin (DDR): Staatssekretariat für westdeutsche Fragen.

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Filme

Belletristik

  • Günter Görlich (1978): Eine Anzeige in der Zeitung, Berlin: Verlag Neues Leben, 2. Auflage.

Frühe Kindheit

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  • Ministerium für Volksbildung (1985): Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten, Berlin: Volk und Wissen Volkseigener Verlag.

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Politische Bildung

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Pioniere

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  • Dr. Wilfried Poßner (1995): Immer bereit. Parteiauftrag: kämpfen, spielen, fröhlich sein, Berlin: Edition Ost.

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Belletristik

  • Arkadi Gaidar (1969): Timur und sein Trupp, Berlin: Der Kinderbuchverlag, 17. Auflage.

Völkerfreundschaft

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Filme

Belletristik

  • Henry-Martin Klemt (2016): Das Licht des 13. Mondes. Äthiopisches Tagebuch, Norderstedt: Books on Demand.

Jugendleben

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Filme

  • DEFA-Film: „Den Wolken ein Stück näher“

Belletristik

  • Joachim Wohlgemuth (1962): Egon und das achte Weltwunder, Berlin: Verlag Neues Leben, 21. Auflage.

  • Karl Neumann (1958): Frank. Berlin: Kinderbuchverlag.

  • Karl Neumann (1964): Frank und Irene. Berlin: Kinderbuchverlag.

  • Karl Neumann (1982): Frank bleibt Kapitän. Berlin: Kinderbuchverlag.

Ein schwerer Anfang

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  • Jörg Rösler (2012): Geschichte der DDR, Köln: PapyRossa, S. 14-30.

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Filme

Belletristik

  • Maria Langner (1962): Stahl, Berlin: Volk und Welt.

  • Willi Bredel (1962): Ein neues Kapitel, Berlin: Aufbau-Verlag.

System der Planwirtschaft in der DDR

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  • Georg Polikeit (1966): Die sogenannte DDR. Zahlen, Daten, Realitäten. Eine Landeskunde über den anderen Teil Deutschlands, Dortmund: Weltkreis, S. 47-56.

  • Milke, Möller, Mühlefeldt,  Schilling (1979): Die Planmäßigkeit der Entwicklung der sozialistischen Volkswirtschaft, Berlin: Dietz. Anlagen 3-5.

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Betriebsleben

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  • Georg Polikeit (1966): Die sogenannte DDR. Zahlen, Daten, Realitäten. Eine Landeskunde über den anderen Teil Deutschlands, Dortmund: Weltkreis, S. 57-71.

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Filme

  • DEFA-Film: „Spur der Steine“

Anreiz zur Arbeit

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  • Walter Ulbricht (1951): Lehrbuch für den Demokratischen Staats- und Wirtschaftsaufbau. Dietz Verlag: Berlin, S.64-90.

  • Jörg Roesler (2003): Ostdeutsche Wirtschaft im Umbruch. 1970-2000, Bonn: BPB.

Mangelwirtschaft

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  • Siegfried Wenzel (2000): Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben? Versuch einer Abschlussbilanz, Berlin: Das neue Berlin, 2. Auflage.

Online verfügbare Texte

  • (Statistische Aufschlüsselung des Konsumniveaus in der DDR:) Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik / Zeitschriftenband 1991, Ost-Berlin: VEB Deutscher Zentralverlag.
    https://www.digizeitschriften.de/dms/img/?PID=PPN514402644_1990|log24&physid=phys344#navi (S. 323)

Ökonomische Widersprüche

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  • Gerfried Tschinkel (2017): Die Warenproduktion und ihr Ende. Grundlagen einer sozialistischen Wirtschaft, Köln: PapyRossa.

  • Jörg Roesler (2003): Ostdeutsche Wirtschaft im Umbruch. 1970-2000, Bonn: BPB.

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Videos

  • Frank Flegel: Intershops und die Zerstörungskraft der DM in der DDR, Vortrag von der wissenschaftlich-strategischen Konferenz der KPD zum 70. Jahrestag der Gründung der DDR.
    https://www.youtube.com/watch?v=c8–AFne8uQ

Wohnen

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  • Niederländer, Loni [Hrsg. vom Wiss. Rat für Soziolog. Forschung in d. DDR]: Arbeiten und Wohnen in der Stadt, Dietz, Berlin, 1984.

  • Erhard Gisske (Hrsg.): Bauen in Berlin. 1973–1987. Koehler u. Amelang, Leipzig 1987.

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Filme/Serien/Videos

Belletristik

  • Erhardt Gisske (1988): Bauen – mein Leben. Berlin: Dietz.

Kultur

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  • Hans Koch (1983): Grundlagen sozialistischer Kulturpolitik in der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin: Dietz.

  • Gerd Dietrich (1983): Um die Erneuerung der deutschen Kultur : Dokumente zur Kulturpolitik 1945 – 1949 / [Inst. für Marxismus-Leninismus beim ZK d. SED]., Berlin: Dietz.

  • Alexander Abusch (1981): … einer neuen Zeit Beginn : Erinnerungen an d. Anfänge unserer Kulturrevolution 1945 – 1949 / hrsg. vom Inst. für Marxismus-Leninismus beim ZK d. SED u. vom Kulturbund d. DDR, Berlin: Dietz.

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Videos

Belletristik

  • FDGB (Hrsg.): Geliebte Republik: Aus dem Schaffen unserer schreibenden Arbeiter, Karl-Marx-Stadt, 1960. 

Frauen

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  • Walter Ulbricht(1968): Frauen – Miterbauerinnen des Sozialismus. Aus Reden und Aufsätzen. Herausgegeben vom Bundesvorstand des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands mit Unterstützung des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Verlag für die Frau, Leipzig 1968.

  • Wissenschaftlicher Beirat „Die Frau in der sozialistischen Gesellschaft“ bei der Akademie der Wissenschaften der DDR (Hrsg.): Zur gesellschaftlichen Stellung der Frau in der DDR. Verlag für die Frau, Leipzig 1978.

  • Inge Hieblinger: Frauen in unserem Staat. Einige Probleme der Förderung der Frau unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution in der DDR. Staatsverlag der DDR, Berlin 1967.

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Videos

Sport

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  • Autorenkollektiv (1987): Jugend und Sport, Dietz Berlin. 

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Filme

Belletristik

  • Willmann, Frank (Hrsg.) (2004): Fußball-Land DDR – Anstoß, Abpfiff, Aus, Eulenspiegel.

Gesundheit

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  • Polikeit, Georg (1966): „Das Sozial- und Gesundheitswesen“, in: ders., Georg Polikeit (1966): Die sogenannte DDR. Zahlen, Daten, Realitäten. Eine Landeskunde über den anderen Teil Deutschlands, Dortmund: Weltkreis, S. 135-160.

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Filme

  • DEFA (1975): Schwester Agnes

Belletristik

  • Heinrich, Marion (2010): Gemeindeschwestern erzählen, Neues Leben, Berlin.

Presse und Medien

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SED

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Demokratie

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  • Polikeit, Georg (1966): „Das politische System“, in: ders., Georg Polikeit (1966): Die sogenannte DDR. Zahlen, Daten, Realitäten. Eine Landeskunde über den anderen Teil Deutschlands, Dortmund: Weltkreis, S. 243-272

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  • Schölzel, Arnold (2019): »Es ging um eine lebendigere sozialistische Demokratie«. Ein Gespräch mit Ekkehard Lieberam. Über Diskussionen unter Staats- und Rechtswissenschaftlern der DDR, das Demokratiekonzept Walter Ulbrichts und Erlebnisse in Leipzig 1989, in: Junge Welt 5.10.2019.
    https://www.jungewelt.de/beilage/art/363873

Kalter Krieg

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Grenzsicherung

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  • Heinz Keßler, Fritz Streletz (a.D.) (2011): Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben: Zeitzeugen und Dokumente geben Auskunft, Berlin: Edition Ost.

  • Hans Bauer (2016): Halt! Stehenbleiben! Grenze und Grenzregime der DDR. Berlin: Edition Ost.

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Filme/Videos

NVA

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  • Klaus Froh (2010): Chronik der NVA, der Grenztruppen und der Zivilverteidigung der DDR 1956–1990, Berlin: Verlag Dr. Köster.

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Staatssicherheit

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  • Klaus Eichner, Andreas Dobbert (1997): Headquarters Germany. Die USA-Geheimdienste in Deutschland, Berlin: Edition Ost.

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Politische Krise

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  • Arnold Schölzel: »Es ging um eine lebendigere sozialistische Demokratie«. Ein Gespräch mit Ekkehard Lieberam. Über Diskussionen unter Staats- und Rechtswissenschaftlern der DDR, das Demokratiekonzept Walter Ulbrichts und Erlebnisse in Leipzig 1989, Junge Welt 05-10-2019.
    https://www.jungewelt.de/beilage/art/363873

  • Heinz Keßler: Die letzten Tage der SED und der Deutschen Demokratischen Republik. In: Offen-siv (Hrsg.) (2009): Unter Feuer. Konterrevolution in der DDR, Hannover: Offen-siv.
    https://offen-siv.net/Bucher/Unter-Feuer.pdf

Konterrevolution

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Videos

Kehrtwende

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  • Klaus Blessing, Wolfgang Kuhn (2014): Die zementierte Spaltung – Der Osten bleibt abgehängt. Fakten, Zahlen, Statistiken, Berlin: Edition Berolina.

  • Siegfried Wenzel (2007): Von wegen Beitritt! Offene Worte zur Deutschen Einheit – Fakten und Zitate, Berlin: Das Neue Berlin.

  • GRH e.V. (Hrsg.) (2003): Siegerjustiz? Die politische Strafverfolgung infolge der Deutschen Einheit. Edition Zeitgeschichte. Berlin: Kai Homilius Verlag.

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Gesundheit im Sozialismus

Die aktuelle Pandemie wirft große Fragen danach auf, wie wir unsere Gesellschaft organisieren wollen.Massive Einschränkungen wirken sich auf das Leben jedes Einzelnen aus und es wird deutlich, wie relevant die politischen und ökonomischen Fragen sind. Es wird die Frage gestellt: Was ist eigentlich wichtig? – Welche Berufe und Wirtschaftsbereiche sind für das Funktionieren einer Gesellschaft wichtig? Ganz besonders gerät dabei das Gesundheitswesen in den Blick. Wie können alle Teile der Wissenschaft, Produktion und der Gesundheitsversorgung zusammenwirken? Welche Rolle kann und sollte die Wirtschaft gegenüber der Gesundheit spielen? All das stellt die Grundfragen unserer Gesellschaft, die Art wie wir produzieren, wer in unserer Gesellschaft worüber Entscheidungen treffen kann. Wir wollen deshalb einen Blick auf den Sozialismus richten und zeigen, dass eine Gesellschaft mit anderen Produktionsverhältnissen, ohne Privateigentum an Produktionsmitteln, in der Lage ist, völlig andere Prioritäten zu setzen und tatsächlich die Gesundheit und die Bedürfnisse der Menschen überhaupt zum Zweck ihres Handelns zu machen.

Gesundheit in der DDR

Da sich das Gesundheitssystem der DDR in Volkseigentum befand, war es vom kapitalistischen Profitzwang befreit. Fallpauschalen, Wettbewerb und Insolvenz gab es nicht – Gesundheit war keine Ware mehr, und der Patient kein Klient.

Diese grundsätzlich anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen ermöglichten es der DDR ein Gesundheitssystem aufzubauen, das sich erstmals ausschließlich an den Bedürfnissen der Gesellschaft orientierte. 

Trotz 30 Jahren massiver Anti-DDR-Propaganda und realen Problemen des DDR-Gesundheitssystems, wie der Abwanderung von Ärzten oder Engpässen bei modernen Importgeräten, bleibt es deshalb bei den ehemaligen DDR-Bürgern hoch angerechnet. 84 % davon halten die Krankenhäuser und Kliniken der DDR für eine Errungenschaft, die „hätte bewahrt werden sollen“, so das Ergebnis einer Studie der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung.

Zum einen zeichnete das Gesundheitssystem der staatliche Charakter und die damit zusammenhängende Einheitlichkeit der Leitung und Planmäßigkeit der Arbeit aus. Gesundheit wurde als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden und gestaltet. Das Ministerium für Gesundheitswesen besaß die Gesamtverantwortung und arbeitete dabei eng mit lokalen staatlichen Institutionen zusammen, die um die jeweiligen territorialen Besonderheiten wussten. Da alles zentral gesellschaftlich geplant und organisiert wurde, gab es keine entgegengesetzten Interessen mehr wie solche zwischen Krankenkassen und Krankenhäusern oder generell zwischen Profit und Gesundheit. Die Monopole waren enteignet. Damit war die Gesellschaft nicht mehr dem Profitstreben einzelner untergeordnet, sondern konnte planmäßig an die Erfüllung der gesellschaftlichen Bedürfnisse herangehen.

Dadurch konnte auch eine Einheit von Wissenschaft und Praxis realisiert werden. Die Bedürfnisse aus dem Gesundheitssystem, wie z.B. nach neuen Medikamenten, wurden unmittelbar in den Wissenschaftsapparat getragen. An dem was benötigt wurde, wurde geforscht, nicht an dem was Geld brachte. Andersherum konnten neue wissenschaftliche Entdeckungen, neue Medikamente, usw. ungehindert in der Praxis angewandt werden. Die Frage der Rentabilität, die heute der Forschung und Anwendung immer wieder im Weg steht (wenn z.B. wegen geringer Profitaussicht kaum an HIV-Medikamenten geforscht wird) spielte keine entscheidende Rolle mehr.

Ein weiteres wichtiges Merkmal des DDR-Gesundheitssystems war die Kostenfreiheit und allgemeine Zugänglichkeit. Jegliche ärztlichen Beratungen, Medikamente, Hilfsmittel wie etwa Prothesen, Behandlungen, aufwendige Operationen, Zusatzuntersuchungen und Kuraufenthalte (auch prophylaktische Kuraufenthalte) waren in der DDR vollkommen kostenfrei. Alles wurde durch die Sozialversicherung übernommen, in die alle einzahlten. Somit hatte jeder DDR-Bürger auch gleichermaßen das Recht auf die kompliziertesten und modernsten Behandlungsverfahren – die Zwei-Klassen-Medizin war abgeschafft.

Mit einem umfassenden Netz von Landambulatorien, Gemeindeschwesternstationen und Röntgenfahrzeugen für die Prophylaxe auf dem Land, wurde in der DDR ein lückenloses Netz ärztlicher Betreuungseinrichtungen geschaffen. Die Regel war außerdem, dass die Betriebe eigene Ärzte oder sogar Polikliniken hatten, in denen sich umfassend medizinisch um die Arbeiter gekümmert wurde. Die maximale Entfernung zur nächsten Betreuungseinrichtung betrug in der DDR lediglich 20 Kilometer.

Kostenfreiheit, Zugänglichkeit und die prophylaktische Orientierung im DDR-Gesundheitswesen wirkten sich auch darauf aus, wie oft die DDR-Bürger zu Ärzten gegangen sind. Im Jahr 1980 ist der DDR-Bürger durchschnittlich neun Mal im Jahr zum Arzt gegangen – das ist etwa doppelt so oft wie in der BRD zur gleichen Zeit.

Die Polikliniken waren dabei sozusagen das Herzstück des DDR-Gesundheitssystems. Ihr Prinzip war die Einheit vorbeugender, kurativer, rehabilitativer und sozialer Maßnahmen. Mit ihnen wurde eine starke Bündelung der ärztlichen Versorgung realisiert, die für die Ärzte eine engere Zusammenarbeit, Koordination und Effizienz bedeuteten. Die Patienten hatten damit die komfortable Situation, dass i.d.R. alle notwendigen Fachbereiche für eine umfassende Untersuchung unter einem Dach vereint waren und nicht mit jeweils monatelanger Wartezeit unterschiedliche Praxen aufgesucht werden mussten. Die Kooperation der medizinischen Fachbereiche konnte sowohl einen prophylaktischen Ansatz, als auch aufsuchende Arbeit deutlich besser realisieren, den sozialen Belangen der Patienten besser nachgehen und kommunale Funktionen zu Gesundheitsfragen in ihrer Stadt erfüllen.

…und auf einmal kam der Profit

Nach der Konterrevolution von 1989/1990 und dem Ende der DDR veränderte sich das Gesundheitssystem natürlich massiv. 218 Polikliniken, 1032 Ambulatorien und 1625 staatliche Arztpraxen wurden abgewickelt, womit die Ärzte gezwungen waren sich privat niederzulassen – 25 000 Mediziner haben eine „freie“ Praxis gegründet, davon alleine 10 000 in der profitablen Zahnmedizin (Wolfgang Hoffmann: Schlechter und teurer, in: Zeit, 16.10.92.). 

Mit der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung wurde wieder eine Zwei-Klassen-Medizin eingeführt und eine Vielzahl von Behandlungen kostet nun wieder Geld, das nicht jeder hat. Die Zugänglichkeit wurde immer weiter eingeschränkt – Landambulatorien, Dorfschwestern usw. haben sich nicht mehr rentiert und wurden abgeschafft. Die Einheitlichkeit der Leitung und Planmäßigkeit der Arbeit wurde mit der Einführung des Kapitalismus durch die Selbstständigkeit der Gesundheitseinrichtungen ersetzt. Auch wenn eine Notaufnahme in einem Krankenhaus lebensrettend wäre, können sich jetzt z.B. private Krankenhäuser dazu entscheiden, keine Notaufnahme aufzumachen, da dort weniger Geld gemacht werden kann. Pflegemangel wurde zum Normalzustand, da pflegeintensive Stationen nach dem Prinzip der Fallpauschalen Gewinn machen müssen, dies aber oft aufgrund der „hohen“ Kosten für Personal und der geringen Krankenkassenzahlungen nur realisieren können, indem sie zu wenig Personal einstellen. Patienten werden dazu gedrängt, möglichst bald nach ihren Operationen die Station zu verlassen, egal ob sie nun schon voll genesen sind oder nicht. Medizinbereiche wie die Bestrahlungstherapie, die viel Geld einbringen, werden auf Kosten der Pflege und der anderen Stationen ausgebaut, obwohl in den anderen Stationen das Geld oft besser verwendet werden könnte. Vorsorgeuntersuchungen werden aufgrund des Profitinteresses nur sehr selten übernommen. Es werden profitable Operationen durchgeführt, die die Patienten gar nicht brauchen. Mit Sterbenden werden noch schnell einige unnötige Untersuchungen durchgeführt, mit denen aber Geld gemacht werden kann. Kinder bekommen immer öfter keine lebensrettende Organtransplantation mehr, da sich die Organspende für die Krankenhäuser nicht mehr rechnet. Schwerverletzte sterben, weil für sie in der unrentablen Notaufnahme kein Platz mehr ist. Die Liste an Beispielen kapitalistischer Widerwärtigkeiten im Gesundheitssystem der BRD ließe sich endlos weiterführen. Einige dieser Verwerfungen werden bspw. im Film „Der marktgerechte Patient“ (2018) anschaulich dargestellt. Der Profit steht seit 1990 wieder über dem Interesse nach Gesundheit. Niemanden wundert es mehr, dass Menschen wie Jens Spahn, ein Bankkaufmann und ex-Pharmalobbyist, in diesem System Gesundheitsminister werden.

Corona – Warum das Gesellschaftssystem für den Gesundheitsschutz entscheidend ist

Die Corona-Krise zeigt in aller Deutlichkeit die Unfähigkeit des Kapitalismus auf, den Bedürfnissen der breiten Bevölkerung nachzukommen. Einerseits steht das privatisierte Gesundheitssystem einem planvollen Umgang mit der Krankheit diametral entgegen. Denn privat bedeutet ja gerade: eigenständig, also auch eigenständig gegenüber politischen Vorhaben. Über Gesetze, finanzielle Anreize oder, wie z.B. in Spanien, über Verstaatlichungen, wird deshalb versucht sich vorübergehend der (gerade weggeworfenen) Einheitlichkeit und Planmäßigkeit im Gesundheitssystem ein Stück weit anzunähern – da sie zum effektiven Schutz der Bevölkerung nun mal notwendig sind. 

Verstaatlichungen sind – besonders in der Daseinsvorsorge – wichtig, nicht nur um besser zu koordinieren und zu versorgen. Es bleibt zwar der kapitalistische Staat, der zum Eigentümer wird. In einer profitorientierten Wirtschaft werden auch nach einer Verstaatlichung weiterhin sich gegenüberstehende wirtschaftliche Interessen existieren. Die Arbeiterklasse kann dann jedoch besser politische Kämpfe für mehr Kontrolle, eine andere Verwendung der Gewinne usw. aufnehmen. Sie muss es, denn sonst wird das Gesundheitssystem desolat und unterfinanziert bleiben, da der Klassenstaat ohne gesellschaftlichen Druck seine Mittel hauptsächlich den Wirtschaftsmonopolen in die Tasche steckt.

Wenn die Arbeitskräfte, die ja eigentlich weiterhin den Mehrwert für die Unternehmen generieren sollen, Gefahr laufen „wegzufallen“, sind also auch kapitalistische Staaten dazu gezwungen, die Marktlogik im Gesundheitssektor zugunsten der allgemeinen Wirtschaftsinteressen zumindest einzudämmen. Die Unfähigkeit eines privatisierten, in sich konkurrierenden und profitgetriebenen Gesundheitssystems, die Gesundheit der breiten Bevölkerung zu schützen, ist in diesen Zeiten besonders offensichtlich. 

Die wichtigste Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie wäre jedoch, die Produktion nicht lebensnotwendiger Güter auf unbestimmte Zeit einzustellen. Denn die Eindämmungsversuche durch „social distancing“ – Verzicht der Bevölkerung auf Kultur und Zusammenleben – reichen nicht aus, wenn gleichzeitig Millionen Menschen morgens in überfüllten Bussen und Bahnen zur Arbeit fahren, wo sie dann mit unzureichendem Gesundheitsschutz in der Fabrikhalle zusammen acht Stunden arbeiten (oder bald sogar 12?). Inzwischen wurden zwar viele Betriebe vorerst geschlossen, doch auch das wird nicht von ausreichender Dauer sein. Die Stimmen des Kapitals, die nach einer Wiederkehr zum Normalbetrieb schreien, werden lauter. Das ist auch kein Wunder, denn der Stillstand bedeutet für kapitalistische Unternehmen riesige Gewinneinbußen und auf kurz oder lang wird er zum wirtschaftlichen Kollaps führen. Somit steht der Klassenstaat vor einem Dilemma. Als ideeller Gesamtkapitalist muss er absichern, dass das ansässige Kapital möglichst gute Akkumulationsbedingungen hat. Wenn zu viele Menschen gleichzeitig krank werden oder sterben (und dann nicht mehr ausgebeutet werden können), aber auch wenn sich Aufstände wegen einer vollkommenen Vernachlässigung der Gesundheit der Bevölkerung entwickeln, ist es ein Problem für das Kapital. Andersherum bringt genau die Verhütung dieses Problems, also die weitestgehende Stilllegung der Wirtschaft, das Kapital vor das gleiche Problem. Der Klassenstaat wird immer in diesem Widerspruch verharren müssen – er wird nie dazu in der Lage sein, das Interesse der Bevölkerung an Gesundheit wirklich zu vertreten. Für ihn sind die werktätigen Menschen nicht mehr als eine Variable in einer komplexen ökonomischen Kalkulation.

Der Sozialismus wäre hingegen dazu in der Lage in dieser Situation bedingungslos die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Allgemein gesagt, hätten die Werktätigen, die im Sozialismus die Macht haben, natürlich kein Interesse daran krank zu werden und zu sterben. Da es im Sozialismus keinen Profitzwang mehr gibt, könnte diesem Interesse aber auch die ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Wirtschaft wäre zentral nach den Interessen der Werktätigen organisiert und könnte sofort in den Dienst der Gesundheit gestellt werden. Das Gesundheitssystem wäre nicht kaputtgespart und hätte ausreichend Kapazitäten um erhöhte Krankheitsfälle zu behandeln. Fehlende Schutzmittel wie Desinfektionsmittel oder Masken würden sofort planmäßig in umfunktionierten Betrieben hergestellt werden. Auch die Verteilung würde sich schnell und planmäßig auf die neue Situation umstellen. An allen öffentlichen Orten würden unentgeltlich Masken und Desinfektionsmittel ausgegeben werden um die Bevölkerung flächendeckend mit Schutzmitteln zu versorgen. Medizinische Dienstleistungen würden nicht mehr nur in den Gesundheitseinrichtungen, sondern auch in den Wohnvierteln und Betrieben bereitgestellt werden.

All das wäre unter anderem möglich, weil das Gesundheitssystem im Sozialismus eine deutlich bessere Vorfinanzierung genießen würde. Im Kapitalismus wird so wenig wie möglich für Gesundheit ausgegeben – bezeichnend ist hierfür das „Rettungspaket“ mit 600 Milliarden für die großen Konzerne und lediglich 10 Milliarden (eigentlich sollten es nur 3 sein) für das Gesundheitssystem (siehe Stellungnahme). Ein sozialistischer Staat hätte kein Interesse, das 60-fache (bzw. das 200-fache!) der Gesundheitsausgaben an Wirtschaftsmonopole zu verteilen.
Trotz der deutlich besseren Voraussetzungen wären aber auch im Sozialismus einschneidende Maßnahmen geboten, wie etwa eine flächendeckende Isolation von Verdachtsfällen.
Eine besondere Rolle für die Katastrophenbekämpfung könnte dabei auch die Initiative der Arbeiterklasse, z.B. durch die Mobilisierung von Freiwilligen, einnehmen. Der Sozialismus baut im Vergleich zum Kapitalismus auf einer organisierten Arbeiterklasse auf. Diese könnte viel intensiver und systematischer z.B. in Krankenhäusern helfen und Aufklärung betreiben. Insgesamt könnte die gegenseitige Hilfe effektiver und zentral koordiniert werden. Statt einen kompensierenden Charakter gegenüber dem kapitalistischen Staat, der sich für Fragen der gegenseitigen Hilfe nicht verantwortlich fühlt, hätte diese Initiative einen ergänzenden Charakter zu den staatlichen Aktivitäten, die sich ohnehin schon an den gesellschaftlichen Bedürfnissen orientieren.

Die Wirtschaft könnte, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, in weiten Teilen langfristig auf Eis gelegt werden, ohne dass damit existentielle Probleme einhergehen würden. Natürlich entfallen im Sozialismus nicht alle ökonomischen Notwendigkeiten. Es braucht weiterhin Nahrungsmittel, Energie, frisches Wasser, einen funktionierenden Gesundheitssektor, usw., damit eine Gesellschaft überhaupt leben kann. In den lebensnotwendigen Wirtschaftsbereichen müsste also auch im Sozialismus weiter gearbeitet werden. Der absolute Großteil an Arbeiten könnte hingegen für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt werden. Das Einfrieren des wirtschaftlichen Betriebes würde – im Vergleich zum Kapitalismus – nicht zu existentiellen Nöten und herben Gewinneinbußen führen. Die notwendigen Güter würden planmäßig an die Bevölkerung verteilt, die vorübergehende Arbeitslosigkeit brächte den Menschen keine Nachteile mehr. Die Versorgung der Alten und Kranken würde von der Gesellschaft organisiert werden. Da die Betriebe in gesellschaftlichem Eigentum wären, könnten sie durch Stilllegung gar nicht Bankrott gehen. Es müsste zwar auf viele Güter verzichtet werden – der Lebensstandard würde natürlich sinken – doch die Stilllegung breiter Teile der Wirtschaft wäre ohne die konstanten Konkurrenzzwänge des Kapitalismus umsetzbar. Sie wird umso problemloser umsetzbar, je mehr der Kapitalismus von der Weltkarte gefegt wird. Wenn der Großteil des Auslandes noch kapitalistisch ist und der Sozialismus dazu gezwungen ist, mit Teilen des kapitalistischen Weltmarktes zu wirtschaften, würde er insofern noch in einem Konkurrenzverhältnis stehen. Denn es wird natürlich schwieriger Produkte auf dem Weltmarkt loszuwerden, um zum Beispiel Rohstoffe zu denen man sonst keinen Zugang hat zu erwerben, wenn über einen längeren Zeitraum nicht exportiert oder innovativ geforscht wird. Dennoch ist das zwar ein Nachteil, aber nicht mehr unbedingt ein existenzieller Zwang. Je weiter der Kapitalismus international überwunden wird, desto freier kann auch die Ökonomie des Sozialismus nach den Bedürfnissen der Gesellschaft ausgerichtet werden.

Auch die soziale Lage wäre im Sozialismus eine vollkommen andere. Denn das Leben der Menschen wäre nicht mehr von Konkurrenz, sondern von Kooperation und gegenseitiger Hilfe geprägt. Auch – und gerade! – in solchen Krisenzeiten würde niemand alleine gelassen werden mit seinen Problemen. Wärme, Solidarität und Menschlichkeit würden auch unangenehme Maßnahmen für alle Menschen aushaltbar machen.

Viva Cuba Socialista!

Der Umgang Kubas mit dem Corona-Virus zeigt uns ganz praktisch auf, wie im Sozialismus die Gesundheit ungeteilt im Vordergrund steht. Schon vor den ersten bestätigten Fällen wurden an sämtlichen Flughäfen Wärmebildkameras aufgestellt und Fieberuntersuchungen durchgeführt. Nach Bekanntwerden der ersten Infektion wurde begonnen an etlichen Orten planmäßig Desinfektionsmittel auszugeben – inzwischen sind es 440 Ausgabestellen. Kurz darauf wurde die regelmäßige Verwendung von Desinfektionsmittel an öffentlichen Orten verpflichtend (und möglich, da der Staat hierfür die Voraussetzungen geschafft hat!). In der Öffentlichkeit müssen zudem Masken getragen werden – 151 Fabriken wurden kurzfristig zur Herstellung von Atemschutzmasken umfunktioniert. Neben Kinos, Theatern, Schulen und Unis wurden auch die großen Fabriken, in denen nicht lebenswichtige Güter hergestellt wurden, zügig geschlossen. Die stillgelegten staatlichen Betriebe sind nicht in Gefahr insolvent zu gehen, da sie sich in Volkseigentum befinden, die (ehemaligen) Arbeiter bekommen weiterhin genug Geld um zu leben und können nach der Krise sofort wieder arbeiten. Der Betrieb von Fernbussen und überregionalen Zügen wurde zügig eingestellt, inzwischen wurde sogar der gesamte ÖPNV stillgelegt. Derweil sind Familienärzte, Medizinstudenten und Vertreter von Massenorganisationen dazu angehalten, von Tür zu Tür zu gehen, die Menschen aufzuklären und Verdachtsfälle sofort zu isolieren. Besonders betroffene Gebiete wurden unter strikte Quarantäne gestellt – die Bewohner müssen ständig in ihren Wohnungen bleiben und werden über staatliche Massenorganisationen mit Lebensmitteln versorgt.

Auch medial wird versucht, die Bevölkerung optimal aufzuklären. Da im kubanischen Fernsehen keine Werbung läuft, wird die Zeit zwischen den Sendungen gerne dazu benutzt der Bevölkerung hilfreiche Informationen beizubringen, wie etwa „Wie verhalte ich mich bei einem Hurricane?“ oder in diesem Fall „Worauf muss ich während der Corona-Pandemie achten?“. Der staatliche Mobilfunkanbieter Etecsa nimmt seine Aufgabe zur umfassenden Information der Bevölkerung ebenfalls wahr und sendet regelmäßig SMS mit Informationen und Hinweisen. Zudem wurden drei weitere Apps entwickelt, die dauerhaft über Corona informieren. Unqualifizierte Klatsch-Presse-Informationen oder Verschwörungstheorien wie sie zurzeit in Deutschland grassieren, können auf Kuba keinen Einfluss auf die Gesellschaft entwickeln.

Mit einem stabilen, erfahrenen und sehr breit ausgebauten Gesundheitssystem steht Kuba außerdem nicht vor dem Problem, dass das Virus jeden Moment das Gesundheitssystem zum Kollabieren bringen könnte. Ganz im Gegenteil: Kuba schickt sogar Ärzte in stark betroffene Länder um dort zu helfen.

Kuba zeigt uns, wie ein Land die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft in den Dienst der Gesundheit stellen kann, wenn es das möchte. Wir sollten den kubanischen Umgang mit Covid-19 bekannt machen und herausstellen, warum es gerade die sozialistischen Eigentumsverhältnisse sind, die so ein Vorgehen ermöglichen.

Hinweise zum Weiterlesen:

Kleine Enzyklopädie Gesundheit, VEB Bibliographisches Institut Leipzig (DDR), 1980.

(Ausschnitt unter https://sascha313.wordpress.com/2015/10/08/das-gesundheitswesen-in-der-ddr/comment-page-1/)

Polikeit, Georg (1966): „Das Sozial- und Gesundheitswesen“, in: ders., Georg Polikeit (1966): Die sogenannte DDR. Zahlen, Daten, Realitäten. Eine Landeskunde über den anderen Teil Deutschlands, Dortmund: Weltkreis, S. 135-160.

berichteaushavanna.de

cubaheute.de




DDR-Film: “Das andere Leben”


Episode III – Demokratie und Zusammenleben in der DDR

Episode II – Arbeit und Wirtschaft in der DDR

10. Mai | 20 Uhr | Episode I – Schule und Jugend in der DDR

Im Episodenfilm DAS ANDERE LEBEN geben elf Interviewpartner aus der Sicht ihrer Lebensgeschichte Einblick in die Gesellschaft der Deutschen Demokratischen Republik. Polytechnischer Unterricht, Gesundheitsversorgung, Mitbestimmung, Arbeitsbrigade und Kalter Krieg – Alltagsleben und Geschichte der DDR erscheinen in einem neuen Licht, angesichts einer ansonsten einseitigen, meist negativen Darstellung. Die Geschichte des ersten sozialistischen deutschen Staates ist voll von Erfahrungen, die auch Antworten auf die sozialen und ökonomischen Probleme der Gegenwart geben können.

Du willst Vorführungen mit einzelnen Episoden in deiner Stadt organisieren? Melde dich bei uns!




Der sogenannte Sturm auf die MfS-Zentrale am 15. Januar 1990 – ein Interview mit Wolfgang Schmidt

Der Text als pdf

Heute vor genau 30 Jahren, am 15. Januar 1990, wurde in Berlin die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gestürmt. Eines der wichtigsten Sicherheitsorgane der DDR war damit endgültig zerschlagen. Dieses Ereignis wird häufig als Symbol der friedlichen Revolution deklariert, bei dem die ostdeutsche Bevölkerung endlich ihren Unterdrückern den Garaus gemacht habe. Es zu verstehen und daraus zu lernen ist für uns eine wichtige Aufgabe, um den Prozess der Konterrevolution in der DDR insgesamt besser verstehen zu können. Zu diesem Anlass haben wir mit Wolfgang Schmidt gesprochen, um mehr über das Ereignis und vor allem dessen Hintergründe zu erfahren. Wolfgang Schmidt ist ehemaliger Leiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung XX des MfS und war während des „Sturmes“ selbst vor Ort.

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Du hast den sogenannten Sturm auf die MfS-Zentrale selber miterlebt. Dieser Sturm wird heute oft als ein Symbol der friedlichen Revolution deklariert. Was ist da genau passiert, was sind deine Erinnerungen an den Tag?

Ich war tatsächlich in diesem Gebäudekomplex Normannen-/ Ruschestraße anwesend, während dieser so genannte „Sturm“ stattgefunden hat. Es hat sich eigentlich so ergeben, dass ich normalerweise wie die meisten Mitarbeiter des MfS nachmittags nach Hause gehen sollte, aber mir waren zwei Lageroffiziere unterstellt, die dort mit bleiben mussten und aus Solidarität mit ihnen habe ich von mir aus entschieden dort anwesend zu bleiben und habe also praktisch im Ministerium diesen Sturm erlebt. Dieser Sturm war ja angekündigt worden. Es gab ein Flugblatt wo aufgefordert worden war Steine mitzubringen und die Eingänge vom MfS zuzumauern. Das war für den Nachmittag des 15. Januar angekündigt. Zu diesem Zeitpunkt waren auch die MfS-Wachen bereits abgezogen. Es waren nur noch einige Volkspolizisten da und dazu Bürgerrechtler die schon seit langem die Eingänge vom Ministerium kontrolliert haben. Dieser „Sturm“ selbst begann damit, dass tatsächlich versucht wurde irgendetwas aufzumauern, aber es hat nicht lange gedauert da wurden die Eingänge von innen geöffnet und eine Masse die sich vor dem Eingang des Ministeriums versammelt hatte, strömte hinein und hat dann nichts anderes zu tun gehabt als den Versorgungstrakt des MfS in dem sich Speisesäle, eine Buchhandlung, ein Reisebüro, ein Konferenzsaal und so weiter befanden, zu stürmen und auch in gewisser Weise zu demolieren. In der HO-Verkaufsstelle (Handelsorganisation, Anm. der Redaktion) wurden dann die Getränke geplündert, die alkoholischen vor allen Dingen, und es wurde auch Verwüstung hinterlassen die später auch im Fernsehen anzusehen war. Die vielleicht gefährlichste Situation ergab sich daraus, dass mit den stürmenden Personen auch Geheimdienstmitarbeiter in das MfS gekommen sind, die dann ganz gezielt Diensträume unserer Spionageabwehr und Panzerschränke geöffnet haben. Der Ausgangspunkt war der Verrat eines Mitarbeiters dieser Hauptabteilung. Sie haben also gezielt nach Dokumenten gesucht und auch welche entwendet. Ich selbst war mit zwei meiner Mitarbeiter und noch zwei weiteren Genossen als einziger meiner Hauptabteilung in meinem Dienstgebäude. Wir hatten den Eingang verschlossen, die Verdunklungsvorhänge vorgezogen und haben dann gewartet was passiert. Es ist aber nichts weiter passiert, es ist also in unser Dienstgebäude niemand eingedrungen. Das Ganze ging dann, bis es sich beruhigt hatte, bis 23 Uhr und ich habe dann mit meinen weiteren Genossen das MfS verlassen, nachdem wie gesagt Ruhe eingetreten war. Ich hatte mich vorher noch bei unserem zentralen Operativstab, der noch intakt funktionierte, abgemeldet und die Auflassung bekommen, ich solle nochmal ringsherum eine Bestandsaufnahme machen was alles an Schmierereien und Demolierungen passiert ist. Das habe ich auch dann von mir aus gemacht, den Bericht erstattet und dann das MfS verlassen. Nachts um 2 oder 3 wurden dann auch die letzten Genossen von meiner Hauptabteilung aus dem Ministerium verwiesen. Damit war das Ministerium für uns gesperrt. Ja, so ist dieser „Sturm“ abgelaufen. Er wird ja wie der Auftakt der französischen Revolution heute gehandelt. Also ganz so war es dann wohl nicht. Interessant ist dazu übrigens, dass wir einen Tag bevor dieser Aufruf kam: „bringt Steine mit“ usw.,  unsere Waffen abgegeben und die Waffenkammer leergeräumt hatten. Also, ich meine man muss da nicht besonders viel Phantasie haben um zu erkennen, dass da vielleicht auch ein Zusammenhang bestand.

Ist denn die Bezeichnung des „Stürmens“ überhaupt richtig für dieses Ereignis?

Naja, so ein richtiger Sturm war das nicht, weil es eine völlig ziellose Aktion war, die geprägt war von geschürten Emotionen aber auch von völligem Unwissen über das Gebäude des MfS und die Arbeit des MfS. Ganze Dienstbereiche sind ja für Besetzungen überhaupt nicht in Betracht gezogen worden.

Du hast eben erwähnt, dass einen Tag vorher im MfS die Waffen abgegeben wurden und da mit Sicherheit auch ein Zusammenhang besteht. Ist das der ausschlaggebende Grund warum es keine Gegenwehr gab an dem Tag – und im Gegensatz dazu sogar von innen die Türen geöffnet wurden – oder hatte das noch andere Gründe?

Es gab noch viele andere Gründe. Es war ja so, dass bei dem Zeitpunkt dieses Sturmes auf die Zentrale ja schon mehr als die Hälfte der Bezirksverwaltung des MfS, beginnend Anfang Dezember, besetzt worden waren – auch ohne Gegenwehr. Diese fehlende Gegenwehr ergab sich eben auch daraus, dass das MfS keinerlei Unterstützung mehr von der Partei- und Staatsführung hatte. Es war also fallen gelassen worden, zum Abschuss frei gegeben worden als Sündenbock und wir waren uns alle darüber im Klaren, dass wir unsere Waffen auch nicht eingesetzt hätten, auch wenn wir sie noch gehabt hätten. Das hätte die Situation nicht verbessert, sondern eher noch dramatisiert.

Du hattest eben auch kurz davon berichtet, dass eine Gruppe von Menschen zügig und zielgerichtet Unterlagen zur Spionageabwehr entwendet hat. Der Verdacht liegt dadurch nah, dass westliche Geheimdienste zumindest ihre Finger mit im Spiel hatten. Wie schätzt du den Einfluss von westlichen Geheimdiensten auf dieses Ereignis ein?

Also es ist in diesem Fall von US-amerikanischen Geheimdiensten ausgenutzt worden, jedoch nur punktuell, eine Diensteinheit betreffend. Ich glaube nicht, dass der „Sturm“ an sich eine von westlichen Geheimdiensten organisierte Aktion war. Er reihte sich ein in diese ganzen aufgeputschten demonstrativen Handlungen gegen das MfS. In Leipzig, in Erfurt, überall sind ja Dienststellen besetzt worden und es waren hauptsächlich Kräfte aus der Bürgerbewegung, die sich hier einen Namen machen wollten und das in die Hand genommen haben.

Was ist zu der Zeit in der DDR ansonsten passiert? Also in welchem Kontext muss dieser Sturm auf die MfS-Zentrale verstanden werden?

Es ist in dem Kontext zu sehen, dass die politische Macht auf der Straße lag, schon seit Oktober, seit diesen ganzen Demonstrationen. Dass diese Demonstrationen, diese öffentliche Ablehnung der SED-Führung, getragen war von einer großen Unzufriedenheit breiter Teile der Bevölkerung und dass Veränderungen in der Politik nachdrücklich gefordert wurden. Man muss aber dazu sagen, dass noch im Dezember 1989 die Forderung nach der Einheit, nach der Beseitigung des Sozialismus, nicht auf der Tagesordnung stand. Es gibt einen unverdächtigen Zeugen für diese Einschätzung: der bekannte Dr. Hubertus Knabe hat im Dezember ’89 noch ein Buch herausgebracht in dem er Gespräche und Interviews mit unterschiedlichsten Personen aus allen möglichen Bevölkerungsschichten der DDR zusammengefasst hat. Und auch in seinem Buch wird noch davon geschrieben, dass die DDR-Bevölkerung in ihrer Mehrheit keine kapitalistischen Verhältnisse wollte. Sie wollte den Erhalt des Sozialismus, allerdings einen reformierten Sozialismus. Das war sicherlich auch beeinflusst von Gorbatschow mit „Glasnost“ und so weiter, aber es wurde noch nicht die Forderung nach dem Untergang der DDR gestellt. Das kam dann erst im Februar des Jahres 1990 auf, und zwar beflügelt durch die Versprechungen von Helmut Kohl möglichst schnell die D-Mark einzuführen und da waren dann viele nicht mehr zu halten. Also rechtzeitig vor den Volkskammerwahlen wurden da bereits die Weichen gestellt.

Die politische Führung hat oft dem MfS die Schuld für die desolaten Zustände in der DDR geben – im Feuer der Opposition stand es sowieso. Was würdest du sagen, welche Rolle hat das MfS für die Krisenjahre und in den Krisenjahren gespielt?

Wenn man einen Sündenbock sucht, dann ist der auch dafür schuldig. Es gab eine Beratung am 3. Dezember an der meines Wissens nach Hans Modrow, Berghofer, der Stellvertreter von Gysi, Gysi selbst und Markus Wolf teilgenommen haben sollen. Das wird von Hans Modrow immer wieder dementiert, Berghofer und Wolf haben aber berichtet, dass das stattgefunden hat. Dort wurde beschlossen, dass man, um die SED zu retten, einen Schuldigen präsentieren müsse und das war das MfS. Ob es nun diese Beratung gegeben hat oder nicht – da will ich jetzt gar nicht drum kämpfen – aber alles was danach gekommen ist, hat der Linie dieser Beratung entsprochen – bis heute eigentlich was die Haltung der PDS, jetzt Linkspartei zur Haltung zum MfS betrifft. Wobei die Probleme, die ihren Ausbruch gefunden haben in der Unzufriedenheit der Bevölkerung und diesen öffentlichen Demonstrationen, ja nicht MfS-gemacht waren. Sie waren praktisch Ausdruck wirtschaftlicher Probleme der DDR – von Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen in der DDR – und das konnte das MfS nicht korrigieren, das war auch nicht seine Aufgabe gewesen. Und das nun auf die Schiene zu schieben, das MfS hätte das alles verursacht, ist völlig idiotisch, weil das MfS eigentlich sehr viel dazu getan hat, um wirtschaftliche Probleme in der DDR zu lösen, Mängel und Missstände aufzudecken. Für die Dinge, die eigentlich Auslöser der Unzufriedenheit waren, war das MfS auf keinen Fall verantwortlich. Es sind natürlich dann Dinge hochgepuscht worden, emotionalisiert worden, wie die angebliche Aktenvernichtung die im MfS stattfände, die zu verhindern wäre, das war immer der Grund für die Stürme auf die Dienststellen des MfS. Das sind aber vorgeschobene Sachen gewesen, die nicht an das eigentliche Wesen dieser Spannungen und Konflikte in der DDR ran gehen. Soweit zur Rolle des MfS für die Krisenjahre.

In den Krisenjahren war das MfS ausmanövriert, es hat praktisch seit Oktober keine aktive Abwehrarbeit des MfS gegeben. Es hat zwar noch Informationen gegeben, aber dem MfS waren die Hände gebunden. Es wurde schon begonnen die inoffiziellen Mitarbeiter zu verabschieden und die Mitarbeiter bereiteten sich in großen Gruppen schon auf ihre Entlassung vor. Der Runde Tisch hatte ja am 15. Dezember schon beschlossen die Nachfolgeeinrichtung des MfS, das Amt für nationale Sicherheit, aufzulösen. Es sollte dann ein Verfassungsschutz und ein Auslandsnachrichtendienst gebildet werden, dazu ist es aber nicht mehr gekommen. Es war auch innerhalb des MfS ein desolater Zustand vorhanden, eine Situation in der es unklar war, welche Rolle das MfS weiter spielen wird und soll. Das MfS war durch diese ganzen Geschichten an einer aktiven Gegenwehr gehindert, es ist also keine aktive Gegenwehr erfolgt. Wenn man sich mal überlegt, dass da widerstandslos Dienststellen besetzt wurden … das ist ja eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, dass das überhaupt passieren konnte.

Welchen Stellenwert hatte denn dann konkret der Sturm auf die MfS Zentrale und die anschließende Berichterstattung darüber – zu nennen wären hier Schlagworte wie „8000 Mark Gehalt“ und „Kaviar steht auf dem Speiseplan“ die danach kursierten – für die Konterrevolution in der DDR?

Es war insofern eine Zäsur, als dass damit eines der wichtigsten Sicherheitsorgane in der DDR endgültig lahmgelegt wurde, was aber auch vorher schon im Gange war.

… Und auch jede Gründung einer Nachfolgeorganisation?

Die Gründung einer Nachfolgeorganisation, das war auch zu diesem Zeitpunkt schon entschieden, dass die nicht stattfindet, also es gab dann praktisch ein Land was auf einen Geheimdienst verzichtet hat, solange bis dann die westlichen Geheimdienste das übernommen haben.

Und die Berichterstattung – das ist die übliche Feindpropaganda, die in diesem Zusammenhang gemacht wird. Später sind ja dann die Gehaltslisten des MfS veröffentlicht worden. Da konnte man dann nachlesen, dass noch nicht einmal der Minister für Staatssicherheit der DDR 8000 Mark verdient hat. Also das war natürlich massiv übertrieben. Oder das mit dem Kaviar: es gab in dem Versorgungstrakt einen kleinen exklusiven Speisesaal für die Bewirtung ausländischer Gäste. Dort gab es dann auch mal ein erlesenes Essen. Aber das war ja nicht die normale Verpflegung eines Mitarbeiters des MfS. Dann wurde natürlich so eine Speisekarte in die Kameras gehalten und es war klar: Die haben von früh bis abends Kaviar gefuttert und wir haben praktisch nicht mal Salami gehabt! Das ist die übliche Art wie Propaganda gemacht wird, wie Emotionen geschürt werden. Heute reden wir von Fakenews – die gab es damals wie heute natürlich jede Menge, auch über die Arbeit des MfS, über die Vernichtung der Akten und so weiter.

Wurden also keine Akten vernichtet?

Es wurden Akten vernichtet. Aber weder systematisch, noch um irgendwelche Verbrechen zu verschleiern. Der beste Gegenbeweis ist, dass sogar ein Geheimarchiv des MfS erhalten geblieben ist, das als Geheimarchiv natürlich als erstes hätte vernichtet werden müssen. Wir mussten uns natürlich darauf vorbereiten, dass wir mit einer deutlich kleineren Mitarbeiterzahl auskommen und uns von vielem Papier trennen müssen, was ja auch sowieso überflüssig geworden war – das wurde dann natürlich vernichtet. Ich habe zum Beispiel auch säckeweise Fachschulungsmaterial vernichtet, weil das nicht mehr den neuen Bedingungen entsprochen hat. In diesen Papiersäcken zum Beispiel, die immer wieder präsentiert werden, darin sind Bögen von Essensmarken für die Mitarbeiter und so weiter. Und das wird alles präsentiert als Opferakten, als Dokumente für schändliche Verfolgung von Menschen oder was weiß ich – also es entspricht nicht den Tatsachen. Natürlich ist aber versucht worden Akten von inoffiziellen Mitarbeitern zu vernichten, aus Verantwortung für diese inoffiziellen Mitarbeiter. Das ist auch zum Teil gelungen und es gibt auch inoffizielle Mitarbeiter wo eben keine Akte mehr vorhanden ist.

Die Verteidigung des Sozialismus ist natürlich notwendig, dazu gehören auch Geheimdienste wie das MfS. Wie wir rückblickend sehen können wurde es jedoch nicht geschafft den Sozialismus zu verteidigen – was ist da schief gelaufen? 

Im Jahr 2007 gab es eine Konferenz zur Hauptverwaltung Aufklärung des MfS. Dort hat der Chefhistoriker der CIA ausgeführt, dass das MfS den Krieg der Geheimdienste gewonnen, aber den Kalten Krieg verloren hat. Das trifft es eigentlich am besten. Es gibt Dinge, die mit Mitteln der Geheimdienste nicht zu lösen sind. Die Probleme, an denen die DDR gescheitert ist, waren keine Probleme die Fragen der Sicherheit mit militärischen, mit polizeilichen, mit geheimdienstlichen Mitteln betreffen, sondern es waren Fragen der inneren Sicherheit, die sich darauf gründen muss, dass das Vertrauen der Mehrheit der Bevölkerung in die Partei- und Staatsführung existiert, dass also die Partei- und Staatsführung sich auf die Zustimmung breiter Kreise in der Bevölkerung stützen kann. Diese Zustimmung, dieses Vertrauen war verloren gegangen – vor allem aufgrund wirtschaftlicher Probleme. Es ist auch so gewesen, dass zum Beispiel Helmut Kohl nicht die geheimdienstliche Karte gegen die DDR gezogen hat. Wir hatten zugelassen, dass Rainer Eppelmann eine Reise in dringenden Familienangelegenheit in die Bundesrepublik durchführt und der hat dort auch erwartungsgemäß Helmut Kohl aufgesucht. Wir hatten schon gewusst was da besprochen wurde. Er hat ihn nicht zurückgeschickt als Anführer der Konterrevolution, er hat darauf gebaut, dass diese wirtschaftliche Strahlkraft, diese wirtschaftliche Anziehungskraft der Bundesrepublik von allein wirkt. Und wenn du jetzt überlegst, es sind 1987/88 ungefähr eine Millionen DDR-Bürger in dringenden Familienangelegenheiten in die Bundesrepublik gefahren – eine Millionen jedes Jahr – und die kamen zurück mit leuchtenden Augen. Die haben die vollen Schaufenster gesehen, das Überangebot für den Konsum, die schicken Autos – kamen zurück und haben auf die Anmeldung ihres Trabant gesehen und wussten, dass sie noch 15 Jahre zu warten haben. Und das hat die DDR kaputt gemacht … vereinfacht gesagt. Es ging dabei nicht so sehr darum, dass wir im Rückstand zur Bundesrepublik waren – wir haben ja zu einem viel schlechteren Ausgangspunkt diesen Aufholprozess begonnen. Aber dieser Aufholprozess ist praktisch in den letzten fünf Jahren der DDR wieder rückläufig gewesen. Die Schere im Lebensstandard des Normalbürgers zur Bundesrepublik hat sich nicht weiter geschlossen, sie ist auseinandergegangen. Die Erwartung, dass es jetzt besser wird ist dadurch natürlich zurück gegangen. Wir sind immer gemessen worden an der Bundesrepublik und nicht an Somalia oder Bulgarien oder sonstigen Ländern, zumal die BRD für das kapitalistische System ein Schaufenster dargestellt hat. Und in diesem Vergleich haben wir letztlich aufgrund bestimmter wirtschaftlicher Probleme nicht bestehen können. Das ist eine wichtige Einsicht für mich. Wobei natürlich auch vieles andere dazu kam, die Parteiführung selbst hatte jeden Bezug zur Realität verloren. Es haben im November/Dezember selbst Mitglieder der SED gegen die eigene Führung demonstriert. Das es so weit kommen musste, dass sie sich teilweise so weit von ihren eigenen Mitgliedern entfernt hatten, das war schon auch schlimm. Und ein System was aufhört sich infrage zu stellen, immer wieder nach neuen Wegen, besseren Lösungen sucht, das ist zum Untergang verurteilt. Und diese Erstarrung des Systems war meiner Meinung nach in der Sowjetunion mit Leonid Breschnew schon eingetreten und bei uns mit der Ablösung Walter Ulbrichts durch Erich Honecker. In diesem Moment ist aufgegeben worden immer wieder nach neuen Lösungen zu suchen. Viele Dinge sind verschlafen worden – die wissenschaftlich-technische Revolution zum Beispiel. Das sind die eigentlichen Ursachen und kein Geheimdienst der Welt kann das kompensieren.

Also war die Auseinandersetzung so zu sagen schon verloren und es lag nicht mehr in der Macht des MfS etwas an den Entwicklungen in den Krisenjahren zu ändern? Hätte man nicht zum Beispiel mit Teilen der Opposition konfrontativer und repressiver umgehen können und müssen um zu verhindern, dass sie das Land weiter destabilisieren?

Die Opposition, die sich mit der so genannten unabhängigen Friedenbewegung entwickelt hat, war ja praktisch ein Versuch mit legalen Mitteln eine legale, außerhalb der gesellschaftlichen Struktur angesiedelte Gegenkraft zu formieren. Und solange legale Mittel im Spiel sind, gab es auch keine Möglichkeit mit repressiven Mitteln dagegen zu wirken. Das was das Instrumentarium der Geheimdienste oder insgesamt der Sicherheitsorgane war, ist in diesem Fall nicht schlagkräftig. Man konnte ja diese Gruppen nicht in den Kirchen, in denen sie sich versammelt hatten, einfach festnehmen und einsperren – warum denn auch? Auf welcher Basis denn? Insofern war von vorneherein klar, dass diese Opposition wie sie sich entwickelt hat hauptsächlich mit politischen Mitteln zu bekämpfen ist. Und die SED-Führung war eben nicht bereit diese politischen Mittel überhaupt zu erwägen oder einzusetzen oder auch ihre Politik insgesamt zu überdenken, um den so genannten Oppositionellen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wir haben als MfS zum Beispiel mehrfach vorgeschlagen, ’87 schon, dass man einen Dialog führen müsste mit den Vertretern dieser so genannten unabhängigen Friedensbewegung, aber ein Dialog auf Augenhöhe, nicht wie am Runden Tisch wo dann die „Doppelherrschaft“ schon da war und alles nur noch in etappenweisem Zurückweichen stattgefunden hat. Das ist abgelehnt worden. Die SED-Führung hat das auf die Staatssicherheit ab delegiert. Aber viel gefährlicher als diese Opposition, die noch Mitte des Jahres ’89 nur etwa 2500 Leute umfasst hat, nicht mehr, war die Problematik der Ausreiseantragssteller. Auch hier hat die Parteiführung das Problem an die Sicherheitsorgane ab delegiert. Aber das ging nicht, das waren im Kern Wirtschaftsflüchtlinge und die wollten einfach ein besseres Leben in der Bundesrepublik haben. Diese wirtschaftlichen Probleme konnte die Staatssicherheit nicht lösen. Wir haben alles Mögliche versucht, zum Beispiel gesellschaftliche Kräfte zu aktivieren, die mit diesen Antragsstellern dann sprechen, mit dem Ziel sie zurück zu gewinnen. Auch hier war wieder keine geheimdienstliche, sondern nur eine politische Aktion möglich. Diese Aufwendungen waren natürlich zum größten Teil für die Katz: etwa 3% haben sich umstimmen lassen und sind dann hiergeblieben und der Rest hat hartnäckig seinen Antrag weiter verfolgt bis dahin, dass sie zu jeder Provokation bereit waren, auch um den Preis über den Knast dann frei gekauft zu werden durch den Westen. Es war keine Abschreckung mehr, wenn sie aufgrund unerträglich gewordener Provokationen eingesperrt worden sind, denn dann sind sie von dort in die Bundesrepublik gekommen. Das hat sich natürlich rumgesprochen. Diese repressive Seite war im Grunde auch da wirkungslos. Das waren Probleme die eben nicht von der Staatssicherheit gelöst werden konnten und die eigentlich auch nicht in das Ressort der Staatssicherheit gehört hätten.

Leider ist es vergeigt worden, aber es ist keine Sache die dem MfS anzulasten ist.

Wir stellen immer wieder fest, dass die herrschende Geschichtsschreibung über die DDR sehr einseitig und verfälschend ist, besonders wenn es um das MfS geht. Wenn wir wirklich verstehen wollen wie die DDR funktioniert hat und woran sie zugrunde gegangen ist, müssen wir uns deshalb eigenständig mit ihrer Geschichte auseinandersetzen. Es ist ein langfristig organisierter und systematischer Klärungsprozess notwendig, um die komplexen Zusammenhänge zwischen der politischen Krise, den wirtschaftlichen Problemen, dem Revisionismus und der Aggression aus dem imperialistischen Ausland verstehen zu können. Mit dem BolscheWiki haben wir eine Plattform geschaffen, um kollektiv Schritte in Richtung einer Niederlagenanalyse zu erarbeiten. Mit der von uns mitherausgegebenen Neuauflage des Sammelbands „Unter Feuer. Die Konterrevolution in der DDR“, dem „Protokollband der Konferenz vom 5. und 6. Oktober 2019 in Berlin“ der KPD oder unserem Hintergrundartikel „30 Jahre Konterrevolution. Die Sieger schreiben die Geschichte“ sind erste wichtige Auseinandersetzungen mit der DDR-Geschichte festgehalten worden. 

Für den Klärungsprozess wird schließlich jede helfende Hand gebraucht. Besonders die Erfahrungen ehemaliger DDR-Bürger müssen darin einfließen. 

Melde dich bei der AG Sozialismus (ag_sozialismus@kommunistische.org) und hilf mit die Niederlage des Sozialismus zu verstehen, aus ihr zu lernen und dadurch den Weg für einen erneuten Anlauf zum Sozialismus in Deutschland zu ebnen!




Hintergrund

Unterdrückung, Mangel, Graus. Den meisten jungen Menschen in der Bundesrepublik kommt ein düsteres Bild in den Kopf, wenn sie den Namen DDR hören. Doch auch ältere Westdeutsche sind davon oft nicht ausgenommen. Kein Wunder. Über die DDR wird massenhaft berichtet. Kinofilme, Nachrichtensendungen, Zeitungsartikel, Schulbücher und vieles Weitere mehr soll uns einen Eindruck vom Leben im ersten sozialistischen Staat in Deutschland vermitteln. Und dabei wird eines sehr schnell klar: Über die Deutsche Demokratische Republik wird nichts Gutes erzählt. Woran liegt das? 

In der DDR wurde eine andere Gesellschaft aufgebaut. Nicht der Profit privater Unternehmen, sondern die Interessen der werktätigen Menschen haben die Entwicklung der Gesellschaft bestimmt. Den Reichen und Mächtigen in der Bundesrepublik war und ist dies ein Dorn im Auge. Sie wollen den Kapitalismus, mit seiner Herrschaft der Wenigen über die Vielen, als alternativlos darstellen. Seit der Gründung der DDR 1949 bemühen sie sich deshalb darum, ein falsches und verzerrtes Bild zu vermitteln. Es ist die Geschichtsschreibung der BRD, die 40 Jahre lang Feind und Konkurrent der DDR war. Es ist die Geschichte des Siegers, die uns tagtäglich eingetrichtert wird. Die meisten ehemaligen Bürger der DDR können davon jedoch nicht getäuscht werden. Etwa zwei Drittel der ostdeutschen Bevölkerung sagen, dass die positiven Seiten der DDR mindestens überwogen, nur etwa 10% finden beispielsweise das heutige Bildungssystem besser als das der DDR. Denn das wovon nicht berichtet wird, ist gewichtig: Es sind die großen Errungenschaften wie das Recht auf Arbeit, die günstigen Mieten, das kostenlose Gesundheits- und Bildungssystem, die flächendeckende Kinderbetreuung oder die Demokratie im Staat und den Betrieben. 

Auch unter Gegnern des Kapitalismus in Deutschland spielt die DDR heute selten eine Vorbildrolle. Als „Kasernenhofsozialismus“ wird sie bezeichnet, undemokratisch und bürokratisch sei sie gewesen. Die reichen Erfahrungen im 40-jährigen Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft werden nicht aufgegriffen. Die Probleme und Widersprüche, die es in der DDR gab, nicht konstruktiv untersucht. Zu viele lassen sich so bewusst oder unbewusst vor den Karren der BRD-Geschichtsschreibung spannen.

Aus diesem Anlass haben wir einen Episodenfilm aufgenommen, in dem der Versuch unternommen wird, einen ehrlichen und kritischen Blick auf die Errungenschaften und Probleme der DDR zu werfen. Die Erzählungen und Perspektiven unserer Gesprächspartner sollen dazu einladen, tiefer in die Geschichte einzusteigen. Denn eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Erfahrungen im Aufbau des Sozialismus der DDR ist notwendig, um auch heute den Weg zum Wiederaufbau der Arbeiterbewegung und zum Sozialismus zu ebnen.




Interviewpartner

Heidi Richter *1939

Gründungsmitglied der Pionierorganisation im alten Friedrichstadtpalast in Berlin 1948

Das ist so bitter, wenn vieles was die Menschen sich hier aufgebaut haben, wegfällt, plattgemacht wird, einfach versucht wird aus deinem Gedächtnis zu entfernen. Und das ist auch ein Stück der Lebensleistung der DDR-Bürger das hier in den Dreck getreten wird.

Hans Bauer *1941

ehemaliger stellvertretender Generalstaatsanwalt der DDR

Es gab ein breites Feld von Demokratischer Mitwirkung, wie es gar nicht bekannt ist und ich es selbst erlebt habe. Sowohl im persönlichen Leben, als auch in meinem Leben als Staatsanwalt. Was weit über das hinaus geht, was in der heutigen Bundesrepublik geschieht.

Edmund Peltzer *1945

Ehemaliger Lehrer am Institut für Lehrerbildung

Das heutige System hat sich 1945 bereits zur Lebensaufgabe gemacht, diesen Staat zu beseitigen. Ich kann also nicht erwarten, eine realistische Berichterstattung über das Leben in der DDR zu bekommen.

Ekkehard Lieberam *1937

ehem. Professor für Staatstheorie und Verfassungsrecht

Es ist der Treppenwitz der Geschichte, dass nach dem Ende der DDR wie in den Hochzeiten des kalten Krieges Kriminalisierung betrieben wurde und das Wort DDR zum Synonym für das Böse in der deutschen Geschichte gemacht wurde.

Kerstin Salin *1963

Ehemalige Kinomalerin aus Leipzig

Es ging einfach darum, zu lernen fürs Leben, ein guter Mensch zu werden und ein gerechter Mensch zu werden und vor allem ein solidarischer Mensch zu werden, dass einer dem andern hilft.

Jürgen Geppert *1949

Ehemaliger Stadtverordneter in Aschersleben und Oberstleutnant a.D. der NVA

Man ist 2/3 seines Tages im Betrieb. Dann muss der Betrieb auch bestimmte Verantwortungen übernehmen. Da war es ganz normal, dass es einen Kindergarten, ärztliche Versorgung oder Verkaufsstellen gab.

Regina Mainzer *1951

Ehemalige Pionierleiterin aus Erfurt

Prinzipiell muss ich sagen, dass wir Frauen mit der Wende um Jahrzehnte zurückversetzt wurden.

Ingo Höhmann *1953

Oberstleutnant a.D. der Nationalen Volksarmee

Warum hat der Sozialismus Interesse an Frieden? Es verdient keiner im Sozialismus am Krieg. Jede Rüstungsausgabe ist eine Belastung gewesen.

Torsten Schöwitz *1969

1989 bei den Grenztruppen der DDR

Meine erste Einraumwohnung, die ich bezogen habe, hat 19,20 Mark gekostet. Dieses soziale Problem, was heute immer noch in dieser reichen Bundesrepublik ein soziales Problem ist, das hatten wir gelöst. Und so war die DDR aufgebaut, dass sie Stück für Stück, nach ihren Möglichkeiten, die sozialen Probleme löst.

Wolfgang Schmidt *1939

Ehemaliger Leiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung XX. im Ministerium für Staatssicherheit

Die Probleme der Bevölkerung wurden Ende der 80er nicht mehr ernst genommen und damit höhlst du das Vertrauen in dich aus.

Ekkehard Schulze *1963

Erfinder des Abduktoren-Adduktoren-Sportgerätes

Der Mensch, welcher sich und seine Familie mit seiner Arbeit ernährt, Anerkennung und Respekt für seine Arbeit im persönlichen Umfeld findet, das ist ein großer Aspekt für das Mensch sein und wichtig für die körperliche und geistige Gesundheit des Menschen.




Inhalt / Synopsis

Im Episodenfilm DAS ANDERE LEBEN geben elf Interviewpartner aus der Sicht ihrer Lebensgeschichte Einblick in den Alltag und die Strukturen der Gesellschaft der Deutschen Demokratischen Republik. In groben Zügen werden dabei auch die Gesamtentwicklung der DDR, die Bedingungen der Gründung 1949, Dynamiken und Veränderungen im sozialistischen Aufbau und zuletzt der Niedergang der DDR skizziert.

Episode I – Kindheit, Jugend und Schule

Die erste Episode widmet sich den Themen Kindheit, Jugend und Schule. Mit der Gründung der DDR entsteht zum ersten Mal auf deutschem Boden eine Einheitsschule für alle Kinder. Anekdoten und Erklärungen über die Polytechnik, politische Bildung, die Pionierorganisation und zum Jugendleben vermitteln ein Bild eines weit verzweigten, einheitlichen Netzes der Bildung und Erziehung, das jedem Kind offenstand. Pioniere und Freie Deutsche Jugend sind dabei sowohl Freizeitorganisationen als auch Organe der Mitbestimmung gewesen. Zuletzt war der revolutionäre Geist der Jugend allerdings nicht stark genug. 

Episode II – Arbeit und Wirtschaft

In der zweiten Episode wird ein Blick auf die Wirtschaft und das Arbeitsleben geworfen. Nach der Enteignung der Industrie und Landwirtschaft entstehen in der DDR völlig neue Arbeits- und Lebensverhältnisse. Der Betrieb wird zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Sport, Kultur, soziale Probleme und vieles mehr werden im Betrieb unter Beteiligung der Kollegen und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) verhandelt. Die DDR schafft es aus einem vom Krieg völlig zerstörten Land eine produktive Wirtschaft zu errichten. Zuletzt stagniert die Entwicklung allerdings – auch wenn von einem Staatsbankrott keine Rede sein konnte. Diskussionen über Schwierigkeiten im Aufbau einer sozialistischen Planwirtschaft und mögliche Lösungen halten seit dem Ende der DDR an.

Episode III – Demokratie und Zusammenleben

Die dritte Episode beschäftigt sich mit den sozialen, kulturellen und politischen Strukturen der DDR. Die Erfahrungen mit der Wohnungspolitik, mit einem fortschrittlichen Gesundheitswesen, einer anderen Rolle der Frau und dem Zugang zu Kultur zeichnen ein umfassendes Bild des alltäglichen Lebens. Sowohl der Umgang der Menschen untereinander, als auch der Umgang des Staates mit den Menschen erscheint dadurch ein anderer als in der Bunderepublik. Ein breites Netz aus Presse und Medien und das Zusammenwirken der Parteien und Massenorganisationen in der Nationalen Front und der Volkskammer konterkarieren das Bild eines „Unrechtsstaates“. Doch zuletzt stagniert die politische Entwicklung der DDR. Die demokratischen Strukturen und die Presse schaffen nicht die nötige Kritik und Diskussion zur Vertiefung der sozialistischen Gesellschaft.

Episode IV – Kalter Krieg und Konterrevolution

In der vierten Episode wird der Blick auf das Verhältnis zwischen Bundesrepublik und DDR gerichtet. Die Sicherung der Grenze 1961, die Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit und der Nationalen Volksarmee erscheinen im Licht des Kalten Krieges neu. Die Beziehungen zwischen der DDR und der BRD werden besonders wichtig für ein Verständnis der politischen Krise der DDR in den 80er Jahren. Dem Mythos der friedlichen Revolution wird auf den Zahn gefühlt. Wer aber waren die Triebkräfte des politischen Umsturzes, warum hat es so wenig Gegenwehr aus der Sozialistischen Einheitspartei gegeben? Die Gesprächspartner reflektieren die Zeit danach, die Lebensumbrüche und den Umgang der Bundesrepublik mit der DDR und mit ihnen selbst. Die DDR ist Geschichte. Was aber bleibt von der Deutschen Demokratischen Republik?




30 Jahre Konterrevolution – Die Sieger schreiben die Geschichte

Der Text als pdf

Immer doch schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten; Dem Erschlagenen entstellt der Sieger die Züge, aus der Welt geht der Schwächere und zurück bleibt die Lüge.

Berthold Brecht In “Das Verhör des Lukullus”

Einleitung

Vor 30 Jahren, am 9.
November 1989, wurde die Grenze geöffnet, die zuvor die
sozialistische DDR von der imperialistischen BRD trennte und ihr
Schutz vor wirtschaftlicher Sabotage, Spionage und sonstigen
Aggressionen des imperialistischen Westens bot. Mehr noch: es fiel
eine internationale Trennungslinie der Systeme, die zuvor die Welt in
das imperialistische Lager, repräsentiert durch die NATO, und das
sozialistische Lager, repräsentiert durch den Warschauer Vertrag,
aufteilte. Mit ihr fiel die DDR. Auch 30 Jahre nach dem sogenannten
Mauerfall, 29 Jahre nach der offiziellen Angliederung der Deutschen
Demokratischen Republik an die Bundesrepublik, ist das Thema DDR
längst nicht vergessen.

Einerseits
in der ostdeutschen Bevölkerung, die die Zeit vor 1990 bewusst
miterlebte und -gestaltete. Hier haben viele Menschen häufig noch
positive Erinnerungen an die DDR. Andererseits ruft gerade diese
Stimmung andere auf den Plan: Schulbücher, bürgerliche Medien,
Politiker und Thinktanks überschlagen sich geradezu wieder in ihrer
Verunglimpfung jenes deutschen Staates. Jedes noch so irrelevante, an
den Haaren herbeigezogene Detail wird instrumentalisiert – nicht
selten kommt es auch zu Lügen oder starken Verzerrungen –, um die
DDR und ihr Wirken negativ darzustellen. Der deutsche Imperialismus
walzt die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik geradezu
aus, um sich selbst zu legitimieren. Es gibt keinen Zweifel, die 40
Jahre, die der Sozialismus auf deutschem Boden existierte, dürfen in
keiner positiven Erinnerung verbleiben. Antikommunismus gehört nach
wie vor zum Standardrepertoire der Geschichtsschreibung und Politik
des deutschen Imperialismus. Zufrieden sollen wir sein und glücklich
über die „Freiheit“ und „Demokratie“, die das Ende der DDR
für uns offenbarte. Niemals soll es wieder soweit kommen, dass die
Werktätigen dieses Landes ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen.

Doch so recht ist die DDR
nicht tot zu kriegen. Die Tatsache, dass die meisten ehemalige
DDR-Bürger nach wie vor positiv über die DDR denken, ihre
verheerenden Erfahrungen mit der Deindustrialisierung in den 90er
Jahren gemacht haben und der auch damit verbundene, offensichtliche
Vertrauensverlust breiter Bevölkerungsteile gegenüber den
etablierten Parteien, führt zu einem scheinbaren Entgegenkommen in
der DDR-Berichterstattung. So verbindet sich das oberflächliche
Ernstnehmen der individuellen Lebensgeschichten der Menschen mit der
Erzählung der “SED-Diktatur”. Das Mantra der 1990er Jahre
vom „Ende der Geschichte“ ist dem Paradigma der
Alternativlosigkeit des marktwirtschaftlichen Systems gewichen. Zwar
seien einige Episoden der Abwicklung der DDR ungünstig verlaufen,
aber letztlich wogen die bürgerlichen Freiheitsrechte mehr. Und wie
Wolfgang Thierse (ehemaliger DDR-Oppositioneller und Mitglied der
SPD) erst kürzlich sagte: „Man muss daran erinnern, dass Helmut
Kohl 1990 viel versprochen hat, und dass die Wunder halt länger
dauern“ (SWR 2019).

Für diese Art der
Geschichtsschreibung ist das Gerede der „zwei deutschen Diktaturen“
wesentlich. Mit der unwissenschaftlichen Totalitarismus-Theorie wird
dabei eine völlig inhaltsleere Gleichsetzung von Faschismus und
Sozialismus betrieben, um so die bürgerliche Ordnung der
Bundesrepublik als einzige wahrhaftig demokratische Alternative
erscheinen zu lassen. Neben der Verunglimpfung des Sozialismus wird
so gleichzeitig auch die Bedeutung faschistischer Eliten aus Militär,
Wirtschaft und Politik für den Aufbau der BRD und der Zusammenhang
von Faschismus und Kapitalismus grundsätzlich abgewiegelt. Während
nach der Befreiung im Mai 1945 in den Besatzungszonen der
West-Alliierten angeblich schnell ein demokratisches System etabliert
worden wäre, wäre in der sowjetischen Besatzungszone gleich die
nächste Schreckensherrschaft gefolgt: die “SED-Diktatur”.

Bürgerliche
Geschichtsschreibung, Presse und Politiker jedweder parteipolitischen
Couleur erzählen uns seit nunmehr 30 Jahren fast immer das Gleiche
über die sogenannte Wende. Die Grenzöffnung wird zu einer
friedlichen Revolution umgedichtet: Im Herbst 1989 zwang schließlich
ein ganzes Volk seine Unterdrücker erfolgreich in die Knie und
bahnte sich den lang ersehnten Weg in ein Leben in Freiheit und
Demokratie. 40 Jahre führten 16 Millionen Deutsche ein durch
Unterdrückung und Überwachung, Mangel und Entsagung geprägtes
Leben. Erst in den späten 1980er Jahren fanden sie zu der Stärke,
das allgemeine Menschheitsinteresse zu erkämpfen: die bürgerliche
Freiheit. Allerdings stießen sie um, was sowieso gefallen wäre. Der
Untergang des Sozialismus in der DDR sei ohnehin notwendig gewesen,
denn die Planwirtschaft als solche sei nicht funktions- und
überlebensfähig. Geringe Produktivität der sozialistischen
Planwirtschaft, die sich im allgegenwärtigen Mangel und der
Unterversorgung der Bevölkerung ausdrückte, aber auch die
überalterten Produktionsanlagen der DDR-Industrie, die enorme
Auslandsverschuldung der DDR und ihre fehlende Konkurrenzfähigkeit
auf dem Weltmarkt hätten das Schicksal des Sozialismus auch ohne
sein aufbegehrendes Volk bald besiegelt. Das Ende der „Unterdrückung
der Menschheit“ war also unvermeidlich und 1989 war die Zeit des
„Totalitarismus“ endlich überstanden. So oder so ähnlich
schallt es aus allen Kanälen.

Doch warum darf es keine
davon abweichende Auseinandersetzung mit der Geschichte der Deutschen
Demokratischen Republik geben? Warum muss in der etablierten
Geschichtsschreibung das Bild dieses Staates offenbar unbedingt ein
negatives sein? Und welches Bild der DDR müssen wir der herrschenden
Propaganda entgegenstellen? 

In diesem Artikel wollen
wir erklären, welche Rolle die Grenzöffnung, als Sinnbild für die
vollzogene Konterrevolution in der DDR, für den BRD-Imperialismus,
die (ost-)deutsche Arbeiterklasse und die Völker der Welt spielte.
Unserer Ansicht nach ist der 9. November ’89 kein Tag der Freude,
sondern ein Tag der Niederlage der Arbeiterklasse. Wir wollen jedoch
auch unsere Schlussfolgerungen aus der Geschichte ziehen. Die
Niederlage des Sozialismus ist schließlich vor allem auf
Fehlentwicklungen im sozialistischen Lager selbst zurückzuführen,
die es für uns zu analysieren gilt. „An den Errungenschaften
anknüpfend, aus den Fehlern lernend“ ist dabei die Losung, mit der
wir eine wissenschaftliche, klassenbewusste und in die Zukunft
gerichtete Auseinandersetzung mit der Geschichte des ersten
sozialistischen Staates auf deutschem Boden etablieren wollen. Ein
abschließender Teil dieses Artikels wird sich also auch der Frage
widmen, wie es zur Konterrevolution in der DDR kommen konnte. Es soll
an dieser Stelle vorgemerkt werden, dass wir als Kommunistische
Organisation noch nicht über eine ausgearbeitete Niederlagenanalyse
verfügen und deshalb nur grobe Problemkomplexe nennen können, von
denen wir bis dato der Meinung sind, dass sie entscheidend sind, um
die Konterrevolution zu erklären. Für die notwendige umfassende
Klärung der Geschichte der DDR ist der von uns angestoßene
Klärungsprozess vorgesehen. Hingewiesen sei an dieser Stelle nochmal
auf den kürzlich von uns, in Zusammenarbeit mit offen-siv und KPD,
neu aufgelegten Sammelband „Unter Feuer – Die Konterrevolution in
der DDR“, der neben weiteren Veröffentlichungen bereits wichtige
erste Ansätze zur Diskussion liefert.

Teil I – Die BRD und die DDR

Deutschland greift zur Weltmacht – ein Blick in die Geschichte

Um die BRD-Propaganda
bezüglich der DDR zu verstehen, ist es wichtig nachzuvollziehen,
welche Rolle die DDR für den deutschen Imperialismus gespielt hat
und immer noch spielt. Hierfür müssen wir vorerst einen Blick in
die Geschichte des deutschen Imperialismus werfen. 

Vergleichsweise spät setzte sich in Deutschland der Kapitalismus und damit die Bourgeoisie als herrschende Klasse durch. Mit der zunehmenden Konzentration und Zentralisation von Kapital bildete sich im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert der Imperialismus (siehe BolscheWiki) als letztes Stadium des Kapitalismus heraus. Innen- aber vor allem auch außenpolitisch wollte das entstandene deutsche Monopolkapital nun seinem Interesse nach Extraprofiten durch die Kontrolle von Rohstoffen und Absatzmärkten Geltung verleihen. Doch zu dieser Zeit war die Welt bereits aufgeteilt: die anderen imperialistischen Länder wie Großbritannien oder Frankreich hatten sich überall in der Welt ihre Pfründe gesichert. Der deutsche Imperialismus kam zu spät, um – ohne Konflikte mit diesen Ländern zu riskieren – ebenfalls an Kolonien, Absatzmärkte, Rohstoffe, Einflusssphären im großen Stil zu kommen. Die rasche Entwicklung des deutschen Imperialismus, die enorme Monopolisierung der Wirtschaft und das Weltmachtstreben auf der einen, doch die bei der Aufteilung der Welt unterrepräsentierten deutschen Kapitalinteressen auf der anderen Seite, waren der Nährboden für einen besonders aggressiven Militarismus. Dieser endete im großen imperialistischen Kampf um die Neuaufteilung, die niemand so herbeigesehnt hatte wie die deutschen Monopole: im Ersten Weltkrieg. Dieser erste Versuch des deutschen Imperialismus, sich zur Weltmacht zu erheben, scheiterte nach vier Jahren kläglich. Stattdessen hatte der Krieg die siegreiche sozialistische Oktoberrevolution 1917 in Russland und die Novemberrevolution 1918 in Deutschland zur Folge. Letztere rang der Bourgeoisie Zugeständnisse im Sinne des Proletariats ab, wie zum Beispiel den Achtstundentag (Vgl. Gossweiler 2013, 93). Aber trotz der damaligen Schwäche des deutschen Imperialismus konnte ihn die Novemberrevolution nicht zu Boden ringen. Politisch gespalten, desorientiert und letztlich bekämpft durch den großen Einfluss der SPD und ihres Opportunismus war die deutsche Arbeiterbewegung 1918 bis 1923 nicht in der Lage, die Staatsmacht und damit die Oberhand im Klassenkampf zu gewinnen; ihr Kampf wurde in Bahnen gelenkt, die für den Kapitalismus ungefährlich waren. Die erst im Laufe der Revolution gegründete Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) war noch zu schwach, zu wenig kampferprobt und selbst ohne ausreichende Klarheit, um den revolutionären Erhebungen des Proletariats eine Orientierung zu verleihen und sie von eben jenem integrierenden Einfluss der SPD abhalten zu können.

Vom Ausgang des Krieges
geschwächt und in seiner Entwicklung zurückgeworfen, trachtete der
deutsche Imperialismus nach einer Revanche, die seine
wirtschaftlichen und politischen Verluste, die ihm der Versailler
Vertrag beschert hatte, rückgängig machen sollte. Doch der
wachsende Einfluss, den die KPD auf die deutsche Arbeiterklasse
hatte, war dabei hinderlich. Als dann Ende der 1920er Jahre auch noch
die große Weltwirtschaftskrise dem deutschen Kapital einen schweren
Schlag versetzte, war es soweit: Nach 14 Jahren der „demokratischen“
und scheinbar friedfertigen Weimarer Republik, die trotz allem nie
einem anderen Zweck diente als der Vorbereitung eines neuen Anlaufs
zur Weltmacht, wurde vom deutschen Monopolkapital offen die Karte des
Faschismus ausgespielt. Es folgte die massive Kriegsvorbereitung zum
erneuten Griff nach der Weltmacht. Die KPD als konsequenteste Kraft
gegen den imperialistischen Krieg musste vernichtet werden. Der
gesamten deutschen und internationalen Arbeiterbewegung wurde der
Kampf angesagt. Der deutsche Imperialismus beherrschte zeitweise halb
Europa und führte einen Vernichtungsfeldzug gegen die junge
Sowjetunion, die als damals einziger sozialistischer Staat eine
Bastion für die internationale revolutionäre Arbeiterbewegung in
der Arena der imperialistischen Mächte bedeutete.

Nach sechs Jahren des
Krieges schließlich zog die Rote Armee in Berlin ein, dem
Hitlerfaschismus blieb nur die bedingungslose Kapitulation. Der
deutsche Imperialismus hatte – maßgeblich durch den Kampf der
Völker der Sowjetunion – die schwerste Niederlage seiner
Geschichte einstecken müssen. Seine Herrschaft über weite Teile des
Kontinents war zerschlagen. Die mit der Ausbeutung ganzer Völker,
ihrer Arbeitskraft, Rohstoffe und Industrien stetig wachsenden
Profite nahmen ein jähes Ende. Damit nicht genug, gab es ein
Ereignis der Nachkriegszeit, das die deutsche Bourgeoisie nachhaltig
und bis ins Mark erschüttern sollte: die Gründung der Deutschen
Demokratischen Republik.

Bedeutung der DDR für den deutschen Imperialismus

Die DDR nahm vom gesamten
Territorium des heutigen Deutschlands fast ein Drittel ein. Das
bedeutete: ein Drittel ehemaliges Hoheitsgebiet des deutschen
Imperialismus, ein Drittel seines Herzstückes war verloren. Es war
die einmalige historische Situation, die das ermöglichte. Nur im
Angesicht seiner massiven Schwächung durch den Ausgang des Krieges
und mit der Unterstützung sowie vor allem dem Schutz durch die
Sowjetunion konnten in einem Teil Deutschlands die Monopolbourgeoisie
und die Großgrundbesitzer enteignet und eine neue sozialistische
Ordnung aufgebaut werden.

Die deutsche Bourgeoisie,
die Bankherren und Industriellen, die Großgrundbesitzer, die
Faschisten und Kriegstreiber konnten nach dem Krieg ihre Macht also
lediglich im Westen wieder etablieren. Nur dort konnten sie ihren
Privatbesitz an Produktionsmitteln und Boden unter dem Schutz der
Westalliierten vor Enteignungen bewahren. Die Gründung der BRD war
keineswegs ein Neuanfang, sondern die Fortsetzung der Macht des
deutschen Imperialismus, was allein die erschreckenden Erkenntnisse
darüber zeigen, wie viele wirtschaftliche, politische, militärische
und juristische Größen aus der Zeit des Faschismus ihre Karriere
nach 1949 unbeirrt fortsetzen konnten (Vgl. Schumann 2014, 129ff).
Der Antrieb für die deutsche Spaltung kam von den alten Eliten im
Westen, ganz nach dem Motto: „Lieber das halbe Deutschland ganz,
als das ganze Deutschland halb!“ (Buchholz et. al. 2019, 32).

 In der DDR hingegen
nahmen nun jene ihr Schicksal in die Hand, die bis dato allein für
die Profite der Kapitalisten gearbeitet hatten und nicht minder für
sie in die imperialistischen Kriege gezogen waren: die Arbeiter in
den Fabriken, die Bauern auf den Feldern, sie alle zusammen im neuen,
ihrem eigenen Staat. Sie konnten das, weil sie in diesem Teil
Deutschlands die zentralen Produktionsmittel, die große Industrie
vom einstigen Besitz der deutschen Monopolbourgeoisie unter ihre
eigene Kontrolle nahmen. Gleiches galt für Grund und Boden. Dem
Kapital war die Machtgrundlage, die Verfügung über die
gesellschaftliche Produktion genommen worden. Industrien, in denen
die Arbeiter zuvor für den Profit ihrer Privatbesitzer produzierten,
wurden volkseigen. Mit der Bodenreform wurden die Großbauern
enteignet und das Land u. a. an Landarbeiter gegeben. Bauern, die
sich lange Zeit auf dem kleinen Acker unter ihren Füßen und dem
Druck der Großgrundbesitzer auf ihren Schultern abarbeiteten,
bildeten nun Kollektive, die sogenannten Landwirtschaftlichen
Produktionsgenossenschaften (kurz: LPG), in denen sie einzig für
sich und die Gesellschaft tätig waren.

Kurz: nichts und niemand
auf dem Gebiet der DDR tanzte mehr nach der Pfeife der deutschen
Imperialisten.

Doch nicht nur der
verlorene Einfluss war ein Problem für das deutsche Kapital, sondern
auch die Ausstrahlung der DDR selbst. Um zu verhindern, dass es zu
größeren Abwanderungen westdeutscher Arbeiter in den Osten kommt,
musste sich der BRD-Imperialismus positiv präsentieren. Das
machte Zugeständnisse an die Arbeiter in Form von sozialen Reformen
notwendig, die in der DDR grundlegend – aufgrund ihrer
sozialistischen Gesellschaftsordnung und der zentralen
Planwirtschaft, wodurch die Bedürfnisse des werktätigen Volkes
stets im Mittelpunkt standen – gegeben waren: soziale Absicherung,
ein funktionierendes Gesundheitssystem, flächendeckende
Kinderbetreuung und kostenlose Bildungseinrichtungen, Sicherheit am
Arbeitsplatz, niedrige Preise für Grundnahrungsmittel und so weiter.

Für ihre eigene Ordnung,
aber auch für den gesamten Block imperialistischer Staaten hatte die
BRD eine Art „Schaufenster-Funktion“ gegenüber den
sozialistischen Ländern und der internationalen Arbeiterklasse zu
erfüllen. Sie musste dem kapitalistischen System ein menschliches,
ein soziales und hoffnungsvolles Antlitz verleihen. Die Existenz der
DDR ist unzweifelhaft einer der Gründe für weitgehende
sozialstaatliche Maßnahmen und den vergleichsweise hohen
Lebensstandard, auch unter den westdeutschen Volksmassen gewesen.

Auf
Tarifauseinandersetzungen, gewerkschaftliche Kämpfe erzeugte die DDR
durch ihr bloßes Bestehen stets einen Effekt, der seitens der
Kapitalistenverbände Zugeständnisse an die Arbeiter im Betrieb –
sei es z. B. bei Lohnforderungen oder Arbeitszeitverkürzungen –
notwendig machte. Der Ausdruck „die DDR als dritter
Verhandlungspartner“ beschreibt das Phänomen treffend, das im
Rückblick auch damit bewiesen wird, wie offensiv die Angriffe auf
die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Proletariats und der
Volksmassen seit dem Ende der DDR geführt werden. Umfassende
Privatisierungen, breiter Ausbau des Niedriglohnsektors, Leiharbeit,
Hartz IV, Kürzungen im Gesundheitswesen und so weiter wären bei
gleichzeitiger Existenz eines sozialistischen Staates auf der anderen
Seite der Elbe wohl kaum denkbar gewesen. Gleichzeitig hatte das
Kapital keinen Zugriff mehr auf das Gebiet der DDR. Hiermit ist
gemeint, dass die BRD-Imperialisten und die Imperialisten allgemein
keinen Zugriff mehr auf die Rohstoffe und Arbeitskräfte hatten, dort
nicht mehr produzieren konnten und keinen Profit mehr aus dem Gebiet
schlagen konnten. Diese Problemlage für das Kapital beschränkte
sich dabei natürlich nicht nur auf das Gebiet der DDR. Es war
schließlich vom riesigen Absatzmarkt des Rates für Gegenseitige
Wirtschaftshilfe (RGW) insgesamt weitestgehend ausgeschlossen.

Deutschland war also zum
Terrain des internationalen Klassenkampfes geworden, wo sich
internationale Bourgeoisie und Weltproletariat mit aller Schärfe
gegenübertraten, wo sich ihr unauflöslicher Widerspruch zuspitzte. 

Die historische
Entwicklung zeigt, dass der deutsche Imperialismus auf Grund seiner
Lage und Widersprüche zu besonderer Aggressivität und damit auch zu
Instabilität getrieben war. Er wurde zum Knotenpunkt der
gesellschaftlichen Widersprüche. Kein anderer imperialistischer
Staat war in der Zwischenkriegszeit mit so einer starken
Arbeiterbewegung konfrontiert und 1945 sogar mit der Errichtung der
Arbeiter- und Bauernmacht auf dem eigenen Territorium.

Die DDR musste vernichtet werden

Die Wirkungen, die die DDR
auf die BRD, also den deutschen Imperialismus hatte, waren zweifellos
negativ für die Profite der Bourgeoisie. Mehr als das – die DDR
war das Haupthindernis für das Großmachtstreben, das natürlich
auch nach der schweren Niederlage 1945 ungebrochen blieb. Außerdem
schlug sich hier, wie eben erwähnt, die internationale
Klassenauseinandersetzung nieder, bei der es keinen Kompromiss und
keine Existenz in Einklang geben konnte.

Das konnte nur eins
bedeuten: die DDR musste weg! In den über 40 Jahren ihres Bestehens,
von der ersten Minute nach ihrer Gründung bis zum Ende 1990, war die
Vernichtung der DDR das Ziel des deutschen Imperialismus. Darauf
waren letztendlich alle Maßnahmen ausgerichtet, der Kampf fand auf
allen Ebenen und mit aller Schärfe statt. Dennoch musste vonseiten
des Imperialismus zunächst ein Weg – eine erfolgreiche Strategie –
gefunden werden, mit der die DDR in die Knie gezwungen werden konnte.
Die Tatsache, dass die BRD die Einheit Deutschlands 1949 nicht wollte
und zum anderen die DDR von Beginn an loswerden wollte, steht dabei
keinesfalls in einem Widerspruch. Die BRD musste politisch unbedingt
in die NATO integriert werden, um den Kampf gegen das sozialistische
Lager offensiv führen zu können. In diesem Sinne sind auch die oben
zitierten Worte Adenauers zu verstehen: „Lieber das halbe
Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb“. Ein einheitlich
blockfreies – wenn auch marktwirtschaftlich orientiertes
Deutschland, wie es in den Stalin-Noten vorgeschlagen wurde, –
hätte den antikommunistischen Strategien des Kapitals widersprochen.

Zwei Strategien

Wer sich ein bisschen mit
der Geschichte der Beziehungen zwischen den zwei deutschen Staaten ab
1949 beschäftigt, den überkommen vielleicht Zweifel bei der
Aussage, dass der deutsche Imperialismus über die gesamten 40 Jahre
hinweg die DDR vernichten wollte. Tatsächlich sah es auf den ersten
Blick nicht immer so aus, aber dazu später mehr. Widmen wir uns
zunächst der Zeit kurz nach der Gründung der BRD und der DDR.

Die BRD hatte starken
Rückhalt bei den Westalliierten und bekam unter anderem mit dem
Marshallplan eine massive wirtschaftliche Aufbauhilfe. Nicht ohne
Grund: für die imperialistischen Länder – das strebte besonders
der US-Imperialismus an – sollte die BRD ein Bollwerk gegen den
Sozialismus in Ost- und Mitteleuropa sein.

Das 1949 frisch
geschmiedete Kriegsbündnis der NATO war ein Meilenstein in der
imperialistischen Aggression und diente der gemeinsamen Aufrüstung
gegen den Sozialismus und der militärischen Entwicklung der BRD. Mit
der Gründung der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“
1951 und der „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ ein paar
Jahre später, beides Vorläufer der Europäischen Union, erfolgte
auch die Vernetzung der europäischen imperialistischen Staaten gegen
den gemeinsamen Feind im Osten (aber auch gegen die dominante
Führungsrolle der USA). Zusammen mit Frankreich war die BRD bei
diesen Entwicklungen federführend.

Es war die Zeit des
„Containment“ und „Rollback“, also der „Eindämmung“ und
„Zurückdrängung“. Der Sozialismus, der sich nach dem Ende des
2. Weltkrieges in einem beachtlichen Teil Europas entwickelte, sollte
auf jeden Fall aufgehalten und langfristig zurückgeworfen werden.
Dafür waren alle Mittel recht. Es kam zur Aufrüstung im NATO-Block
und Drohgebärden bis hin zur Provokation atomarer
Auseinandersetzungen. Detaillierte Pläne für den nuklearen
Erstschlag existierten in der Hinterhand des Imperialismus,
„DROPSHOT“ war zum Beispiel einer der Kriegspläne der NATO, der
die Zerstörung ganzer sowjetischer Städte mittels Atombomben vorsah
(Vgl. Buchholz et. al. 2019, 124).

Auch das Provozieren von
Unruhen und Aufständen in den jungen sozialistischen Ländern war
wichtiger Bestandteil der „Rollback“-Strategie. Innenpolitische
Krisen sollten erzeugt, geschürt und ausgenutzt werden, um die
sozialistische Ordnung ins Wanken zu bringen. Der 17. Juni 1953 steht
exemplarisch für diese Politik. Als es darum ging, den planmäßigen
Aufbau des Sozialismus voranzubringen, wollte man Maßnahmen
umsetzen, die jedoch auf Unmut in der werktätigen Bevölkerung
stießen, da sie zur Wirtschaftsentwicklung eine Erhöhung der Normen
vorsahen (ebd., 153). Das nahm die BRD-Führung mit Unterstützung
der NATO zum willkommenen Anlass, ihre lange vorher und detailliert
ausgearbeiteten Pläne zum Putsch in der DDR umzusetzen. Sie nutzte
den bestehenden Unmut und half dabei, ihn – durch in mehreren
Städten eingeschleusten Unruhestiftern, aus Geheimdienstmitarbeitern
und faschistischen Terrorbanden – zum Protest zu entwickeln.
Angeheizt wurde das Ganze noch durch die westliche Berichterstattung,
so spielte etwa der aus Westberlin sendende Rundfunk „RIAS“ mit
seiner Hetze und Falschinformation eine zentrale Rolle.

Doch in diesen Tagen hatte
der deutsche Imperialismus keinen Erfolg. Der Aufruhr beruhigte sich
wieder, die übergroße Mehrheit der DDR-Bevölkerung lehnte ihn ab
(ebd., 154). Die Unruhen konnten letztendlich durch den Beistand
sowjetischer Streitkräfte in Schach gehalten werden. Doch für eine
kurze Zeit stand das Überleben des jungen Sozialismus und des ebenso
jungen Friedens in Europa auf dem Spiel, für kurze Zeit schien der
deutsche Imperialismus seinem Ziel, die DDR zu liquidieren, sehr nah
zu sein. 

Dass die BRD in dieser
Zeit keinen Hehl aus ihrer feindseligen Haltung gegenüber der DDR
machte, zeigt auch ihre strikte Nicht-Anerkennung dieses Staates.
Mehr noch, mit der „Hallstein-Doktrin“ von 1955 (der CDUler
Walter Hallstein war damals Staatssekretär im Auswärtigen Amt),
wurde auch Druck auf alle anderen Staaten ausgeübt, die
diplomatische Beziehungen zur DDR anstrebten (Schumann 2014, 151).
Dies wurde von den bundesdeutschen Behörden als „unfreundlicher
Akt“ angesehen und konnte Sanktionen bis hin zum Abbruch jeglicher
Beziehungen zu den betreffenden Staaten nach sich ziehen. Insgesamt
stehen die Maßnahmen der BRD jener Zeit im Einklang mit der Politik
der USA und der sogenannten „Truman-Doktrin“ (Harry Truman war ab
1947 US-Präsident): die Systemauseinandersetzung mit aller Härte
führen und keine Möglichkeit des Angriffes gegen den Sozialismus
aus lassen – von plumper antikommunistischer Propaganda bis hin zur
Sabotage.  

Doch im Laufe der Jahre
drohte die BRD sich damit zunehmend selbst zu isolieren. Dies und
besonders auch der gescheiterte Putschversuch 1953 führte immer mehr
vor Augen, dass die offene Aggression und Null-Toleranz gegenüber
der DDR nicht zum gewünschten Erfolg führte. Im Gegenteil trug sie
teilweise sogar dazu bei, dass die ostdeutschen Werktätigen umso
stärker die Politik der BRD ablehnten und sich mit der DDR
identifizierten, je mehr die Imperialisten die wirtschaftlichen und
sozialen Errungenschaften im Osten angriffen. Direkte Beeinflussung
und Unterwanderung seitens der westlichen Geheimdienste wurde ab dem
13. August 1961 auch zunehmend durch die Sicherung der Staatsgrenze
der DDR zur BRD und Westberlin erschwert. Dabei ging es nicht nur
darum, die offen feindliche Praxis des Westens, Sabotageaktionen,
Unterwanderungsaktivitäten, das gezielte Abwerben von Fachkräften
und das langsame Ausbluten der Wirtschaft der DDR zu verhindern,
sondern auch Maßnahmen gegen drohende Kriegshandlungen zu
unterbinden, für die längst Pläne bereit lagen. Hierzu schreiben
Heinz Keßler und Fritz Streletz ausführlich in „Ohne die Mauer
hätte es Krieg gegeben“.

Die BRD-Strategen
erkannten, was von einigen ihrer US-amerikanischen Kollegen schon
seit Längerem formuliert wurde (Vgl. Buchholz et. al. 2019, 155f):
die Rollback-Strategie war gescheitert. Gleichzeitig wurden auch
Stimmen aus der deutschen Wirtschaft lauter, die die blockierende
Haltung der BRD bei Beziehungen zur DDR kritisierten und die
dementsprechend eine neue Ostpolitik forderten. Der Stahlindustrie
wurden zum Beispiel Geschäfte mit Pipelinelieferungen an die
Sowjetunion durch das bestehende Embargo verwehrt, wodurch auch der
erhoffte Transport von sowjetischem Erdgas ausblieb (Vgl. ebd., 157).

Es galt also, neue Mittel
und Wege zum Sturz des Sozialismus zu finden. Man fand sie in der
sog. „Neuen Ostpolitik“, die insbesondere der SPD-FDP-Regierung
unter Willy Brandt Anfang der 1970er Jahren zugeordnet wird, jedoch
bereits Anfang der 60er entwickelt wurde. „Wandel durch Annäherung“
ist die Bezeichnung für die Strategie, die Dialogbereitschaft sowie
Entspannung suggerierte, aber in Wahrheit den Sozialismus mittels
langfristiger Beeinflussung zu Fall bringen sollte. Der Unterschied
zum Rollback- und Containment-Konzept bestand darin, dass nicht mehr
die offene Feindseligkeit gegenüber der DDR im Vordergrund stand,
sondern das Bekenntnis zu Annäherung als Türöffner, die
sozialistische Wirtschaft in den Weltmarkt zu integrieren und somit
abhängig zu machen. Das Ziel – auch wenn die Größen der BRD
damals und heute etwas anderes behaupten und ihren guten Willen
bekunden – war also nach wie vor das gleiche: der Sieg der
Konterrevolution in Ostdeutschland, die Vernichtung der DDR.

Auf der wirtschaftlichen
Ebene sollte die DDR durch Handel mit dem Westen und der Aufnahme von
Krediten bei westdeutschen Banken zunehmend in die Abhängigkeit
getrieben werden. Der gemeinsame Handel bot die Möglichkeit, die
sozialistische Planwirtschaft zu untergraben und Einfluss zu
gewinnen. Ein bekannter Fall ist die Milliarden-Kreditvergabe an die
DDR auf Initiative des CSU-Ministerpräsidenten Franz-Joseph Strauß
1983, die ein weiteres Druckmittel gegen die DDR bedeuteten.

Im Gegensatz zur einstigen
Politik von Isolierung und Embargos waren hier wirtschaftliche
Beziehungen nach Ostdeutschland also durchaus nützlich. 

Auch auf der politischen
und ideologischen Ebene kam es zur sogenannten „Annäherung“ der
beiden deutschen Staaten. Konkret bedeutete es auch hier für die
BRD-Imperialisten, Einfluss zu gewinnen sowie die DDR abhängig und
mürbe zu machen, indem man ihr Zugeständnisse abringt. In dieses
Handlungsfeld fällt die KSZE („Konferenz für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa“) 1972-1975 in Helsinki. In ihrer
Schlussakte ist erkennbar, wie die BRD aus dieser Zusammenkunft als
Sieger hervorging: um den Preis einer allgemein gehaltenen
Anerkennung der Souveränität, konnte man in innere Angelegenheiten
eingreifen (Vgl. Schumann 2014, 170), ganz unter der Flagge der
Menschenrechte, die es doch auch in der DDR und an ihrer Staatsgrenze
zu schützen galt. Wenn es um die Diffamierung des Sozialismus ging,
lagen dem deutschen Imperialismus auf einmal Freiheit und
Menschenrechte sehr am Herzen – zumindest nach seinen Behauptungen.

Das 1987 veröffentlichte
SPD/SED-Papier, das von Egon Bahr (SPD, führende Figur des „Wandels
durch Annäherung“) initiierte Dokument zum „Streit der
Ideologien“ (ebd., 176), schlägt ebenfalls in diese Kerbe –
politische Einmischung und ideologische Aufweichung, ohne selbst
ernsthafte Zugeständnisse zu machen. Die dortigen Formulierungen
rückten klar von marxistisch-leninistischen Erkenntnissen ab, so
wird zum Beispiel vom Ziel einer dauerhaften parallelen sowie
friedlichen Existenz sowohl der kapitalistischen, als auch der
sozialistischen Gesellschaftsordnung geschrieben, ja sogar von einer
doch anzustrebenden gemeinsamen Sicherheitspolitik (Neubert 1994,
11).

Beide Ereignisse – KSZE
und das SPD/SED-Papier – stellen Höhepunkte in der „friedlichen
Einmischung“ des deutschen Imperialismus in die Entwicklung der DDR
dar. Exemplarisch stehen sie für eine Politik, die gerade durch ihre
Offenheit und scheinbar friedvolle Intention das sozialistische
System im Osten langsam, aber sicher zermürbt und die
Konterrevolution vorbereitet.

Teil II – Die Konterrevolution konkret

Protest der Bevölkerung

Und so kam es schließlich
auch. Erinnern wir uns zurück an den 17. Juni 1953. Schon damals
versuchten die Herrschenden der BRD die junge DDR zu liquidieren.
Ausgangspunkt war die, an anderer Stelle beschriebene,
innenpolitische Krise des sozialistischen Staates. Aufkommende
Unzufriedenheit bei der werktätigen Bevölkerung gegenüber der
politischen Führung war in diesem Moment die Schwäche der DDR, die
der deutsche Imperialismus ausnutzen wollte. An diesem Datum hat er
es letztendlich nicht geschafft. Um die bedrohliche Wirkung, die
innenpolitische Beeinflussung bis zum Putschversuch entfalten kann,
wusste man aber nun in der BRD. Nach dem gescheiterten Putschversuch
1953 bekam der BRD-Imperialismus eine zweite Chance. Diesmal waren
die Voraussetzungen zur Annexion der DDR besser – eine gemeinsame
Sicherheitspolitik der sozialistischen Staaten war abgeschafft und in
den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich Problemherde
entwickelt, die nun die DDR entscheidend destabilisierten.

Seit Beginn der 80er Jahre
formierten sich in der DDR unabhängige Friedens- und Umweltgruppen,
meist unter dem Dach der Kirchen, die unter anderem mit
Abrüstungsforderungen (“Schwerter zu Pflugscharen”) in der
Bevölkerung Widerhall finden konnten. Vor allem aber blieben sie
Sammelstellen für eine politische Opposition.

Im Spätsommer 1989
formierten sich in Leipzig die ersten größeren Proteste von
unzufriedenen und oppositionellen DDR-Bürgern – die so genannten
Montagsdemonstrationen. Diese breiteten sich schnell auch in andere
Städte aus. Mit Parolen wie „Wir sind das Volk“ skandierten die
Demonstrierenden ihre Unzufriedenheit mit der SED-Politik.

Die politische Krise und
der Protest der Bevölkerung waren Ausdruck unterschiedlicher
Problemlagen. Die Ausreiseantragssteller bildeten dabei einen
Hauptkern der Proteste. Ihre Unzufriedenheit mit den
Reisebeschränkungen für die BRD und das westliche Ausland verbanden
sich unter anderem mit Protesten gegen eine zu enge Kulturpolitik.
Wahlen, Pressepolitik, Meinungsfreiheit und Repression waren weitere
Themen, die von den Demonstranten aufgenommen wurden. Außerdem
begleitete der Wunsch nach höheren Lebensstandard, der dem Westen
glich, die Proteste. Die offensichtliche und illegale Wahlfälschung
im Frühjahr ’89 von eigentlich ansehnlichen 90 Prozent auf 99
Prozent gab dieser Entwicklung zusätzlich Feuer.

Der Unzufriedenheit lagen
reale Probleme der Ökonomie und der politischen Entwicklung vor
allem der SED zugrunde, auf die vor allem im nächsten Teil
ausführlicher eingegangen werden soll. Die Ökonomie schaffte es
nicht wie erwartet, die BRD zu „überholen ohne einzuholen“, dies
wurde den DDR-Bürgern spätestens mit dem starken Schwinden der
Akkumulationsdynamik in den 80er Jahren bewusst. Eine sich
ausbreitende Lethargie der Partei, gepaart mit einer unzureichenden,
sich stark verschlechternden Kommunikations- und Diskussionskultur
schädigte indes die Vertrauensbasis zwischen der SED und der
Bevölkerung. Im Allgemeinen gehen wir jedoch davon aus, dass die
Probleme entweder grundsätzlich im Sozialismus lösbar gewesen wären
oder eine bessere Vermittlung der Probleme hätte stattfinden können,
um der DDR-Bevölkerung transparent ein differenziertes Bewusstsein
über die Problemlagen zu vermitteln.

Die Proteste und die
ungelösten Probleme in der DDR bildeten schließlich eine Grundlage
für die konterrevolutionäre Entwicklung. Treibende Kräfte der
Konterrevolution waren objektiv die Montagsdemonstrationen – jedoch
muss zu dieser Aussage ergänzt werden, dass die Konterrevolution
nicht die subjektive Intention der meisten Demonstranten war. Diese
gingen keineswegs für das Ende des Sozialismus auf die Straße. Ihre
Forderungen richteten sich nicht gegen das Volkseigentum an
Produktionsmitteln, gegen das verbriefte Recht auf Arbeit, Erholung
und Bildungsgleichheit, gegen die garantierte unentgeltliche
Gesundheitsversorgung und all die anderen Errungenschaften, die sie
durch ihrer Hände Arbeit kollektiv haben verwirklichen können. Der
Ruf der demonstrierenden Massen nach Freiheit war keineswegs ein Ruf
nach der Freiheit des Kapitals, nach Ausverkauf des Volkseigentums
und Deindustrialisierung. Die Unzufriedenheit von Teilen der
DDR-Bevölkerung war zwar real, doch sie richtete sich nicht explizit
gegen den Sozialismus, sondern an seine Weiterentwicklung und Reform.
So lässt sich etwa einige Tage nach der Grenzöffnung in einem
Flugblatt des „Neuen Forums“, das in der DDR-Oppositionsbewegung
den größten Einfluss hatte, lesen: „Lasst Euch nicht von den
Forderungen nach einem politischen Neuaufbau der Gesellschaft
ablenken! Ihr wurdet weder zum Bau der Mauer noch zu ihrer Öffnung
befragt, lasst Euch jetzt kein Sanierungskonzept aufdrängen, das uns
zum Hinterhof und zur Billiglohnquelle des Westens macht! […] Wir
werden für längere Zeit arm bleiben, aber wir wollen keine
Gesellschaft haben, in der Schieber und Ellenbogentypen den Rahm
abschöpfen“ (NZZ 2019). Über alles, was die DDR-Bürger nicht
bereit waren aufzugeben, wird heute geschwiegen.

Während der Großteil der
protestierenden Massen hinters Licht geführt und als Träger der
Konterrevolution instrumentalisiert wurde, wussten jedoch führende
Köpfe der Protestbewegung wie Rainer Eppelmann sehr wohl was sie da
taten – sie schafften es lediglich ihre konterrevolutionären Ziele
geschickt zu verpacken. Auch Gregor Gysi und andere aus der SED
propagierten zwar den „demokratischen Sozialismus“, hatten jedoch
die Abschaffung des Sozialismus als Ziel.

Nichtsdestotrotz sehen wir
es als unsere Aufgabe, den Charakter der Oppositionsbewegungen und
ihrer Forderungen weiter zu untersuchen und zu verstehen.

Letzten Endes muss auch
gesagt sein, dass, während kaum jemand tatsächlich gegen die DDR
oder den Sozialismus auf die Straße ging, insgesamt nur etwa 3-4%
der DDR-Bürger überhaupt protestierten. Die Propaganda-Lüge, dass
sich das Volk gegen den Sozialismus erhoben hätte, ist deshalb mehr
als absurd. Wir gehen also davon aus, dass diese Unzufriedenheit der
Bevölkerung an sich kein ausschlaggebender Grund für die
Konterrevolution war, da sich die Unzufriedenheit nur in seltenen
Fällen gegen den Sozialismus, sondern viel mehr gegen politische
Entscheidungen der SED gerichtet hat. Viel eher war es der Zustand
der SED, in dem sie es nicht geschafft hat, adäquat auf die
Unzufriedenheit einzugehen, und schließlich keine Lösungen mehr
innerhalb des Sozialismus, sondern dessen Abschaffung ermöglicht
hat. Der BRD-Imperialismus hat seine Chance schließlich gewittert
und die DDR annektiert – also die Konterrevolution praktisch
vollzogen.

Für uns ergeben sich
hieraus einige Fragen, die es zu klären gilt. Warum wurden von
unzufriedenen DDR-Bürgern kaum die verfassungsmäßig vorgesehenen
demokratischen Mittel genutzt, um ihren Unmut kundzutun – etwa die
Ablehnung der Einheitsliste? Warum konnten die Unzufriedenen ihre
Vorschläge für eine Reformierung der DDR nicht über die
Massenorganisationen in die Volkskammer einbringen und somit eine
gemeinsame Diskussion über existierende Probleme forcieren – wie
es das demokratische Modell der DDR vorgesehen hätte? Welche Rolle
hat die denunziatorische Berichterstattung aus dem Westen bei
der Mobilisierung von Teilen der Bevölkerung gegen die SED gespielt?
Wie hätte die politische Führung schließlich ’89 mit den
Protesten innerhalb des Sozialismus umgehen können?

Die BRD greift ein und vollzieht die Konterrevolution

Am 3. Oktober 1990 war es
schließlich so weit – die Deutsche Demokratische Republik trat dem
Gebiet der BRD bei. Damit war ihr Ende besiegelt, so weit, so
schlecht. Aber was ist damals eigentlich genau passiert? Wie kam es
dazu, dass die DDR dem Imperialismus der BRD, nachdem sie seinen
Angriffen über 40 Jahre lang trotzte, auf einmal doch unterlag und
nahezu widerstandslos einverleibt werden konnte?

Die Strategie des „Wandels
durch Annäherung“, die subtile Einmischung des Westens in die
wirtschaftlichen und politischen Angelegenheiten war nicht spurlos an
den sozialistischen Ländern vorübergegangen. In der DDR wurden
zunehmend offen revisionistische, den Marxismus-Leninismus über Bord
werfende Positionen offiziell. Auch unter dem Einfluss der Politik
von Gorbatschow in der Sowjetunion war die Führung zunehmend
gelähmt. 

Die innenpolitische Krise
bahnte sich an – außerhalb der SED und der staatlichen Strukturen
der DDR bekamen oppositionelle Kräfte wie Kirchenkreise Oberwasser
und Zulauf. Sie sprachen sich vermehrt offen gegen die SED-Führung
aus und suchten den Kontakt mit Journalisten sowie diplomatischen
Vertretungen aus den westlichen imperialistischen Ländern. 

Solch eine Gelegenheit hat
man sich dort natürlich nicht entgehen lassen: besonders der
US-amerikanische Geheimdienst CIA schaltete sich ein und bot den
Oppositionellen die erhoffte Unterstützung (Vgl. Eichner/Dobbert
1997, 138f). Ab Oktober 1989 wurden die Proteste und objektiv (also
nicht unbedingt der Intention nach) konterrevolutionäre Forderungen
auf den Straßen der DDR lauter. Ob von allen Protestierenden gewollt
oder nicht, sie unterlagen zu diesem Zeitpunkt schon dem massiven
Einfluss des Westens. Schon im Januar 1989 deklarierte Helmut Kohl
auf einem CDU-Kongress: „Wenn wir das 40jährige Bestehen unserer
freiheitlichen Demokratie feiern, dann vergessen wir darüber
niemals, dass die Bundesrepublik nicht unser ganzes Vaterland ist:
Auch die DDR wird in diesem Jahr vierzig Jahre alt. Um so mehr
bekräftigen wir (…) unsere Verbundenheit mit all jenen Deutschen,
denen ein Leben in Freiheit bislang versagt blieb. (…) In dieser
europäischen Perspektive liegt Deutschlands Zukunft – und wenn ich
Deutschland sage, meine ich nicht nur die Bundesrepublik allein“
(helmut-kohl.de 2019).

Erfolgreich erhielt diese
Forderung nicht selten mit nationalistischem Einschlag Einzug in die
Oppositionsbewegung in der DDR: aus der ursprünglichen Parole „Wir
sind das Volk“, die gegenüber der Staatsführung wohl eine
Forderung nach mehr Mitbestimmung und -einbeziehung ausdrückte,
wurde beispielsweise „Wir sind ein Volk“ – ein klares Statement
für den Zusammenschluss mit der BRD, also das Ende der souveränen
Deutschen Demokratischen Republik. Innerhalb der Oppositionsbewegung
gab es jedoch große Uneinigkeit darüber, ob ein Zusammenschluss mit
der BRD das richtige Ziel ist.

Schließlich zeigte diese
Beeinflussung erste Erfolge: am 9. November 1989 kam es zur Öffnung
der Staatsgrenze. Dieser Akt war bereits Ausdruck der politischen
Führungslosigkeit der SED – die Apathie und Orientierungslosigkeit
des ZK der SED wurde offensichtlich. Für den deutschen Imperialismus
war jetzt klar, dass seine Stunde gekommen war: bereits am 28.
November 1989 veröffentlichte Bundeskanzler Helmut Kohl einen
Zehn-Punkte-Plan zur „Wiedervereinigung“ (natürlich in dem
Sinne, dass der Sozialismus in der DDR beendet wird und
Ostdeutschland wieder unter das Diktat des deutschen Imperialismus
fällt) (Vgl. Schumann 2014, 178). 

Im März 1990 standen die
letzten Wahlen zur Volkskammer, dem Parlament der DDR, an. Es waren
die ersten Wahlen nach dem Vorbild des bürgerlichen Parlamentarismus
– die bürgerlichen Medien sprechen noch heute von den „ersten
freien Wahlen in der DDR“. So kam es, dass neben der PDS, in die
sich die SED ein paar Monate vorher umgewandelt hatte, vor allem
Ableger der etablierten bürgerlichen Parteien aus dem Westen
antraten. CDU und SPD, aber auch der CSU-Ableger DSU und der an der
Seite der FDP verortete „Bund freier Demokraten“ standen als
eigenständige Parteien auf dem Wahlzettel. Sie alle wurden im
Wahlkampf massiv von ihrem jeweiligen Pendant aus dem Westen
unterstützt – finanziell, organisatorisch, personell. Besonders
die CDU setzte hier, mit Kohl als Galionsfigur der
„Wiedervereinigung“, ihre riesige Wahlkampfmaschinerie in Gang.

Unter dem Eindruck großer
Versprechungen nach „blühenden Landschaften“, den Konsumgütern
des Westens und nicht zuletzt der D-Mark für Ostdeutschland, bildete
von da an eine Koalition der etablierten bürgerlichen Parteien
beziehungsweise ihrer Ableger die Regierung in der DDR. Diese neue
Staatsspitze arbeitete offen für den Beitritt der DDR zum
Hoheitsgebiet der BRD. Wie schon im Wahlkampf vor allem von der CDU
propagiert, strebte sie die „Wiedervereinigung“ nach Artikel 23
des Grundgesetzes an, obwohl dafür eigentlich das Verfahren aus
Artikel 146 vorgesehen war. Das hätte aber für den deutschen
Imperialismus die möglicherweise unangenehme Folge einer neuen,
gesamtdeutschen Verfassung gehabt. Dies hätte die Gefahr beinhaltet,
dass die BRD Inhalte aus der DDR-Verfassung hätte übernehmen
müssen. Insofern war das Vorgehen nach Artikel 23, der lediglich den
Beitritt zum Geltungsbereich des bestehenden Grundgesetzes vorsah,
das bevorzugte. (Vgl. Schumann 2014, 182ff). 

Mit großen Schritten ging
es für den deutschen Imperialismus weiter: im Juli 1990 wurde auf
dem Gebiet der DDR die D-Mark eingeführt, das Umtauschverhältnis
von 2:1 war ein gezielter Schlag gegen die ostdeutsche Wirtschaft und
die Ersparnisse der Bevölkerung. Ebenfalls im Juli reiste Kohl in
die UdSSR. Ohne dass auch nur ein einziger Vertreter der DDR anwesend
war, handelte er dort Bedingungen für den Beitritt Ostdeutschlands
mit Gorbatschow aus – und dieser ließ die DDR fallen (ebd., 184f).
Die Bedingungen schlugen sich auch im sogenannten
„Zwei-plus-Vier-Vertrag“ nieder, der zwischen der DDR, der BRD
und den vier Alliierten Frankreich, Großbritannien, USA und
Sowjetunion zum kommenden Ende der deutschen Teilung geschlossen
wurde. Sie waren äußerst günstig für den erneut aufstrebenden
deutschen Imperialismus. Um einen offiziellen Friedensvertrag mit den
Alliierten kam er, wie schon die 45 Jahre zuvor, herum. Dies war
zweifellos sein Hauptanliegen, denn ein Friedensvertrag hätte die
Anerkennung der Nachkriegsordnung bedeutet, sprich die Anerkennung
der nach dem Krieg entstandenen Grenzen (insbesondere der
Oder-Neiße-Grenze zu Polen), die Anerkennung des „Verlustes“ der
Ostgebiete und vielleicht sogar mögliche Reparationszahlungen. Doch
nichts dergleichen hat sich im Vertrag niedergeschlagen, im Gegenteil
hat er eine Verzichtserklärung der Alliierten auf ihre bisherigen
Sonderrecht bezüglich Deutschland dargestellt (ebd., 179). Ein
durchaus erfolgreicher Vertragsschluss also, für den deutschen
Imperialismus jedenfalls.

Am 23. August 1990 stimmte
die neue Volkskammer für den Beitritt der DDR zum Gebiet der BRD –
am 3. Oktober des selben Jahres war es schließlich so weit. Die
Deutsche Demokratische Republik war damit Geschichte.

Was die Konterrevolution den Menschen gebracht hat

Im Rückblick müssen wir
feststellen, dass die zweite Strategie des deutschen Imperialismus,
der „Wandel durch Annäherung“, letztendlich die für die DDR
tödliche war. Die ökonomische Schwächung des sozialistischen
Lagers, die Nachfrage nach hochentwickelten Konsumgütern aus dem
Westen, die Verteuerung des Öls und anderes mehr, aber auch die
abnehmende Erkennung vom Gefahrenpotential des Imperialismus für die
DDR (im Sinne der Neuauslegung der Theorie der friedlichen
Koexistenz) ermöglichten es dieser Strategie zu greifen und ihre
Wirkung zu entfalten. Mit einer politisch klaren und offensiv
klassenkämpferischen DDR und einem starken, prinzipienfesten
sozialistischen Lager insgesamt, wäre die Strategie womöglich nicht
erfolgreich gewesen. Am 3. Oktober 1990 war das Ende ihrer Existenz
besiegelt. Der Moment, den die deutsche Bourgeoisie über 40 Jahre
lang ungeduldig herbeigesehnt hatte, trat nun ein. Das Gebiet der DDR
wurde einverleibt, dem BRD-Imperialismus wirtschaftlich und politisch
angegliedert. Das hatte natürlich Folgen:

Einerseits traf es
Ostdeutschland selbst. Der Ausverkauf der DDR und mit ihr ein
sozialer Kahlschlag der seinesgleichen sucht – die „Treuhand“ –
war die unmittelbare Folge der „Wende“. Die Anstalt zur
treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums, so der offizielle
Name, wurde am 01.03.1990 durch einen Ministerratsbeschluss
gegründet. Die im November 1989 letzte nach DDR-Recht von der
Volkskammer gewählte Regierung um Hans Modrow erhoffte sich eine
längere Übergangsphase von etwa 10 Jahren bzw. eine relative
Selbständigkeit des Wirtschaftsraumes der DDR trotz der politischen
Niederlage. Diese Illusion fußte nicht gerade auf einer
realistischen Analyse der Klasseninteressen der BRD und wurde
spätestens am 18.05.1990 mit dem sogenannten Einigungsvertrag ad
absurdum geführt, in dem die DDR auch juristisch der BRD einverleibt
wurde.

Die Treuhand wurde dem
Bundesfinanzministerium (und nicht etwa dem Wirtschaftsministerium)
als Anstalt öffentlichen Rechts unterstellt. In deren Führungsspitze
und Verwaltungsrat saßen nun BRD-Monopolisten wie Detlev Karsten
Rohwedder (Hoesch), Jens Odenwald (Tschibo, Kaufhof), Manfred
Lennings (Krupp), Hans-Olaf Henkel (BDI, IBM, Bayer, Daimler etc.)
sowie allerlei CDU- und FDP-Politiker (vgl. deutsche-einheit-1990.de
o.D.). Der ursprüngliche, nach außen vorgegebene Plan, das
öffentliche Eigentum der 8.500 volkseigenen Betriebe und 465
volkseigenen Güter zu wahren, wurde damit ins Gegenteil verkehrt.
Bis Ende 1994 wurden die in 12.500 Häppchen aufgeteilten Betriebe
veräußert, 90 % davon in den ersten 19 Monaten. Mehr als die Hälfte
davon wurden dabei direkt privatisiert und fanden den überwiegenden
Teil ihrer Käufer in Westdeutschland; 30 % wurden abgewickelt und
zerschlagen; 13 % ihren vormaligen Eigentümern im Deutschen Reich
übergeben und 2,5 % unter kommunale Verwaltung gestellt (Katapult
2019).

In einem einzigen Jahr wurden von den verwalteten 4,1 Millionen Arbeitsplätzen 70 % „abgebaut“ – das macht 2,86 Mio. vernichtete Berufsexistenzen (Kühl 1992). Arbeitslosigkeit, die vorher in der DDR gar nicht existent war, wurde nun zum Massenphänomen. Dabei handelte es sich um die größte Zerstörung von Produktionskapazitäten außerhalb von Kriegszeiten.

Quelle: Brenke (2009)

Für diesen beispiellosen Ausverkauf musste aus marktwirtschaftlicher Sicht der Tauschwert des Volkseigentums geschätzt werden, was der planwirtschaftlichen Konzeption der Betriebe und Güter zuwider lief, da größere Kombinate als Träger von Kultur- und Sportstätten, Kindergrippen- und -gärten eng mit der öffentlichen Daseinsvorsorge verknüpft waren. Wurde der Marktwert unter Modrow 1990 auf 950 Mrd. DM und unter Rohwedder 1991 noch auf 600 Mrd. DM geschätzt, schloss dessen Nachfolgerin, die vormalige niedersächsische Finanzministerin Birgit Breuel, Ende 1994 mit einem Defizit von 270 Mrd. DM ab. Anschließend wurde die Treuhandanstalt in Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) umbenannt, wobei ein Großteil ihres Portfolios unter diverse AGs, GmbHs und andere Nachfolgegesellschaften aufgeteilt wurde (Bundesfinanzministerium o.D.). Was die wirtschaftliche Bilanz angeht, wurde also binnen weniger Jahre ein sozialistisches, planwirtschaftlich funktionierendes Land, welches 1988 auf der Welt den 15. Platz und im gesamteuropäischen Vergleich (je nach Rechnungsweise) den 8. oder 9. Platz in Sachen Industrieproduktion einnahm, vom deutschen Kapital beinahe völlig deindustrialisiert (vgl. Blätter für deutsche und internationale Politik, 360). Die ostdeutsche Bevölkerung wurde in dieser Zeit mit Statistiken und Meldungen über angebliche Überbeschäftigung und marode Betriebe derart überhäuft, dass sie die scheinbare Alternativlosigkeit des Geschehens weitestgehend passiv ertrug. Welchen kulturellen Verfall das Schließen von Kindertagesstätten, Klubhäusern, Bibliotheken, der Abriss des öffentlichen Personennahverkehrs und des Bahnnetzes auf dem Land, ein klassenselektives Schmalspur-Bildungssystem sowie Arbeitslosigkeit in Generationen nach sich zog, sehen wir heute.

Der in der DDR
verfassungsmäßig verankerte Rechtsanspruch auf Arbeit wich dem
Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt. Die Ostlöhne liegen nach 30
Jahren im Kapitalismus 18 % unter dem Westdurchschnitt, Frauen
verdienen weniger als Männer in den gleichen Berufen – knapp 78 %
des Gehaltes der männlichen Kollegen – und eine Berufstätigkeit
der Frauen mit Vollzeitstelle ist nicht mehr die Regel, sobald Kinder
oder ältere pflegebedürftige Angehörige ins Spiel kommen. Durch
die Zerschlagung der Großindustrie besteht eine geringere Bezahlung
nach Flächentarifen. In einer regelrechten Landflucht ist die
Bevölkerungszahl in Ostdeutschland seitdem um 15 % gesunken, der
Umzug vom Land in die Städte hält an, eine flächendeckende und
erst recht kostenlose medizinische Versorgung ist nicht mehr
gewährleistet, die Kriminalitätsrate hat sich durchschnittlich
verzehnfacht (und damit Westniveau erreicht) – und das alles ohne
Bürgerkrieg (Blessing/ Kuhn 2014; Wenzel 2007; Buchholz 2008). Viele
Städte Ostdeutschlands verloren sogar mehr als ein Drittel ihrer
Einwohner und fielen zum Teil auf den Stand von vor 200 Jahren
zurück.

Diese massive Zerstörung
hat viele Menschen in Verzweiflung und Not gestürzt. Sie hatten ihre
Gesellschaft, für die sie viel geleistet haben und in der sie
mitbestimmten konnten, verloren und eine neue aufgezwungen bekommen,
in der sie gedemütigt, degradiert und entmündigt wurden.

Doch welche treibende
Kraft steht hinter dieser Misere? Die herrschende Klasse der BRD
konnte durch die politisch mit allen Mitteln forcierte Annexion der
DDR ihre ab Mitte der 80er drohende Rezession bis 2008 verschleppen,
produktive Konkurrenz zerschlagen, lukrative Wirtschaftsbereiche
einverleiben und sich einen neuen Absatzmark erschließen. Die
Konterrevolution musste letztlich zur Verwüstung führen, weil das
Kapital mit den ganzen Produktionskapazitäten und Arbeitskräften
aufgrund der Überproduktion in der BRD nichts anfangen konnte. Sie
waren also aus Sicht des Kapitals überflüssig und nicht profitabel
auszubeuten. Der Zugriff auf ein Millionenheer an hervorragend
ausgebildeten Arbeitskräften im Osten, welcher dem Kapital für die
40 Jahre der Existenz der DDR versagt blieb, wurde schließlich als
Hebel gegen die Arbeiterklasse der BRD eingesetzt und letztlich mit
der Agenda 2010 zementiert. Die „Wende“ – ein erfolgreiches
Werkzeug des Klassenkampfs von oben.

Das Gebiet der ehemaligen
DDR wurde zur Goldgrube für die Kapitalisten. Für die ostdeutsche
Arbeiterklasse wurde es zur perspektivlosen Einöde, die es in vielen
Teilen bis heute geblieben ist. 

Das alles ist kein Zufall:
es ist die Konsequenz, mit der der deutsche Imperialismus sein Ziel
umsetzte, die DDR ohne Gnade auszurotten. Das verlorene Territorium
musste zurückerobert werden, das heißt, der BRD-Staat musste seine
Macht durchsetzen, ohne Kompromisse zu schließen und alle Überreste
der DDR – ob politisch, ökonomisch, militärisch, juristisch,
ideologisch, … – auszuradieren. Für die ostdeutschen Arbeiter
bedeutete dies (neben dem Verlust ihrer ökonomischen und sozialen
Errungenschaften) Unterordnung, Demütigung, Anerkennung der neuen
(alten) Herren und sonst bitteschön die Klappe halten!

Zum Zweiten traf es die
gesamte deutsche Arbeiterklasse. Weiter oben haben wir schon
erläutert, wie die DDR als „dritter Verhandlungspartner“
zeitlebens Druck auf den westdeutschen Staat ausübte, sodass er
gewisse Sozialstandards über die 40 Jahre hinweg garantieren musste.
Dieser Druck war nun entwichen. Es gab kein sozialistisches
Deutschland mehr, das den Werktätigen beweisen konnte, was in ihrem
Interesse alles möglich war. Und so konnte der deutsche
Imperialismus seine Angriffe auf ihre Arbeits- und Lebensbedingungen
(von Neuem) beginnen. Oben wurden diese Angriffe schon angerissen:
Hartz-IV-Schikane für die Arbeitslosen, Niedriglöhne und Minijobs
für die Arbeitenden, Armutsrente für die Alten und Selektion nach
Herkunft für die Jugend. 

Zum Dritten traf es Europa
und die Welt – es wird sie weiter treffen. Territorial,
wirtschaftlich und politisch ging der deutsche Imperialismus gestärkt
aus der Einverleibung der DDR hervor. Noch dazu konnte er sein
Großmachtstreben ohne Fesseln – jetzt, wo das größte Hindernis,
der sozialistische Staat auf deutschem Boden beseitigt war – erneut
auf die Tagesordnung setzen. Einer der fundamental unterscheidbaren
Züge der DDR war ihr Internationalismus. Ihre Armee war eine Armee
des Friedens, sie zog nie in einen Angriffskrieg, sie unterstützte
Befreiungsbewegungen, sie strebte nach der Solidarität der Völker,
anstatt nach Bomben und Tod. In der DDR waren Solidarität und
Frieden – auch im internationalen Maßstab – nicht nur leere
Worte, sondern gelebte Praxis. Das Ende der DDR lag noch keine neun
Jahre zurück, als das erste Mal nach 1945 wieder deutsches Militär
in einen Kriegseinsatz geschickt wurde – mit der perfiden
Propagandalüge, ein zweites Auschwitz zu verhindern, die vom grünen
Kriegsminister Fischer verbreitet wurde. Der völkerrechtswidrige
Angriff auf Jugoslawien, der die Region schwächen und so den Zugriff
des deutschen Kapitals auf die Region erleichtern sollte, war ein
Startschuss. Seitdem werden deutsche Soldaten wieder weltweit
eingesetzt, die militärische Sicherung deutsch-imperialistischer
Interessen und Einflüsse ist wieder möglich. Sie wird es mittels
Aufrüstung und ideologischer Mobilmachung zunehmend sein. Die EU und
NATO-Osterweiterung wurde indes nun auch möglich und knüpfte an die
Strategie des deutschen Imperialismus seit der Gründung der
Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl an. Sie fand einen
weiteren Höhepunkt in der Destabilisierung und politischen
Intervention in der Ukraine 2014 mit Unterstützung faschistischer
Kräfte.

Teil III – Beginn einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der DDR

Skizze
einiger Ursachen der Konterrevolution

Die Kommunisten müssen
der bürgerlichen Geschichtsschreibung wieder etwas entgegensetzen
können. Gerade weil die DDR die größte Errungenschaft der
deutschen Arbeiterbewegung ist, muss es gelingen, an den
Errungenschaften des Sozialismus anzuknüpfen und eine fundierte
Klärung der Probleme zu erreichen – die Ursachen ihrer Niederlage
zu erforschen und zu erkennen. Es ist unsere Niederlage und die
Arbeiterklasse in Deutschland muss die Gründe dafür kennen, um die
richtigen Lehren für ihren Kampf zu ziehen. 

Bisher gibt es in der
kommunistischen Bewegung, wie auch in der kommunistischen
Organisation selbst, noch keine vollständige Analyse der Entwicklung
und Niederlage der DDR, die unseren Ansprüchen genügen würde.
Einige Arbeiten der Zeitschrift „offen-siv“ und der KPD, die am
intensivsten und am weitgehendsten dazu geforscht haben, stellen für
uns jedoch bereits eine wichtige Orientierung dar, weshalb wir auch
weiter mit ihnen gemeinsam an einer Klärung arbeiten wollen.
Beispielhaft seien hier die Sammelbände „Niederlagenanalyse“ und
„Unter Feuer. Die Konterrevolution in der DDR“ genannt.

Wenn wir nun auch noch
keine vollständige Analyse der Ursachen der Konterrevolution bieten
können, wollen wir trotzdem bereits einige Problemstränge
skizzieren, die unserer bisherigen Auffassung nach zu den Ursachen
der Konterrevolution gehören. In welchem Verhältnis diese
Problemstränge zueinander stehen, können wir noch nicht
abschließend beantworten. In der kommunistischen Bewegung befinden
sich zuweilen auch sehr unterschiedliche Einschätzungen zu dieser
Frage. Manche meinen, es sei vorrangig ein „Demokratiedefizit”
gewesen, andere meinen zuallererst die Ökonomie als Kern der
Konterrevolution zu erkennen. Entscheidend ist es unserer Ansicht
nach vorerst, die verschiedenen problematischen Entwicklungen, sowohl
innerhalb der SED, den politischen Beziehungen zum
Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW), der Ökonomie der DDR
etc. im Zusammenhang zu sehen. So haben wir auch in unseren
Programmatischen Thesen festgehalten, dass z. B. die Entwicklung
revisionistischer Auffassungen in einem Zusammenhang mit anderen
Faktoren verstanden werden muss:

„Die kommunistischen Parteien verteidigten den Sozialismus nicht mehr, sondern schufen die Voraussetzungen seiner Zerstörung. Als Materialisten gehen wir jedoch davon aus, dass falsche Bewusstseinsinhalte nicht „von selbst“ entstehen, sondern materielle Ursachen haben.“

Programmatische Thesen der KO

Im Kern handelte es sich
bei der Konterrevolution in der DDR um eine politische Krise, die
hervorgerufen wurde durch ökonomische Fehlentwicklungen, falsche
politische Entscheidungen, einem Aufweichen marxistischer
Weltanschauung in vielen Bereichen der gesellschaftlichen Organe und
vor allem auch der SED selbst, die schließlich vom BRD-Imperialismus
zur Zerschlagung des Sozialismus genutzt wurde. Auf den folgenden
Seiten werden nun also einige Faktoren dargestellt, die die
politische Krise hervorgerufen haben.

Kontext der internationalen kommunistischen Bewegung

Um die Entwicklung und den
Sieg der Konterrevolution in der DDR verstehen zu können, müssen
auch die internationalen Entwicklungen und insbesondere die
Entwicklungen im sozialistischen Lager, also dem Warschauer Vertrag
und dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe berücksichtigt
werden. 

Auf dem XX. Parteitag der
KPdSU 1956 wurde unter der Führung Nikita Chruschtschows eine neue
strategische Orientierung beschlossen, wonach ein „freundschaftliches
Verhältnis“ zu den USA angestrebt wurde und man sich in die
inneren Angelegenheiten der kapitalistischen Länder nicht einmischen
wolle (Khrushchov 1956). Die marxistische Analyse, wonach der
Imperialismus unvermeidlich zum Krieg führe, wurde implizit für
überholt erklärt, da nun aufgrund der Existenz der Sowjetunion und
starker Friedenskräfte die Situation eine andere sei. Schließlich
wurde auch die Möglichkeit eines friedlichen und parlamentarischen
Übergangs zum Sozialismus formuliert. Diese Positionen stellten eine
Wende der Parteilinie hin zum rechten Opportunismus dar. In den
meisten kommunistischen Parteien wurde diese Wendung mitvollzogen und
dementsprechend auch oft die Parteiführung ausgetauscht. In der DDR
war dies zunächst nicht der Fall – Walter Ulbricht blieb bis 1971
an der Spitze der SED. Der XX. Parteitag spielte eine
entscheidende und negative Rolle. Aber er reicht längst nicht als
alleinige Erklärung für die Konterrevolution. Weder hat mit ihm der
Sozialismus in der Sowjetunion und der DDR aufgehört zu existieren,
noch hat sich damit in den kommunistischen Parteien der Revisionismus
vollständig durchgesetzt.

Der XX. Parteitag der
KPdSU leitete auch auf ökonomischem Gebiet eine Wende ein. In der
Sowjetunion wurden zuerst nur beschränkte Wirtschaftsreformen, dann
1965 die umfassendere „Kossygin-Reform“ beschlossen. Bei der
Reform von 1965 wurden die Ideen des sowjetischen Ökonomen Jewsej
Liberman umgesetzt: Danach bekamen die Betriebe wesentlich weniger
Planziele verbindlich vorgeschrieben. Die Betriebe mussten ihre
Planung nun darauf orientieren, einen betrieblichen Gewinn zu
erzielen und die Finanzmittel für Investitionen selbst zu
erwirtschaften (vgl. Spanidis 2018). Neben den Reformen des
Planungssystems wurden auch die Prioritäten der Planung verändert,
sodass nun die Produktion von Produktionsmitteln zur Beschleunigung
der wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr den Vorrang gegenüber
der Produktion von Konsumtionsmitteln hatte.

Diese Reformen verblieben
zwar im Rahmen der Planwirtschaft und wurden zudem nur unvollständig
umgesetzt und teilweise auch wieder rückgängig gemacht. Sie
schwächten trotzdem den sozialistischen Charakter der
Produktionsverhältnisse, trugen zu einer Verringerung des
Wirtschaftswachstums ab Mitte der 1970er Jahre bei und verschafften
längerfristig den Kräften Aufwind, die den Sozialismus als solchen
beseitigen wollten. Auch in den anderen sozialistischen Ländern
wurden entsprechende Reformen zur Stärkung von Marktmechanismen
durchgesetzt, wobei z. B. Ungarn besonders weit dabei ging, die
zentrale Planwirtschaft aufzuweichen. In den Jahren 1982/83 bestand
in der Sowjetunion unter Andropow die Möglichkeit eines
Kurswechsels. Andropow hat an vielen Stellen den Revisionismus in der
KPdSU, besonders in der Ökonomie, richtig erkannt und erarbeitete
Konzepte zur erneuten Vertiefung der sozialistischen Verhältnisse
(Keeran/ Kenny 2015, 58ff). Nach etwa einem Jahr starb Andropow
jedoch krankheitsbedingt – seine Reformvorhaben wurden nach seinem
Tod nicht weiter umgesetzt. Nachdem in der Sowjetunion 1985 Michail
Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurde, wurde die
Planwirtschaft innerhalb weniger Jahre zerstört und aufgelöst.
Wesentliche Schritte waren dabei die Aufhebung der staatlich
festgelegten Preise sowie die Legalisierung der Lohnarbeit und
privater Unternehmen. 

Auf internationaler Ebene
wirkten sich die Beschlüsse des XX. Parteitag insofern aus, dass die
Orientierung auf die sozialistische Revolution und die Errichtung der
Diktatur des Proletariats für vermeidbar gehalten wurde. Die
Frontstellung des Sozialismus gegen den Imperialismus wurde damit auf
ideologischer Ebene relativiert.

Auf ökonomischer Ebene
wurde das Ziel der Eigenständigkeit niedriger priorisiert und eine
Reihe sozialistischer Länder begab sich in die Abhängigkeit von
Krediten und Warenimporten aus dem kapitalistischen „Westen“.
Zunächst führte all das aber noch nicht dazu, dass die Grundsätze
des proletarischen Internationalismus aufgegeben worden wären: Die
Sowjetunion und anderen Länder des Warschauer
Verteidigungsbündnisses agierten weiterhin als Stütze
kommunistischer und antiimperialistischer Befreiungsbewegungen und
Regierungen auf der ganzen Welt.

Solange sie sozialistisch blieben, bildeten sie auch ein Gegengewicht gegen den Imperialismus und die Reaktion. Auch das änderte sich dann jedoch mit der Machtübernahme der offenen Konterrevolution ab Mitte der 1980er. War zuvor die sogenannte „Breschnew-Doktrin“ handlungsleitend gewesen, wurden schließlich die gemeinsamen Sicherheitsabkommen über Bord geworfen. Die „Breschnew-Doktrin“ besagte richtigerweise, dass die Eigenständigkeit der einzelnen sozialistischen Länder nicht in dem Sinne missbraucht werden dürfe, dass es der Konterrevolution gestattet wäre, in einem Land den Sozialismus zu zerschlagen und dieses Land gegen die Interessen der sozialistischen Staatengemeinschaft zu kehren. Mit Berufung auf dieses Prinzip war 1968 noch durch eine militärische Intervention der Warschauer Vertrags-Staaten in der Tschechoslowakei ein Sieg der dortigen konterrevolutionären Kräfte abgewendet worden (siehe unseren Hintergrund dazu). Gorbatschow machte nun deutlich, dass nach der neuen Linie der sowjetischen Außenpolitik jede kommunistische Partei für ihre eigene Politik zuständig sei und gegebenenfalls die Konsequenzen auch alleine zu tragen habe.

Die Solidarität,
gegenseitige Garantie und Unterstützung der sozialistischen Staaten
wurden damit aufgekündigt. Nachdem schon in den vorherigen
Jahrzehnten einzelne Länder wie Albanien, Jugoslawien, die
Volksrepublik China und in manchen Fragen auch Rumänien die
gemeinsame Front der sozialistischen Staaten verlassen hatten,
zerfiel das sozialistische Lager nun mit rasanter Geschwindigkeit.
Kurz darauf, nachdem die konterrevolutionären Kräfte dem
Sozialismus in der Sowjetunion den Todesstoß versetzt hatten,
zerbrach auch sie in ihre Teilrepubliken. 

Wirtschaftliche Probleme

Der Kontext der
internationalen kommunistischen Bewegung hatte natürlich seine
Auswirkungen auf die DDR. Vor allem auf ökonomischem Gebiet lassen
sich starke Parallelen zu der Entwicklung in der UdSSR und anderen
RGW-Ländern erkennen. Sowohl in der DDR, als auch in der UdSSR
verliefen die Entwicklungen dabei keineswegs gradlinig oder gar
synchron, im Trend der Jahrzehnte betrachtet wird jedoch eine
grundsätzlich einheitliche Entwicklungsrichtung sichtbar. Inwiefern
diese Ausdruck des sowjetischen Einflusses auf die DDR ist, muss an
anderer Stelle genauer untersucht werden.

In der ökonomischen
Entwicklung der DDR lassen sich einige Ursachen für die
Konterrevolution erkennen. Innerhalb der kommunistischen Bewegung
herrscht jedoch keine Klarheit darüber, in welchem Verhältnis die
ökonomischen Probleme tatsächlich zur Konterrevolution stehen.
Während z. B. einige die Hauptursache der Konterrevolution in der
Ökonomie sehen, meinen andere, die Konterrevolution resultiere
vorrangig aus einem „Demokratiedefizit”, ökonomische Probleme
hätten den Prozess nur befeuert.

Ebenfalls herrscht
Unklarheit darüber, welche ökonomischen Entscheidungen
problematisch und welche zielführend waren. Wie in anderen Bereichen
dieses Hintergrundartikels können wir noch keine umfassende und
abschließende Analyse der ökonomischen Entwicklung der DDR
nachzeichnen und treffsicher politisch bewerten. Hierfür ist der
Klärungsprozess, in dem wir bereits konkret zur ökonomischen
Entwicklung der DDR und UdSSR forschen, eine notwendige
Voraussetzung. Nichtsdestotrotz wollen wir an dieser Stelle einige
Entwicklungen beleuchten, die wir momentan als problematisch
einschätzen und weiterführend analysieren wollen.

Während die DDR noch bis
in die 70er Jahre einen beeindruckenden wirtschaftlichen Aufbau
vollzogen hatte, in vielen wirtschaftlichen Bereichen international
Stand halten konnte und in einigen Bereichen sogar Vorreiter war,
begann in den folgenden Jahren ein wirtschaftlicher Abschwung. Ab
Mitte der 70er Jahre machten sich ökonomische Fehlentscheidungen
langsam bemerkbar und das Wachstum der DDR-Ökonomie ging Stück für
Stück zurück. Die Produkte der DDR konnten sich immer weniger auf
dem internationalen kapitalistischen Weltmarkt behaupten, die DDR
verschuldete sich im Westen, hatte Liquiditätskrisen zu erleiden. 

Wenn auch die
Wachstumsraten des BIP durchschnittlich höher waren als in der BRD
(Heske 2009, S. 52), schaffte die DDR es nicht, den Konsumstandard
der BRD zu erreichen. Das Ziel, die BRD zu “Überholen ohne
Einzuholen“, war für die meisten DDR-Bürger nicht mehr greifbar.
Je Einwohner lag das BIP der DDR 1989 um 44 Prozent unter dem
der BRD. Um den Rückstand aus den Jahren 1949/50 auszugleichen (z.
B. durch die einseitig geleisteten Reparationszahlungen der DDR auf
der einen Seite und den Marshallplan für die BRD auf der anderen),
hätte die DDR je Erwerbstätigem im Schnitt jährlich um 6,2 Prozent
wachsen müssen, statt um real 3,9 Prozent. (ebd., S. 70).

Was waren also die
Problemkomplexe die den wirtschaftlichen Abschwung der DDR und die
Unterminierung des Sozialismus beförderten?

…Marktelemente und Wertgesetz

In unseren
Programmatischen Thesen haben wir Folgendes zur Frage von Wertgesetz
und Markt festgehalten:

„Theorien, die von einer dauerhaft bleibenden Wirkung des Wertgesetzes im Sozialismus oder der sozialistischen Warenproduktion ausgehen, haben sich als falsch und schädlich erwiesen. Wo die Praxis in den sozialistischen Ländern sich nach solchen Vorstellungen richtete, untergrub sie den Sozialismus“

Und:

„Maßgebliche Ursache der Konterrevolution war die Verbreitung und schließlich Vorherrschaft revisionistischer Auffassungen und „marktsozialistischer“ Tendenzen“

Beide: Programmatische Thesen der KO

Und wie hat es sich nun
mit dem Wert in der DDR verhalten? Mit dem Neuen Ökonomischen System
der Planung und Leitung (NÖSPL) ab 1963 und später dem Ökonomischen
System des Sozialismus (ÖSS) ab 1967 wurden Marktelemente in der DDR
zunehmend etabliert. Die politische Führung erhoffte sich damit vor
allem die materielle Interessiertheit und damit die Produktivität
der Betriebe zu steigern. Bestandteile dieser Reformen waren die
Stärkung der Rentabilität und Unabhängigkeit/Eigenständigkeit
„individueller“ Betriebe, die Stärkung des Gewinns als
Produktionsregulator, Preisreformen, nach denen die Preise in
erhöhtem Maße die Werte (Produktionspreise) widerspiegeln sollten,
und die verstärkte Betonung materieller Anreize. Ab 1971 wurden
die Reformen unter Honnecker wieder weitestgehend zurück genommen.

Hierzu sind zahlreiche
Debatten entstanden, die bis heute noch intensiv geführt werden. Auf
der einen Seite sehen Theoretiker wie Jörg Rösler und Ekkehard
Lieberam in dem NÖSPL einen wichtigen Schritt zur
Produktivitätssteigerung in der DDR. Auf der anderen Seite betonen
Theoretiker wie Gerfried Tschinkel, Hermann Jacobs oder die KKE, dass
Marktelemente und Wert im Sozialismus unbedingt zurückgedrängt
anstatt gefördert werden müssen, da sie in Widerspruch zur
sozialistischen Ökonomie stünden und diese zersetzen würden.

Grundsätzlich halten auch
wir die Wirkung des Wertgesetzes im Sozialismus für ein Problem.

Markt und Plan stehen
schließlich in einem prinzipiellen Widerspruch zueinander. So weit
dem Markt Freiheit zur Entfaltung gegeben wird, so weit wird der Plan
als Grundlage der sozialistischen Gesellschaft außer Kraft gesetzt.
So weit dem Plan Platz gegeben wird für eine allseitige
Koordinierung der Ökonomie, so wenig kann sich der Markt überhaupt
mit seiner Funktionsweise herausbilden. Entsprechende Marktreformen
hemmen also die Planungsfähigkeit in der Ökonomie, die eine
entscheidende Grundlage der sozialistischen Gesellschaftsordnung ist.
Gleichzeitig läuft eine zunehmende Einführung von Marktelementen
der Entwicklung des Sozialismus hin zum Kommunismus zuwider. In
unseren Programmatischen Thesen haben wir deshalb geschrieben, dass
„die Planwirtschaft in ihrer Entwicklung den sozialistischen
Charakter der Produktion vertiefen“ muss.

Doch es ist nicht
hinreichend nur theoretisch zu sagen, dass wir die Wirkung des
Wertgesetzes im Sozialismus für falsch halten. Das Verhältnis von
Plan und Wertgesetz, wie es unter den Bedingungen des NÖSPL
entstand, muss noch genauer durchdrungen werden. Um uns diesem
Fragenkomplex zu nähern, müssen wir die Ökonomie der DDR und die
sie umgebenden Umstände konkret und allseitig in ihrer Entwicklung
untersuchen.

Hier stellen sich für uns
einige Fragen: Waren die zunehmenden ökonomischen
Disproportionalitäten, der Geldmengenüberhang, der Mangel an Gütern
bei gleichzeitiger Vergeudung von Produktivkräften und schließlich
das Nachlassen der Akkumulationsdynamik in der DDR Folgen der NÖSPL
(wie es z.B. Tschinkel behauptet)? Wieso wurde die Zentralplanung
nicht ausgeweitet? Worin bestanden die Schwierigkeiten einer
vertieften Zentralisierung? Welche Mechanismen hätte es gebraucht,
um sowohl eine Zentralplanung als auch flexible wirtschaftliche
Mechanismen zusammenzubringen? Im Klärungsprozess wollen wir uns
weitergehend damit befassen, was genau die ökonomischen und
politischen Bedingungen waren, unter denen sich die SED für das
NÖSPL und ÖSS entschieden hat, welche Diskussionen dazu in der SED
stattgefunden haben und welchen Einfluss die Sowjetunion bei diesen
Entscheidungen gespielt hat, inwieweit sich die Rolle des
Wertgesetzes ab der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“
ab ’71 wieder veränderte und anderes mehr.

…„Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“

Ein zweiter Problemkomplex
leitet sich aus der ökonomischen Leitlinie ab 1971 ab, der so
genannten „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Diese
stellte insofern eine Zäsur in der ökonomischen Entwicklung der DDR
dar, als dass ab diesem Zeitpunkt die Konsumtionsmittelproduktion
(sog. „Abteilung II“) vor die Produktionsmittelproduktion (sog.
„Abteilung I“) gestellt wurde. Der Grund hierfür war vor allem
der politische Druck zur besseren Versorgung der Bevölkerung mit
Konsumgütern. Teile der politischen Führung hatten sich erhofft,
dass der schneller anwachsende Lebensstandard der Menschen dazu
führen würde, dass diese auch effektiver arbeiten würden, und sich
somit die Sozialinvestitionen ausgleichen ließen.

Hieraus resultieren für
uns erneut Fragen: Ist diese Entwicklung auch Ausdruck einer
mangelnden Verbindung der SED mit den Werktätigen der DDR? Hätte es
nicht einer politischen Arbeit für die zwar entbehrungsreichere,
aber dafür solidere Orientierung des Wirtschaftsaufbaus bedurft? Mit
überproportionalen Ausgaben für Sozialprogramme, allen voran dem
Wohnungsbauprogramm, fehlte schnell das notwendige
Investitionsvolumen, um mit der Entwicklung internationaler Standards
in der Produktion mithalten zu können. Die Hoffnung, durch höhere
Konsumausgaben die Arbeitseffektivität zu steigern, erfüllte sich
nicht. Dies verschlechterte die Akkumulationsdynamik der DDR
allgemein und damit die Stellung der DDR in der Weltwirtschaft: „Der
Anteil der Nettoinvestitionen in diesem Bereich [produzierender
Bereich, Anm. KO] am im Inland verwendeten Nationaleinkommen war in
den 70er Jahren und in der ersten Hälfte der 80er Jahre erheblich
reduziert worden. Dieser Anteil sank von 16,1 Prozent im Jahre 1970
auf 8,1 Prozent im Jahre 1985“ (ND 1990).

Während die DDR in den
60ern und frühen 70er Jahren z. B. noch ausgezeichnete
Maschinenbauerzeugnisse herstellte und gegen Devisen in den Westen
verkaufte, kam es ab Mitte der 70er zu einem starken Einbruch in
diesem – für den DDR-Export sehr wichtigen Zweig. Der Grund dafür
war unter anderem, dass sie die Mikroelektronisierung und damit die
Einführung der CNC-Steuerung verpassten, da dies einer der Zweige
war, der unter der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“
von Honecker zu leiden hatte. Die hohen Ausgaben für den
Konsumtionsbereich verunmöglichten schließlich die notwendigen
Investitionen in Bereiche wie die Mikroelektronisierung, die Ulbricht
noch forciert hatte. Da die DDR die CNC-Steuerungen zu Beginn noch
nicht selbst produzieren konnte und auch später viele Jahre
Rückstand hatte, war sie i. d. R. darauf angewiesen, diese aus dem
Ausland zu kaufen und in die eigenen Produkte einzubauen. Dies führte
dazu, dass der Netto-Devisenerlös aus den Maschinenbauerzeugnissen
30-40 Prozent unter den erzielten Gewinnen vom Anfang der 70er Jahre
lag (Roesler, 2003, 30f). Die Auswirkungen des neuen ökonomischen
Paradigmas unter Honecker erstreckten sich natürlich auf mehr
Bereiche als nur auf den der Maschinenbauerzeugnisse. Aus
Platzgründen soll die beispielhafte Darstellung dieses Bereiches
jedoch genügen.

Durch die nachlassende
Wettbewerbsfähigkeit der DDR in der internationalen Wirtschaft
entwickelten sich Probleme dabei, Güter im Nichtsozialistischen
Wirtschaftsgebiet (NSW) gegen Devisen abzusetzen. Auf der anderen
Seite erodierte der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW),
also das sozialistische Wirtschaftsbündnis. Die DDR konnte auf den
Handel mit dem NSW nicht verzichten, sondern intensivierte ihn sogar
über die letzten Jahrzehnte. Da sich die Deviseneinnahmen durch den
Export infolge des zunehmenden Investitionsrückstandes systematisch
reduzierten, gleichzeitig jedoch Importe aus dem NSW zum
Aufrechterhalten der eigenen Export-Wirtschaft an Bedeutung gewannen,
folgte ein massiver Anstieg der Westverschuldung. Die 80er Jahre
waren schließlich gekennzeichnet von einer Politik des „Exports um
jeden Preis“ in der die DDR einige Produkte sogar unter dem
Produktionspreis verkaufte, um Devisen zu erlangen und mittelfristig
die Handelsbilanz wieder auszugleichen (Roesler 2003, 34ff). Dass in
diesem Sinne der Vorzug der Konsumtionsmittelproduktion vor die
Produktionsmittelproduktion gravierende negative Auswirkungen auf die
DDR-Wirtschaft hatte, ist unzweifelhaft. Ob die DDR jedoch ohne
gemeinsamer Forschungsprogramme im RGW überhaupt die Möglichkeit
gehabt hätte, in der Entwicklung der Mikroelektronisierung
international Schritt halten zu können? Wir wollen noch weiter zu
dieser Frage arbeiten.

…Der Zerfall des RGW

Während sich in den
Fünfjahrplänen der DDR (siehe z.B. SED: Dokumente des VIII.
Parteitages der SED, S. 55) immer wieder das Bestreben widerspiegelt,
die wirtschaftliche Zusammenarbeit im RGW zu intensivieren, sank der
Anteil des Außenhandels mit dem RGW jedoch faktisch seit Anfang der
60er Jahre zugunsten der westlichen Industrieländer

Die DDR vernetzte sich also immer mehr mit dem NSW, was natürlich eine gewisse ökonomische Abhängigkeit zur Folge hatte, die im Kontext der Systemkonfrontation von der BRD politisch genutzt wurde. Weiterhin lässt sich ein steigendes Unvermögen des RGW erkennen, gemeinsam innovativ zu forschen und somit technologisch mit dem Westen Schritt halten zu können, bzw. diesen zu überflügeln. Das Versagen bei der Entwicklung der Mikroelektronisierung im gesamten RGW ist dafür nur ein Beispiel. Außerdem nahm die Praxis der gegenseitigen Hilfe seit den 70er Jahren immer mehr ab. Infolge der Ölkrise erhöhte die Sowjetunion beispielsweise in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre die Ölpreise für die DDR, 1982 drosselte sie die Öllieferungen, beides im Wissen darum, dass das sowjetische Erdöl existenzieller Bestandteil der DDR-Ökonomie war.

DDR – Außenhandel nach Ländergruppen 1949-1989 (Quelle: Förster o.D.)

Wie genau und warum sich der RGW so problematisch entwickelt hat, muss weiter untersucht werden. Es ist jedoch zweifelhaft, ob die riesigen Potenziale, die in einer internationalen Wirtschaftskooperation wie dem RGW stecken, ausreichend entfaltet wurden. Auch hier ergeben sich für uns wieder viele Fragen, die es zu klären gilt: Warum wurde die wirtschaftliche Kooperation im RGW nicht intensiviert? In welchem Zusammenhang steht die abnehmende Arbeitsteilung im RGW mit der geringeren Rolle der Zentralplanung in den einzelnen Ökonomien? Ist die Abkehr einer gemeinsamen sozialistischen Arbeitsteilung selbst Ausdruck der Implementierung von Marktelementen in die sozialistische Wirtschaft? Inwiefern steht die Entwicklung im Zusammenhang mit politischen Differenzen der sozialistischen Länder? Wie hätte eine gemeinsame Arbeitsteilung aussehen müssen, die sowohl die nationalen Wirtschaften entwickelt, als auch die gemeinsame Arbeitsteilung in den Blick nimmt? 

Der Zerfall des RGW und
damit die Intensivierung der wirtschaftlichen Beziehungen der DDR mit
dem NSW hatte schließlich auch zur Folge, dass die DDR immer
krisenanfälliger wurde. Während die sozialistische Produktionsweise
in sich grundsätzlich nicht den zyklischen Krisen des Kapitalismus
unterliegt, bedeutet eine Verflechtung mit dem NSW natürlich, dass
deren Krisen auch auf die sozialistischen Länder wirken. Die DDR
hatte ihre Ökonomie in den 80er Jahren auf ein sehr riskantes
Unternehmen fokussiert – den Export von Erdölderivaten. Die
Gewinne beruhten hierbei im Wesentlichen auf der Differenz der
niedrigen sowjetischen Erdölpreise und den verhältnismäßig hohen
Weltmarktpreisen. Während die Erdölpreise auf dem Weltmarkt die 12
vorangegangen Jahre relativ gleichmäßig und stark überhöht waren,
fielen die Preise Ende des Jahres 1985 binnen Kürze auf die Hälfte.
Die in diesem Zweig erwirtschafteten Deviseneinnahmen fielen
dementsprechend auch um ca. die Hälfte (vgl. Rösler 2003, 38).

Derlei Rückschläge der
DDR-Ökonomie haben ihre Ursachen in der starken Integration in den
kapitalistischen Weltmarkt und sind daher nicht von der Frage der
Entwicklung des RGW zu trennen. Der Aufbau des Sozialismus in
direkter Nachbarschaft und Konkurrenz zum Imperialismus ist dabei
natürlich eine grundsätzliche Schwierigkeit. Auf allen Gebieten,
auch der politischen Auseinandersetzung, wurde hier jedoch zunehmend
nicht die selbständige Entwicklung gefördert, sondern die
militärische, politische und ökonomische Annäherung zum
Imperialismus.

Ist die DDR an ihrer Ökonomie zugrunde gegangen?

Viele Fehlentscheidungen
und unvorteilhafte Entwicklungen haben der DDR-Wirtschaft erheblichen
Schaden zugefügt. Doch sie war keineswegs am Ende. Zwar kam es 1982
zu einer Liquiditätskrise, die jedoch bis 1985 wieder neutralisiert
werden konnte. Auch wenn die Westverschuldung bis 1989 anschließend
wieder zunahm, war die DDR nicht zahlungsunfähig (Roesler 2003, 38 /
Steiner 2004, 225). Die Aussage, die DDR sei pleite gewesen, ist
ebenso falsch. Die Schulden der DDR im Verhältnis zum BIP betrugen
89 tatsächlich nur etwa 3/5 von denen der BRD (Bundesbank,
Monatsberichtsbericht März 1997, S. 18). Die DDR hatte
wirtschaftliche Probleme, diese waren jedoch an sich nicht
existenzgefährdend. 

Politische Lethargie

Die entscheidende Ursache
für die Konterrevolution lässt sich letztlich im politische Gebiet
verorten. Dadurch also, dass die Kommunisten und die Massen den
Sozialismus nicht mehr mit aller Kraft verteidigten und
weiterentwickelten. Die vielfältigen Mechanismen der sozialistischen
Demokratie, die die DDR geschaffen hatte, waren in den 80er Jahren
nicht mehr in der Lage, die sich stellenden Probleme zu lösen. Das
betrifft die unterschiedlichen Bereiche der Arbeiter- und
Bauernmacht, allen voran die SED. Die führende Rolle, die sich die
SED jahrelang erkämpft hatte und die in der Verfassung von 1968 fest
verankert und breit anerkannt war, konnte sie zuletzt nicht mehr
spielen. Innerhalb der SED wurden grundlegende Erfahrungen der
Arbeiterbewegung aufgegeben.

Die Entwicklung der SED
hatte dabei unterschiedlichste Phasen. Ihr Zustand in den 80er Jahren
ist nicht derselbe wie zu ihrer Gründung oder auch in den 60er
Jahren. Die Situation der SED zum Ende der DDR lässt sich dabei
nicht ohne den Zusammenhang der Entwicklung der kommunistischen
Bewegung weltweit erklären.

Im Abschnitt zum Kontext
der internationalen kommunistischen Bewegung wurde dazu bereits auf
einige schädliche Entwicklungen eingegangen, die sich insbesondere
seit dem XX. Parteitag der KPdSU international verbreiteten. Die SED
unter Walter Ulbricht unterstützte diese Position zwar nicht
offensiv, bekämpfte sie allerdings auch nicht. Diese unklare Haltung
legte jedoch bereits die Grundlage dafür, dass die offene und
scharfe politische Diskussion um die richtige Linie und die ständige
Überprüfung der Theorie mit den tatsächlichen gesellschaftlichen
Verhältnissen innerhalb der SED geschmälert wurden (Buchholz et al.
2019, 87ff.) Letztlich konnte sich so auch eine besonders zerrüttende
Auslegung der friedlichen Koexistenz zwischen Sozialismus und
Imperialismus nach dem XX. Parteitag der KPdSU durchsetzen, die der
Politik des „Wandels durch Annäherung“ schließlich Tür und Tor
öffnete (hierzu: Münder 2007). Die im ersten Teil erwähnte
Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa von 1972-75 in
Helsinki und später das gemeinsame SED/SPD-Papier von 1987 sind
schlagende Belege dafür, dass der Imperialismus falsch eingeschätzt
wurde.

Dem Imperialismus wurde
auf einmal eine Friedensfähigkeit bescheinigt, es wurde der
kooperative Wettbewerb der Systeme proklamiert und das gemeinsame
Ziel der allgemeinen Menschenrechte erklärt (SPD/SED-Papier: Der
Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit, 1987).

Die Haltung der
Unumkehrbarkeit der sozialistischen Entwicklung – eine
voluntaristische Auslegung der Gesetzmäßigkeit der Geschichte –,
der Einfluss des Eurokommunismus mit seiner Parole vom “Sozialismus
mit menschlichem Antlitz” so wie die Aufgabe einer einheitlichen
und gemeinsamen Entwicklung des Sozialismus zugunsten einer
Orientierung auf nationale Eigenständigkeit und Nichteinmischung der
sozialistischen Staaten untereinander, taten ihr Übriges, um sich
den imperialistischen Staaten politisch anzunähern.

Hinzu kommen Entwicklungen
in der Organisationspolitik der SED ab den 70er Jahren, die einen
gelebten demokratischen Zentralismus, entgegen den eigenen Vorgaben
des Statuts, untergruben und letztlich zu einem massiven
Vertrauensverlust sowohl gegenüber den Massen als auch den eigenen
Mitgliedern beitrugen. Hier soll sich dafür vornehmlich auf die
Sammlung von Itzerott und Gossweiler in “Unter Feuer – die
Konterrevolution in der DDR” bezogen werden, die sich auch in
den vielen Erfahrungen ehemaliger DDR-Bürger widerspiegeln.

Probleme wurden nicht
länger klar und offen angesprochen und angegangen, Informationen und
Wissen konzentrierte sie auf einen begrenzten Kreis von leitenden
Mitgliedern.

Die Bildungs- und
Ideologiearbeit verlor zunehmend die Verbindung sowohl zu den
Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus als auch ihr
schöpferisches Verhältnis zu den gesellschaftlichen Entwicklungen
und bekam eher die Rolle der Begründung der Beschlüsse der Partei.
Die erlebte widerspruchsvolle Wirklichkeit stand den verbreiteten
positiven Positionen häufig entgegen und der tatsächliche
Bewusstseinsstand der Klassen und Schichten der DDR wurde allzu oft
überschätzt.

Die leninistische
Orientierung auf eine kommunistische Kaderpartei, die auch die SED
seit ihrem Statut von 1950 verfolgte, wich zunehmend einer faktischen
Orientierung auf eine Massenpartei, Mechanismen wie die
Kandidatenzeit bekamen zunehmen formale Züge. All dies beförderte
zudem den Eintritt und Einfluss von Karrieristen innerhalb der SED.
Aus heutiger Perspektive ist offensichtlich, dass nicht 2,3 Millionen
ehrliche Kommunisten auf dem Gebiet der DDR existierten, die den
Anspruch eines Mitglieds einer kommunistischen Kaderpartei erfüllten.
Vielmehr lässt sich z. B. an den Abwanderungen von der SED zur CDU
nach der Konterrevolution erkennen, dass die Mitglieder der SED in
vielen Fällen alles andere als eine Vorhut der Arbeiterklasse waren.

Mitgliederentwicklung der
SED:

  • 1946 – 1,2 Mio.
  • 1949 – 1,6 Mio.
  • 1970 – 1,9 Mio.
  • 1988 – 2,3 Mio.

1989 spitzte sich die
negative Entwicklung der SED noch weiter zu. Die SED war nicht mehr
Herr der Lage. Statt die Verbindung zu den Massen wieder mühsam
herzustellen, wurde das Ministerium für Staatssicherheit politisch
verantwortlich erklärt. Anstatt sich die Führungsrolle, durch das
Annehmen von ökonomischen und politischen Problemen zu erarbeiten,
wurde der Führungsanspruch der SED gänzlich negiert. Der Einfluss
der Politik Gorbatschows erreichte und spaltete die Parteiführung.
Während Honecker die verheerenden Folgen von Perestroika und
Glasnost erkannte, sprangen andere wie Hans Modrow auf den Zug mit
auf und übernahmen letztlich die Parteiführung. Die SED war
schließlich so stark von Revisionismus zersetzt, dass sie sich
selber abschaffte. Im Februar 1990 legte die neu gebildete Regierung
von Hans Modrow ein „Regierungskonzept zur Wirtschaftsreform in der
DDR“ vor, nach dem die Planwirtschaft zugunsten einer
kapitalistischen Marktwirtschaft abgeschafft werden sollte. Auf ihrem
Sonderparteitag am 8./9. Dezember beschloss die SED (bald PDS)
ebenfalls das Ende der führenden Rolle der SED als Partei der
Arbeiterklasse.

Die Entwicklungen
innerhalb der SED hatten ihre Auswirkungen auf weitere Bereiche der
sozialistischen Demokratie, auf die Presse, die Massenorganisationen
und auch die Kulturproduktion.

Nicht allein die
Ausbürgerung von Wolf Biermann im Jahr 1976, der heute noch keine
Gelegenheit auslässt, in den Chor der Anti-DDR Hetze einzustimmen,
sondern vielmehr eine Kulturpolitik, die die mangelnde politische
Diskussionsfähigkeit und Klarheit der SED abbildet, führten
letztlich zur Frustration und Aufwiegelung einiger Kulturschaffender
gegen die SED. Hiermit ist nicht gemeint, dass etwa die Ausbürgerung
Biermanns grundsätzlich falsch war oder dass die
DDR-Kulturproduktion nicht auch erstaunliches geleistet hat. Die
Entwicklung der Kulturpolitik und das Verhältnis der
Kulturschaffenden zur SED und DDR muss noch weiter untersucht werden.
Welche Rolle haben Kulturvereinigungen wie der Schriftstellerverband
gespielt; inwiefern blieb Potenzial der Kulturschaffenden ungenutzt;
was waren die konkreten Umstände der Auseinandersetzung mit den
Kulturschaffenden in den 80er Jahren, was waren hier die
Möglichkeiten der SED; inwiefern konnte die Jugend für die
Kulturlandschaft gewonnen werden und vieles weitere mehr.

Auch die zentralen
Presseorgane bildeten zuletzt die Diskussionsmüdigkeit und die
Abkehr von den gesellschaftlichen Problemen, die in der SED sichtbar
wurden, ab und konnten so die Verbindung der Massen mit der Partei
nicht mehr befördern.

Die SED war nicht länger
Vorbild für die sozialistische Macht und konnte der weiteren
Entwicklung der DDR auch nicht länger die Zukunft weisen, die
Führungsrolle der SED war untergraben.

Uns muss es allerdings
darum gehen zu verstehen, wie es dazu kommen konnte. Dafür ist eine
genaue Betrachtung der hochkomplizierten politischen Situationen,
innerhalb derer die SED handelte und sich entwickelte, genau zu
untersuchen. Die äußeren Einflüsse dürfen dabei nicht
unterschätzt werden.

Die Bedingung als
Frontstaat der sozialistischen Länder mit direkter Grenze zum
wichtigsten Frontstaat der imperialistischen Welt; die Voraussetzung
der gemeinsamen Sprache, Geschichte und Kulturtradition, die die
Bevölkerung der DDR mit der der BRD verbanden, wogen schwer. Die
Systemauseinandersetzung wurde auf allen Ebenen, ökonomisch,
militärisch, ideologisch usw. geführt und erschwerte eine
selbstbewusste Entwicklung der DDR. Die DDR ließ sich auf eine
Konkurrenz mit der BRD ein, ohne dabei der eigenen Bevölkerung die
Voraussetzungen des höheren Konsumstandards in der BRD hinreichend
vermittelt zu haben – wenn auch hierfür viele Versuche unternommen
wurden. Der Einfluss der BRD auf die Politische
LethargieDDR-Bevölkerung war nicht gering. Inwieweit schaffte es die
DDR jedoch eine hinreichend selbstbewusste sozialistische Antwort auf
den Einfluss der BRD herzustellen, die die Unterschiedlichkeit der
Systeme erfolgreich vermittelte? – und wo haben sich dabei eventuell
Probleme aufgemacht?

Der Einfluss der
internationalen kommunistischen Bewegung und der sozialistischen
Staatengemeinschaft, der oben bereits ausführlich besprochen wurde,
hat andererseits entscheidenden Einfluss auf die Bedingungen der
politischen Entwicklung der SED gespielt.

Die Abweichung von
Erkenntnissen und Erfahrungen des wissenschaftlichen Sozialismus in
der SED ist ohne die Einbeziehung der unterschiedlichen Einflüsse
nicht zu erklären, dennoch müssen wir noch genauer untersuchen,
welche Rolle auch einzelne führende Mitglieder der SED auf die
Abweichung vom wissenschaftlichen Sozialismus gespielt haben, wie es
sein konnte, dass revisionistische und letztlich offen
antisozialistische Positionen auch innerhalb der SED Widerhall
fanden.

Dabei ist die historische
Entstehung der proletarischen Macht der DDR, die Gründung der SED
und auch der Massenorganisationen und des Demokratischen Blocks ein
wichtiger Untersuchungsgegenstand. Die Orientierung auf eine
antifaschistisch-demokratische Umwälzung war eine zentrale
Schlussfolgerung aus dem VII. Weltkongress der Kommunistischen
Internationale von 1935. Die Volksfrontorientierung konnte in der
spezifischen historischen Situation nach dem Zweiten Weltkrieg in
Deutschland, unter der Bedingung der gebrochenen Macht des deutschen
Imperialismus, den leidvollen Kriegserfahrungen der deutschen
Bevölkerung und dem militärischen Schutz der Sowjetunion
erfolgreich sein. Für die Orientierung der Ausrottung der Grundlagen
des Faschismus konnte die KPD zunächst die Massenbasis der SPD und
Teile ihrer Führung im Osten und dann breite Teile der Bevölkerung
gewinnen und erarbeitete sich die Zustimmung für die großen
Enteignungsaktionen der Nazi- und Kriegsverbrecher. Auch die
Entwicklung von der antifaschistisch-demokratischen Ordnung zum
Aufbau der Grundlagen des Sozialismus und die Entwicklung der SED zu
einer marxistisch-leninistischen Partei ab 1950 waren erfolgreiche
Schritte im Aufbau der DDR.

Inwiefern aber entsprach
die Bolschewisierung der SED der tatsächlichen Situation der Partei
– die gerade aus der KPD und SPD hervorgegangen war? Wie ist die
Vereinigung von KPD und SED insgesamt zu bewerten? Wie ist die
ideologische Arbeit und Mitgliederpolitik der SED zu dieser Zeit und
in ihrer Folge zu bewerten?

Welchen Einfluss hatten
die weiteren Strukturen, die aus der antifaschistisch-demokratischen
Ordnung hervorgegangen sind und ihre historisch positive Rolle
gespielt hatten, auf den weiteren sozialistischen Aufbau und die
Entwicklung der SED? Vor allem muss hier die jeweilige Rolle der
unterschiedlichen Parteien der Nationalen Front (CDU, LDPD, DBD,
NDPD) näher untersucht werden. Aber auch die Entwicklung der
Massenorganisationen muss analysiert werden. Welchen Einfluss hatte
beispielsweise die Wandlung der FDJ von einer antifaschistischen
Jugendorganisation zur Parteireserve der SED auf ihre Anerkennung und
Wirksamkeit unter der Jugend?

Außerdem bleibt zu
klären, weshalb es keine konstruktive und transparente Diskussions-
und Kommunikationskultur mehr zwischen der politischen Führung und
der Bevölkerung gab. Hat dies strukturelle Gründe wie den
faktischen Massenpartei-Charakter der SED, welcher zunehmend
Karrierismus und Opportunismus beförderte? Auch stellt sich die
Frage, wie eine sozialistische Kultur-, Presse und Sicherheitspolitik
aussehen müsste und ob und wenn ja, inwiefern die DDR dort Fehler
gemacht hat, die vermeidbar gewesen wären.

Ausblick und Schluss

Mit der Konterrevolution
1989/90 ist die Arbeiterbewegung und die kommunistische Bewegung
weltweit in ihre tiefste Krise geraten. Ihre Desorganisation und
Orientierungslosigkeit führten dazu, dass den massiven Angriffen des
Kapitals und den erneuten kriegerischen Raubzügen der
imperialistischen Länder, die der Annexion der DDR folgten, nichts
ernsthaft entgegengesetzt werden konnte. Die Fratze kapitalistischer
Ausbeutung erscheint durch die nahezu vollständige Aufhebung der
Systemkonkurrenz umso deutlicher, die Klassengrenzen treten wieder
schärfer hervor, und somit kann auch die kommunistische Bewegung und
mit ihr die Arbeiterbewegung wieder an Klarheit und Orientierung
gewinnen.

Die Arbeiterklasse hat
auch noch 30 Jahre nach dem sogenannten Mauerfall kein Interesse am
Kapitalismus. Die ostdeutsche Arbeiterklasse im Speziellen fühlt
sich mit ihren Erfahrungen im Sozialismus allein gelassen. Etliche
Millionen DDR-Bürger haben positive Erfahrungen in der DDR
gesammelt, trauern um die verloren gegangenen Errungenschaften. Noch
heute – nach 30 Jahren konterrevolutionärer Propaganda – sagen
etwa 2/3 der ehemaligen DDR-Bürger, dass in der DDR die positiven
Seiten mindestens überwogen (Statista 2019). Gleichzeitig revidieren
viele ehemalige DDR-Bürger ihre Einstellung zur DDR, da ihre
Erfahrungen durch das Totschweigen verblassen und sich in vielen
Köpfen schließlich 1000 Lügen der BRD-Propaganda zu einer
„Wahrheit” formieren. So kommt es z. B., dass auch Leute, die,
genau wie ihre Familien und Freunde, nie in (negativen) Kontakt mit
dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gekommen sind, heute
davon ausgehen, dass die Stasi eine allgegenwärtige Unterdrückung
gegen das gesamte Volk durchsetzte.

Wir können dem
BRD-Imperialismus nicht vorwerfen, dass er alles dafür tut, die DDR
in ein schlechtes Licht zu rücken – er tut das, um seine eigene
Existenz zu legitimieren und abzusichern. Schließlich kann es nur
der Sozialismus sein, der die Arbeiter von ihrer Ausbeutung und
Unterdrückung befreit. So weit wie der Sozialismus als
gesellschaftliche Alternative aus den Köpfen der Arbeiter
verschwindet, so stabil ist die Herrschaft der Kapitalistenklasse.
Was dagegen unsere Aufgabe sein muss, ist der BRD-Propaganda Paroli
zu bieten. Alle Analysen oder Positionen von Organisationen, die das
Problem einfach beim XX. Parteitag oder bei Honecker verorten, sind
dabei nicht nur verkürzt, sondern liegen grundsätzlich falsch. Die
DDR und die Sowjetunion waren bis zu ihrer Auflösung sozialistisch.
Die Produktionsmittel waren nicht privat, es gab keine Ausbeutung,
die Planwirtschaft war der ökonomisch dominierende Mechanismus, die
Arbeiterklasse herrschte. Der Prozess, der zum Erfolg der
Konterrevolution führte, ist ein längerer komplexer Prozess, den
wir verstehen müssen. Die DDR und die SU aber als
staatskapitalistisch oder gar sozialimperialistisch zu diffamieren,
entspricht nicht den Tatsachen und hilft letzten Endes dem
Klassengegner. Es lenkt davon ab, dass es die Arbeiterklasse war, die
diese große Leistung vollbracht hatte. Es war die Macht der
Arbeiterklasse, die mit Problemen konfrontiert war und diese lösen
musste. Diese Schwierigkeiten zu verstehen, ist im Interesse der
Arbeiterklasse. Es muss deshalb Aufgabe der Kommunisten in
Deutschland sein, wieder eine wissenschaftliche und konstruktive
Auseinandersetzung mit der DDR zu etablieren, an der sich die
Arbeiter orientieren können. Dies kann nur funktionieren, indem
breitestmöglich die Erfahrungen der ehemaligen DDR-Bürger gesammelt
werden und ein langfristiger Klärungsprozess die Fehler und
Errungenschaften der DDR herausarbeitet und analysiert. Wir müssen
schließlich klar benennen können, welche Errungenschaften uns als
Richtschnur dienen und warum welche Fehler passiert sind, bzw. wie
wir diesen bei einem erneuten Anlauf zum Sozialismus aus dem Weg
gehen können. Die Frage der Haltung zur DDR ist die Frage der
Haltung zum Sozialismus. Werden wir nicht die Hoheit (und Klarheit!)
über die Geschichte unseres ersten Arbeiter-Staates auf deutschem
Boden erkämpfen, werden wir die deutsche Arbeiterklasse kein zweites
Mal zum Sozialismus heranführen können.

Deshalb beteiligt euch am Klärungsprozess (siehe BolscheWiki), damit wir die Hoheit über unsere eigene Geschichte wiedererlangen und schließlich den Arbeitern wieder eine Perspektive ohne Ausbeutung, Armut, Krieg und Verrohung bieten können.

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SWR (2019): Thierse: “Kohl hat 1990
viel versprochen, aber Wunder brauchen länger”, in:
https://www.swr.de/swraktuell/30-Jahre-Mauerfall-Ex-Bundestagspraesident-Thierse-sieht-weitere-Defizite-zwischen-Ost-und-West,30jahremauerfall-102.html




Die DDR – Land der Arbeiter und des Friedens

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Am 7. Oktober jährt sich der 70. Geburtstag der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Entgegen der aktuellen öffentlichen Meinung und der bürgerlichen Geschichtsschreibung, die die DDR als einen „Unrechtsstaat“ definieren und jede Gelegenheit nutzen, um den ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden zu delegitimieren, verbindet uns, die Kommunistische Organisation, mit der gesellschaftlichen Ordnung sowie den Errungenschaften und Erfahrungen der DDR eine tiefe Solidarität. Bereits in den Gründerjahren der DDR wurden die elementaren Ausgangsbedingungen für den Aufbau einer fortschrittlichen Gesellschaft erkämpft. Die KO wird in den nächsten Jahren in breit angelegten Arbeitsgruppen unter anderem die vielfältigen und –schichtigen Erfahrungen der DDR in Ökonomie, Politik und Kultur im Aufbau des Sozialismus auswerten.

Die
Beschlüsse der Potsdamer Konferenz

Auf
der Potsdamer Konferenz im Juli/August 1945, wenige Monate nach der
militärischen Vernichtung des deutschen Faschismus, berieten Stalin
(UdSSR), Churchill (Großbritannien) und Truman (USA) über die
Zukunft Deutschlands. In dem Abschlussdokument einigten sich die
Siegermächte auf die sog. „4 D“:

  • Denazifizierung (d.h. Entnazifizierung)
  • Dezentralisierung (u.a. Zerschlagung von Großunternehmen, Monopolen, Syndikaten, etc.)
  • Demokratisierung
  • Demilitarisierung (vollständiger Abbau der Armee + Rüstungsindustrie)

Diese
Festlegungen wurden ausschließlich in der Sowjetischen
Besatzungszone (SBZ), der späteren DDR, durch etliche zehntausende
Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter sowie mit der
Unterstützung der sozialistischen Sowjetunion ernsthaft umgesetzt.
Die Einheit dieser Kräfte unter Führung der Kommunisten bildete den
Kern der antifaschistisch-demokratischen Ordnung in der DDR.

In
der SBZ wurde die Denazifizierung schnell und konsequent
durchgeführt. Ehemalige Funktionsträger der NSDAP und ihrer
Organisationen wurden von Mitgliedern der sog. Antifa-Ausschüsse und
Antifa-Komitees identifiziert, aus ihren Ämtern entfernt und in der
Folgezeit dem sich entwickelnden Justizwesen in der DDR zugeführt.
Unterstützung erhielten die Antifa-Kräfte von den Behörden der
Sowjetunion. Die Grundlagen für einen neuen Faschismus wurden im
Osten Deutschlands zerschlagen und die Antifaschisten der ersten
Stunde bildeten die politische Führung der späteren DDR. Rasch
erkannten NSDAP-Funktionäre, dass sie in westlichen Besatzungszonen
wenig zu befürchten hatten bzw. rehabilitiert wurden und flüchteten
vor einer Bestrafung in den Westen. Das „Braunbuch“ von 1968
listet u.a. den damaligen Bundespräsidenten Heuß, 20 Angehörige
des Bundeskabinetts und Staatssekretäre, Hunderte höhere Offiziere
der Wehrmacht + SS, über 1000 Justizbeamte auf, die zwischen 1933
und 1945 zu den Stützen des deutschen Faschismus zählten und in
Kontinuität ihrer Tätigkeit nun Westdeutschland in Militär,
Politik, Justiz und Wirtschaft aufbauten.

Junkerland
in Bauernhand“

Im
Sinne der Dezentralisierung wurden bis 1948/49 umfangreiche durch
Volksentscheide demokratisch legitimierte Enteignungen realisiert.
Unter der Losung „Junkerland in Bauernhand“ enteigneten die
Verwaltungsbehörden in der SBZ alle Großgrundbesitzer mit einem
Besitz von mehr als 100 ha Nutzfläche. Mehr als 500.000 Landwirte,
Landarbeiter und Umsiedlerfamilien profitierten von der
Verstaatlichung der Ländereien durch die Zuteilung von über 2.1 Mio
ha landwirtschaftlich nutzbarer Flächen. Mit dem primären Ziel, so
schnell wie möglich die landwirtschaftliche Produktion zur Ernährung
der Bevölkerung sicher zu stellen, bildeten sie den Kern der im
weiteren Verlauf der Entwicklung aufgebauten Landwirtschaftlichen
Produktionsgenossenschaften (LPG). Unmittelbar nach der Bodenreform
enteigneten die Behörden im Rahmen der Industriereform
entschädigungslos 7000 kapitalistische Betriebe der Leicht- und der
Schwerindustrie (überwiegend von Naziverbrechern und deren
Handlagern) und überführten sie in Volkseigentum. Die bürgerlichen
Eliten in der Ökonomie, Politik und Verwaltung, die dem Faschismus
zur Macht verhalfen, ihn stützen und von dem Krieg profitierten
verloren ihre ökonomische Basis und ihre politische Macht. Die
Boden- und Industriereform bildeten in der SBZ 1948/1949 die
notwendigen Rahmenbedingungen für eine völlig neue Gesellschafts-
und Wirtschaftsordnung.

Die
Entmachtung der Großgrundbesitzer und Industriellen, die
Verstaatlichung der landwirtschaftlichen, gewerblichen und
industriellen Betriebe, d.h. der Übergang der Kontrolle über die
Produktionsanlagen auf den sich aufbauenden Arbeiter- und
Bauernstaat, bildeten die Bedingungen für einen extremen Wandel in
der Organisation der Ökonomie. Diese Bedingungen führten
unweigerlich zu sozialistischen Entwicklungen. Erstmalig auf
deutschem Boden diente die Produktion von Gütern nicht mehr der
Profitmaximierung, sondern der Befriedigung der Bedürfnisse. Nicht
mehr der Kapitalist entschied über die Produktion und über die
Frage, wie der gesellschaftliche Reichtum verteilt wird, sondern die
Mitglieder der sozialistischen Gesellschaft.

Im
Westen nichts Neues

Die
Beschlüsse des Potsdamer Abkommens setzten die Politik und die
Besatzungsmächte in den westlichen Besatzungszonen anfänglich und
auch nur im Rahmen der Bodenreform um. Die beschlossene
Industriereform realisierte Westdeutschland kaum. Im Gegensatz zu der
sowjetisch besetzten Zone blieben die alten, bürgerlichen
Machtstrukturen in den westlichen Zonen erhalten. Die Repräsentanten,
die Industriebarone, die Mächtigen in den Vorstandsetagen des
Finanzkapitals, die höchsten Verwaltungsbeamten und Militärs, die
den Faschismus zur Macht verholfen haben, ihn zwölf Jahre politisch
und ökonomisch gestützt haben sowie von dem Krieg und der
Ausbeutung von KZ-Insassen und Kriegsgefangenen profitierten,
verblieben überwiegend in den Machtstrukturen der Westzonen. Zwar
wurde die offene faschistische Diktatur beseitigt, ihre ökonomische
Grundlage jedoch nicht angetastet. Die Produktionsanlagen und deren
Kontrolle blieben in der Hand einiger Weniger konzentriert.

Eine
bereits im Juni 1948 verwirklichte Währungsreform in den westlichen
Zonen bewirkte faktisch eine staatsrechtlich festgeschriebene
Spaltung Deutschlands. Im weiteren Verlauf der innerdeutschen
Entwicklung konstituierte sich am 7. September 1949 der Bundestag und
gründete mit der Verabschiedung des Grundgesetzes die BRD. Nun war
die Spaltung, entgegen den Beschlüssen des Potsdamer Abkommens,
welches ein einheitliches Deutschland vorsah, in vollem Umfang
vollzogen. Die Teilung des Landes war von den westdeutschen
Politikern, Kapitalisten und Verwaltungsbeamten sowie ihren
West-Alliierten von langer Hand vorbereitet. Die ostdeutsche
Bevölkerung war nun ihrerseits gezwungen, auf die aggressive
Innenpolitik des Westens zu reagieren und ihren eigenen Staat zu
gründen. In dem östlichen Teil Deutschlands lag am 30. Mai 1949 der
Bevölkerung ein Verfassungsentwurf vor, der in tausenden von
Veranstaltungen in Stadt und Land sowie in den Betrieben lebhaft
diskutiert wurde. Mehr als 500 von der Bevölkerung erarbeitete
Änderungsvorschläge dienten als Grundlage zur Änderung von 52
Artikeln. Eine demokratischere Methode für die Niederschrift einer
Verfassung ist kaum vorstellbar. Die einberufene Volkskammer setzte
den demokratisch zustande gekommenen Verfassungsentwurf als
Verfassung der DDR am 7. Oktober in Kraft. Für die Beendigung der
Spaltungspolitik und den Aufbau einer antifaschistisch-demokratischen
Ordnung wirkte die DDR und die, mit ihr verbundene Sowjetunion in den
50er und 60er Jahren im Rahmen ihrer Außenpolitik kontinuierlich
hin.

Die
Gründung der BRD und der DDR steht unmittelbar in einem kausalen
Zusammenhang mit der in Deutschland aufeinanderprallenden
Systemkonkurrenz zwischen dem kapitalistischen Westen und der
sozialistischen Sowjetunion. Abgesehen von den gegensätzlichen
Ökonomien standen sich an der „deutsch-deutschen“ Grenze durch
die Mitgliedschaft beider Staaten in militärischen Allianzen die
größten verfeindeten Armeen gegenüber. Auch in diesem Zusammenhang
gab der kapitalistische Westen den aggressiven Ton an: Die BRD trat
am 6. Mai 1955 der NATO bei während die DDR 8 Tage später, am 14.
Mai, Mitglied des Warschauer Paktes wurde. Die vorstellbare
Konstellation eines blockfreien Deutschlands war nur von
theoretischer Natur, wurde sie doch durch die konfrontative Haltung
der NATO und der antisozialistischen Politik Adenauers, des ersten
BRD-Bundeskanzlers, verhindert. Für Adenauers Haltung zu einem
vereinten Deutschland ist seine Erklärung „Lieber das halbe
Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb“ bezeichnend.

Staat der Arbeiter und Bauern

Aus
den qualitativen Veränderungen in der ab 1952 verkündeten
sozialistischen DDR erwuchsen zahlreiche politische
Massenorganisationen, die an die Traditionen der Arbeiterbewegung
anknüpften und in denen sich die Bevölkerung organisierte. Zu
nennen sei z.B. die Freie Deutsche Jugend (FDJ), in der über zwei
Millionen Jugendliche ihren Beitrag zum Aufbau einer sozialistischen
Gesellschaft beitrugen. Zu nennen sei weiterhin die Deutsche
Gesellschaft für Sport und Technik (DGST), die der Erziehung und der
sportlichen Ertüchtigung der Jugend in der DDR diente. Und als
weiteres Beispiel sei der Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD)
genannt, der die Frauen in der DDR vereinte und in den Traditionen
der Frauenbewegung stand. Die Verbindung der unterschiedlichen
gesellschaftlichen Bereiche, der Bildung, der Produktion, der Kultur
und Freizeit ermöglichte, dass gemeinsam die Entwicklung der
Gesellschaft und die Verbesserung des Lebens des werktätigen Volkes
verfolgt werden konnte. Der Widerspruch der Interessen zwischen
Kapital und Arbeit war abgelöst. Die Macht der Arbeiter und Bauern
konnte gemeinschaftlich die Gesellschaft nach ihren Interessen
entwickeln.

Frieden,
Bildung und Gesundheit

Die
DDR rückte ihr oberstes Gebot „Von deutschem Boden darf niemals
wieder Krieg ausgehen“ in das Zentrum ihres politischen Handels und
beteiligte sich niemals an einem Krieg. Sie war ein Staat des
Friedens und des Antifaschismus. Neben der Kriegsvermeidung stand die
immer umfassendere Befriedigung der existenziellen individuellen und
gesellschaftlichen Bedürfnisse der Bevölkerung im Vordergrund der
ökonomischen Planungen. Mit der Planwirtschaft, in der die Menschen
den Mittelpunkt ihres eigenen Schaffens repräsentieren, entwickelte
sich die DDR-Ökonomie zu einer der weltweit stärksten. Die DDR war
ein Staat der Arbeiter und der Bauern und nicht der Kapitalisten, an
dessen Spitze die SED und an ihrer Seite die sozialistischen
Bruderländer, allen voran die Sowjetunion standen. Folgende Punkte
geben einen Eindruck von dem fortschrittlichen Charakter der
gesellschaftlichen Ordnung in der DDR:

In
der DDR wurde ein einheitliches Bildungswesen als fundamentaler
Eckpfeiler des gesellschaftlichen Fortschritts betrachtet.
Dementsprechend sicherte die Bildung die Verbindung von produktiver
Arbeit mit dem theoretischen Unterricht und der Erziehung der Jugend.
Das Bildungswesen führte seine Elemente inhaltlich und strukturell
so zusammen, dass sich ein geschlossenes, in sich abgestimmtes System
ergab. Das Bildungsmonopol der Bourgeoisie wurde überwunden und die
Arbeiter und Bauern strömten an die Hochschulen. Die Bildung war
kostenfrei und nach dem Schulabschluss hatte jeder Abgänger ein
Recht auf einen Ausbildungsplatz und Weiterbildung bzw. konnte beim
Vorliegen der Voraussetzungen ein Studium begonnen werden.

Auf
Grundlage des in der Verfassung festgeschriebenen Rechts auf
Gesundheit war die gesundheitliche Versorgung kostenfrei organisiert.
Polikliniken mit verschiedenen medizinischen Fachbereichen in der
Stadt, Ambulatorien mit Ärzten und Schwestern auf dem Land, einem
engen Netz von Gemeindeschwestern sowie die für den
Gesundheitsschutz zuständigen Gesundheitsämter sorgten für eine
rasche und sehr umfängliche Versorgung der Erkrankten. Lange
Wartezeiten für einen Arzttermin oder die privilegierte Behandlung
von Privatpatienten gab es in der DDR nicht.

Die
materielle und politische Unterstützung von Bewegungen, die sich vom
Joch der imperialistischen Länder überall auf der Welt befreien
wollten, drückte die internationale Solidarität der DDR aus. Sei es
in Südafrika der ANC und seinem militärischen Arm MK oder die
Unterstützung des Befreiungskampfes des algerischen Volkes gegen die
koloniale Unterdrückung Frankreichs – beide sind nur
stellvertretend für die umfängliche internationale
Solidaritätsarbeit genannt. Zehntausende verfolgte und unterdrückte
Menschen aus Afrika, Südamerika und Asien wurden in der DDR
freundschaftlich aufgenommen, erhielten politisches Asyl und eine
neue Existenzgrundlage.

Antikommunismus:
Staatsdoktrin der BRD

Den
Errungenschaften der DDR sind die heutige bürgerliche
Geschichtsschreibung und die Berichterstattung in den
Mainstream-Medien vollständig entgegengesetzt. Die allgegenwärtigen
Angriffe gegen die DDR begannen schon während des Aufbaus der
antifaschistischen-demokratischen Ordnung und halten bis zum heutigen
Tage an. Die fortdauernde Delegitimierung der DDR ist Zeugnis eines
seit den Bismarck`schen Sozialistengesetzen andauernden
kapitalistisch-staatlich verordneten Antikommunismus, in dem es um
die Manipulation der Erinnerungen und des Bewusstseins der Menschheit
geht. Sie ist Teil des aktuell ideologisch geführten Klassenkampfes
von jenem Staat, welcher ökonomisch und politisch direkt in
Kontinuität mit dem Hitler-Faschismus steht.

Die
DDR hatte insbesondere in den letzten Jahren ihrer Existenz viele
ökonomische und politische Probleme. Die Schwierigkeiten und
Komplikationen resultieren im Allgemeinen aus den gesellschaftlichen
Widersprüchen im sozialistischen Aufbau der DDR und im Speziellen
aus der direkten Nachbarschaft mit dem Klassenfeind im
kapitalistischen Westen. Die Erforschung der Ursachen der
Konterrevolution in der Sowjetunion und der DDR ist unzweifelhaft
eine wichtige Aufgabe der heutigen Arbeiterbewegung. Doch nicht
dahinter zurück steht die Aneignung und Verbreitung der beachtlichen
Erfolge des sozialistischen Aufbaus in der DDR. Knüpfen wir in
unserem Kampf um eine sozialistische menschliche Zukunft an die
Erfahrungen in der DDR an und lernen wir aus ihren Fehlern!
Unzweifelhaft steht für uns fest: Die DDR ist die größte
Errungenschaft in der Geschichte der revolutionären deutschen
Arbeiterbewegung.




Neuauflage: „Unter Feuer – Die Konterrevolution in der DDR“

Wir freuen uns, euch mitteilen zu können, dass wir gemeinsam mit der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der Zeitschrift „offen-siv – Zeitschrift für Sozialismus und Frieden“ das lange vergriffene Buch „Unter Feuer – Die Konterrevolution in der DDR“ neu herausgeben. Das Buch entstand vor 10 Jahren als Zuarbeit für die Forschung der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) zum Thema der Entwicklung und der konterrevolutionären Zerstörung der DDR. Die in diesem Werk vereinten Beiträge haben auch ein Jahrzehnt später nicht an Aktualität verloren. Sie sind für uns und unseren Klärungsprozess auch heute noch wichtige wissenschaftliche Arbeiten. 30 Jahre nach dem Ende der DDR sind sie die vielleicht wichtigsten Beiträge zur Frage: „Wie kam es zur Konterrevolution?“

Allen Interessierten, die einen wissenschaftlichen Blick auf die DDR und ihre Errungenschaften werfen wollen, empfehlen wir dieses Buch.

Ihr bekommt die gedruckte Version bei eurer Lokalen Gruppe der Kommunistischen Organisation oder über die Homepage der Zeitschrift offen-siv.


Vorwort der Kommunistischen Organisation:

70 Jahre nach der Gründung des ersten sozialistischen Staates auf deutschen Boden und 30 Jahre nach dessen Zerschlagung, finden wir uns in einer katastrophalen weltpolitischen Lage wieder. Die imperialistischen Staaten überziehen viele Länder mit Kriegen, Sanktionen und Zersetzung. Millionen sind von Hunger und Arbeitslosigkeit betroffen. Die Barbarei des Imperialismus ist für sie alltäglich. Aber auch in den Zentren des Imperialismus sind die Kapitalisten in der Offensive. Der Abbau sozialer und Arbeiterrechte wird stärker als je zuvor betrieben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Unzufriedenheit der Werktätigen ihre Bahn brechen wird. Daher werden immer gezielter von Staat und Kapital faschistische Optionen aufgebaut und eine Militarisierung nach innen betrieben, die schon jetzt eine Bedrohung für die Organisationen der Arbeiterklasse sind.

Auch
die internationale kommunistische Bewegung ist in einer Krise. 30
Jahre nach der Konterrevolution sind viele Arbeiter- und
Kommunistischen Parteien auf revisionistische Positionen
eingeschwenkt oder haben ein unklares Verhältnis zu ihnen.
Regierungsbeteiligung oder -unterstützung, die Illusion in die
Reformierbarkeit des Imperialismus und mangelnde Klarheit über die
Gesetzmäßigkeiten des Sozialismus sind unter anderem Ausdruck
davon. Die Erosion unserer Theorie ist massiv. Daher kann für uns
die Parole nur lauten: Einheit durch Klarheit! Die dringenden Fragen
müssen geklärt werden.

Eine
wesentliche Frage ist dabei unser Verhältnis als Kommunisten zum
real existierenden Sozialismus. Wie halten wir es mit der DDR? Unsere
Antwort ist klar: Die DDR ist die größte Errungenschaft der
deutschen Arbeiterklasse! Sie ist ein Teil unserer Geschichte und
dient uns als positiver Bezugspunkt für unsere heutigen Kämpfe. Wir
müssen die Ursachen für ihre Niederlage untersuchen. Ohne
romantischen Schnörkel, ohne Angst vor der Wahrheit., mit dem
schonungslosen Blick auf die inneren und äußeren Faktoren. Nur so
können wir am Ende den Sozialismus der DDR und seine
Errungenschaften gegen Kritiker und Feinde verteidigen.

Als
Kommunistische Organisation haben wir uns vorgenommen, einen
Klärungsprozess anzustoßen und zu organisieren, um zentrale Fragen
der kommunistischen Bewegung zu beantworten. Die
Fragen der Geschichte, Analyse, Konzeption und Perspektive des
Sozialismus sind
dabei unumstritten besonders wichtig. Das vorliegende Buch „Unter
Feuer“ war bereits vor zehn Jahren ein Meilenstein in der
Darstellung und Analyse der Errungenschaften der DDR und der SED, der
Strategien des Imperialismus gegen sie und der Ursachen der
Niederlage. Wir freuen uns, zehn Jahre nach der ersten Auflage dieses
Buches nun an der Neuauflage beteiligt zu sein. Wir
begreifen dieses Buch als eine wichtigen Debattenbeitrag, mit dessen
Ergebnissen
wir uns kritisch
auseinander setzen und dessen Erkenntnisse wir in
unsere weitere
Forschungsarbeit einbeziehen und
weiterentwickeln wollen. Wir hoffen mit
allen interessierten Genossen gemeinsam diesen Prozess vorantreiben
zu können.

Und
nicht zuletzt wollen wir die große Leistung der Arbeiterklasse in
Deutschland, einen eigenen Staat errichtet und geführt zu haben,
verbreiten und vermitteln. Was könnte mehr anspornen als die
Erkenntnis: Wir haben es schon einmal geschafft, ein Land des
Friedens, des planmäßigen Fortschritts und der internationalen
Solidarität aufzubauen. Denn am Ende geht es um nichts weniger als
aus den Leistungen und den Fehlern der Vergangenheit, die Grundlage
für einen neuen Anlauf zur Revolution und zum Aufbau des Sozialismus
zu legen.