Der „Prager Frühling“ in der Tschechoslowakei 1968: Die verhinderte Konterrevolution

Vor genau 50 Jahren, am 21. August 1968,
überschritten Truppen von vier Staaten des Warschauer Vertrags die
Grenze zur Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR).
Dabei waren die Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien.

Was war zuvor geschehen, sodass vier
sozialistische Regierungen sich entschieden, Truppen in ein anderes
sozialistisches Land zu schicken?

Für die bürgerliche antikommunistische
Propaganda ist der Fall klar und sie verpasst keine Gelegenheit, die
Ereignisse in der ČSSR 1968 für die allgemeine Hetze gegen den
Sozialismus auszunutzen: Demnach habe eine Gruppe von kommunistischen
Reformern im sogenannten „Prager Frühling“ von 1968 versucht,
einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu erschaffen.
Dadurch hätten sich die Herrschenden im „unmenschlichen“,
„diktatorischen“ Sozialismus der Sowjetunion bedroht gefühlt und
ihre Armee geschickt, um ihre Herrschaft zu erhalten und jedes andere
„Modell“ des Sozialismus zu verhindern. Unbewaffnete Menschen
hätten sich den sowjetischen Panzern entgegengestellt, um das neue
Sozialismusmodell der ČSSR zu verteidigen. Es ist ein Feuerwerk der
Heuchelei: Die, die ansonsten den Sozialismus in Grund und Boden
verdammen, entdecken auf einmal ihre Sympathien für den „Sozialismus
mit menschlichem Antlitz“. Während das Massaker von Paris, bei dem
am 17. Oktober 1961 die französische Polizei in unserem Nachbarland
mehrere Hundert Demonstranten ermordete, weitestgehend unbekannt
bleibt, sind jedes Jahr die Zeitungen voll über den „Prager
Frühling“. Während die 70 Jahre andauernde Besatzung Palästinas
die bürgerliche Presse nicht stört, wird der kurze Einsatz der
Warschauer Pakt-Truppen zum Sinnbild für „Besatzung“ überhaupt
hochstilisiert. All diesen Darstellungen ist gemein, dass sie mit
Emotionen und Bildern arbeiten, nicht aber mit Fakten und Argumenten.
Sie wollen nicht darüber sprechen, was 1968 in der ČSSR wirklich
geschah und warum es geschah, sie wollen den Sozialismus als düstere
Macht darstellen, die nur durch Waffengewalt gegen die eigene
Bevölkerung aufrechterhalten werden konnte.

In dasselbe Horn blasen auch die Linkspartei und
verschiedene trotzkistische Organisationen. Die antikommunistische
Parteivorsitzende der „Linken“ Katja Kipping unterhält seit
Langem eine Zeitschrift mit dem Namen „prager frühling“.
Inhaltlich richtet sie sich vor allem gegen den real existierenden
Sozialismus: „Mit prager frühling
ist Stalinismus, bornierter Avantgardismus und
Strickjäckchenspießertum nicht zu machen.“, heißt es im
Selbstverständnis. Die Trotzkisten von der SAV und Marx21 stellen
den „Prager Frühling“ ebenfalls als Aufbruch zu einem
erneuerten, besseren, weil nicht „bürokratischen“ Sozialismus
dar. Zwar sei dieser Aufbruch dann leider von den „russischen
Panzern“ niedergewalzt worden, aber, so Marx21, „Die positive
Erinnerung an die Kämpfe von 1968 und 1989 (!) ist allerdings
geblieben.“ (Marx21 2018 ; Interview mit Mirek Voslon).

Auch die MLPD schätzt die Ereignisse nicht
wesentlich anders ein: „Das blutig-aggressive Wesen des
Sozialimperialismus wurde bei der Invasion und Besetzung der
Tschechoslowakei im August 1968 aller Welt offenkundig“, schreibt
der MLPD-Begründer und langjährige theoretische Autorität der
Partei Willi Dickhut (Dickhut 1988, S. 245).

Die Entwicklung der Konterrevolution in der
ČSSR

Die Stellungnahme von Marx21 zieht allerdings
völlig zurecht die Parallele zwischen dem Jahr 1968 und dem Jahr
1989. In beiden Jahren mobilisierten in der Tschechoslowakei die
antisozialistischen, prokapitalistischen Kräfte zur Machtübernahme
und Zerschlagung des Sozialismus. 1989 waren sie dann mit dem
erfolgreich, woran sie 1968 noch gescheitert waren.

Die Protagonisten des versuchten
konterrevolutionären Umsturzes haben ihre Absichten dabei nur
teilweise verheimlicht. Während sie im Allgemeinen die betrügerische
Parole eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ vor sich
hertrugen, um ihren breiten Massenanhang auf der Straße zu täuschen,
sprachen sie bei anderen Gelegenheiten Klartext. Insbesondere gilt
das für den stellvertretenden Ministerpräsidenten der ČSSR und
gewissermaßen ökonomischen Cheftheoretiker des „Prager
Frühlings“, Ota Šik: In einem Interview mit der tschechischen
Zeitung „Mladá Fronta“ vom 2. August 1990 bekannte er freimütig:
„Auch für manche Reformkommunisten war schon der Gedanke an die
Einführung des Privateigentums eine Todsünde. Somit war auch der
Dritte Weg ein Täuschungsmanöver. Schon damals war ich überzeugt,
dass die einzige Lösung für uns der vollblutige kapitalistische
Markt darstellt“ (zit. nach. Bilak 2006, S. 272).

Doch bereits im Oktober 1967 hatte Šik in einem
Interview mit der Zeitschrift „Osteuropa“ erklärt: „Die
Wiederherstellung von Marktbedingungen ist unser Ziel, und wir werden
Schritte in dieser Richtung tun. (…) Wir versuchen, durch
Konkurrenz (…) die Unternehmen unter größeren Marktdruck zu
setzen.“. Am 10.12.1968 sagte er im Fernsehen: „Wir wollen
wirkliche Unternehmer und einen freien Markt“. „Ausländische
Investoren können am Profit teilhaben. Wir müssen pragmatisch
denken“. Die Frage, ob er das Profitinteresse anerkenne, bejahte er
(zit. n. Bading/Martini 1977, S. 32; Opperskalski 2008).

Doch Šik war nicht der einzige. Der Vorsitzende
der Staatsbank der ČSSR, Eugen Löbl, referierte im Juli 1968 bei
einem Vortrag in Bonn, „dass die ČSSR das marktwirtschaftliche
System nie habe verlassen dürfen und dass die ‚Vergesellschaftung
des Privateigentums‘ nur eine von vielen Dimensionen sei, nicht
weniger etwa als die Revolution im Management oder ähnliches, und
keineswegs ein nach Marx allheilendes Remedium“. Der Vorsitzende
des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes und einer der
wichtigsten „Reformer“ war Professor Goldstücker. In einem
Interview mit dem Bayerischen Rundfunk antwortete er auf die Frage
nach der Rückkehr zu „gewissen Formen“ des Privateigentums an
Produktionsmitteln: „Wir sind am Anfang eines großen, nicht kurzen
Prozesses, und wir möchten, dass sich in diesem Prozess nicht sofort
alles herauskristallisiert. Wir möchten, dass dieser Prozess an die
Grenzen seiner Möglichkeiten läuft, wir möchten das Ende offen
halten, so lange wie nur irgend möglich“ (alles zitiert nach
Bading/Martini 1977, S. 32). Später wurde Goldstücker noch
deutlicher. 1990 oder 1991 soll er bekannt haben: „Für uns waren
Dubčekund seine Leute nur eine Zwischenlösung, denn direkt
– ohne diesen Umweg – eine freiheitlich demokratische
Grundordnung zu schaffen, schien uns zu riskant. Aber diese strebten
wir an, das war von Anfang an unser Ziel“ (zitiert nach Kukuk
2008). Es bedarf wohl keiner weiteren Erklärung, dass mit der
„freiheitlich demokratischen Grundordnung“ nichts anderes gemeint
war als eine bürgerlich-kapitalistische „Demokratie“ nach
westeuropäischem Vorbild.

Die Memoiren des slowakischen Kommunisten Vasiľ
Biľak, der im Verlauf des „Reformprozesses“ dessen
konterrevolutionären Charakter erkannte und sich dagegen stellte,
geben Aufschluss über die Ereignisse: Im Verlauf des Jahres 1968
trauten sich die antikommunistischen Kräfte in der Kommunistischen
Partei der Tschechoslowakei immer offener, im Namen der
„Demokratisierung“ die Demontage des sozialistischen Systems zu
fordern. Parlamentspräsident Josef Smrkovský forderte im
Zentralkomitee, den Schutz der sozialistischen Staatsmacht gegen ihre
Feinde zu beenden, indem man alle politischen Organisationen
bedingungslos legalisiere. Zdeněk Mlynář, ebenfalls einer der
wichtigsten Ideologen des „Prager Frühlings“, forderte, man
müsse den Sozialismus vom politischen System trennen, wobei er als
Vorbild die westliche bürgerliche „Demokratie“ nannte. Die
„Reformer“ verbreiteten damit die illusorische Vorstellung, es
könne einen „Sozialismus“ ohne die Macht der Arbeiterklasse
geben (Bilak 2006, S. 54). In diese Richtung arbeitete Mlynář schon
seit Jahren: Es ging darum, den sozialistischen Staat schrittweise in
eine bürgerlich-westliche Demokratie umzuwandeln, die kommunistische
Partei damit von der Macht zu verdrängen und die
Verteidigungsfähigkeit des Sozialismus gegen die Konterrevolution zu
vernichten (Kukuk 2018). Der Generalsekretär der Partei Alexander
Dubčekerklärte im Mai ganz offen im Zentralkomitee, dass
sein Ziel die schrittweise Zerschlagung des Staates war: „Wir
können nicht zulassen, dass die politische Machtstruktur die wir
haben, zerschlagen wird, bevor wir sie nicht schrittweise und
durchdacht durch eine neue ersetzt haben“ (ebd., S. 85). Im Juli
wurde dann im ZK der Austritt aus dem Warschauer Pakt diskutiert und
dass man die NATO zur Intervention einladen würde, falls die
ehemaligen Verbündeten der sozialistischen Staatengemeinschaft
versuchen würden, das zu verhindern. Gegen die Kräfte in der
Partei, die sich gegen diese Pläne stellten, wurden Repressionen
angekündigt (ebd., S. 110). Die Medien waren weitestgehend von den
antikommunistischen Kräften kontrolliert. Es kamen nur noch
„Reformer“ und offene Antikommunisten zu Wort, Verteidiger des
Sozialismus jedoch nicht (ebd., S. 75). Am 8. August erschien in der
Zeitung Literární Listy ein
Artikel, der
die Politik des Warschauer Pakts mit der
Hitlers vergleicht. Die Zeitung Reportér brachte einen weiteren
Artikel, der offen die „Liquidierung der absoluten Macht einer
bürokratischen Kaste“ forderte (ebd., S. 142). Der Rundfunk begann
unterdessen, offen zum Lynchmord an den Kommunisten aufzurufen.
Puppen wurden an Galgen aufgehängt, die mit den Namen von
Parteifunktionären beschriftet waren, die sich gegen die
Konterrevolution stellten (ebd., S. 159). Damit drohten sich die
Ereignisse aus dem Jahr 1956 in Ungarn zu wiederholen, als
Kommunisten und Staatsbedienstete von der Konterrevolution auf
offener Straße gelyncht wurden. In einem Text einer
konterrevolutionären Gruppe hieß es: „Ein Gesetz, das wir
annehmen werden, muss jede kommunistische Betätigung in der
Tschechoslowakei verbieten. Wir werden die Tätigkeit der KPČ
(Kommunistische Partei der Tschechoslowakei) verbieten und die KPČ
auflösen“ (zit.n. Opperskalski 2008).

Zu diesem Zeitpunkt hatten die
konterrevolutionären Kräfte aber auch im Präsidium und dem
Zentralkomitee der Partei, außerdem in der Regierung und im
Parlament bereits tendenziell die Mehrheit. Im Juli war nach
Einschätzung Biľaks kein einziges Staatsorgan mehr in der Lage, die
Konterrevolution zu bekämpfen. Viele Kommunisten im Parteiapparat
und der Parteibasis waren stark beunruhigt über die Entwicklungen,
besonders im slowakischen Teil des Landes. Zahlreiche Kommunisten und
parteilose Anhänger des Sozialismus, aber auch Teile der Armee und
Polizei kündigten an, den bewaffneten Widerstand gegen die
Konterrevolution aufzunehmen, falls dies nötig werden sollte. Im
Sommer 1968 stand die Tschechoslowakei kurz vor dem Bürgerkrieg
(Bilak 2006, S. 111ff). Das US State Department schätzte später
ebenfalls ein: „dass es zu der sowjetischen Aktion gekommen sei,
weil die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei die Kontrolle im
Land verloren habe“ (zit.n. ebd., S. 214).

Die Strategie des Imperialismus gegen den
Sozialismus

All das entwickelte
sich nicht im luftleeren Raum. Der US-Imperialismus verfolgte seit
vielen Jahren eine Strategie der Unterwanderung der sozialistischen
Staatengemeinschaft, nachdem man verstanden hatte, dass eine
militärische Zurückdrängung des Sozialismus vorerst nicht möglich
sein würde. Ein wesentlicher Baustein dieser Strategie bestand
darin, den Revisionismus in den kommunistischen Parteien aktiv zu
fördern. Der reaktionäre US-Stratege Zbigniew Brzeziński stellte
das so dar: „Sowohl in moralischer als auch in politischer Hinsicht
sollte unsere Politik die ständige Forderung nach nationaler
Selbstständigkeit mit dem Bestreben vereinen, die von der
Sowjetunion unterstützten kommunistischen Regierungen auf
friedlichem Wege in eine Art Sozialdemokratien westlicher Prägung
umzuwandeln, die mit der sozialökonomischen Entwicklung
Gesamteuropas eng verbunden wären“. Die USA sollten ihrer Meinung
nach als Schritt zur Schwächung des sozialistischen Lagers zunächst
politische „Diversität“ und Bestrebungen zur „Unabhängigkeit“
von der Sowjetunion fördern, um einen „neutralen Staatengürtel“
um die Sowjetunion zu schaffen. „Schließlich muss die
amerikanische Politik sich komplett von dem Eindruck befreien, dass
sie in Osteuropa die Wiederherstellung eines Wirtschaftssystems nach
westlichem Muster befürwortet“ (Brzeziński/ Griffith 1961, S.
644).

Am 14. Juni 1968 hielt Brzeziński auf Einladung
des tschechoslowakischen Außenministers Hajek (!!) einen Vortrag in
Prag, bei dem er sehr offen sprach: „Unsere Meinung ist, dass
heute, 20 Jahre nach dem Abschluss des Krieges, wieder politische
Strukturen an die Öffentlichkeit kommen, die hier schon einmal
gewesen sind. (…) Ich sage nochmals, dass wir in New York das was
hier geschieht, sehr begrüßen und denken, dass es gerade aus dem
Grunde gut ist, weil hier im Grunde genommen die alten Werte in neuer
Form realisiert werden“ (zit. n. Opperskalski 2008). Mit den
bereits dagewesenen politischen Strukturen meinte der US-Stratege
offensichtlich die Rückkehr der kapitalistischen Herrschaft in der
Tschechoslowakei.

Biľak zufolge wurde die konterrevolutionäre
Entwicklung auch direkt aus den USA angeleitet. Er berichtet, dass
sich Dubčeks Frau Ende Juli in Sorge an ihn gewandt habe, weil ihr
Mann mit Konterrevolutionären zusammenarbeitete. Sie habe mitgehört,
wie sich František Kriegel, einer der rechtesten Führer des „Prager
Frühlings“, mit dem US-Botschafter unterhalten und von ihm
Handlungsanweisungen bekommen habe. Diese habe er dann an den
Parlamentspräsidenten Smrkovský weitergegeben (Bilak 2006, S. 118).Wie die Sunday Times und Washington Post im August 1968
berichteten, spielten die CIA und der westdeutsche
Bundesnachrichtendienst seit dem Februar 1968 mithilfe speziell
ausgebildeter Agenten eine zentrale Rolle beim Aufbau oppositioneller
Gruppierungen in der Tschechoslowakei. Es sei sogar eine aus 40.000
Mitgliedern bestehende paramilitärische bewaffnete Organisation
aufgebaut worden, die im ganzen Land geheime Lager mit Waffen,
Ausrüstungen und Druckereien eingerichtet hatten (zit.n. Kukuk
2018). Auf diese Weise wurden die konterrevolutionären Kräfte für
den Putsch und den Bürgerkrieg vorbereitet.

Ein zentrales Vehikel für diesen
konterrevolutionären Umsturz sollte aus Sicht der US-Strategien die
Sozialdemokratie sein. Günter Nenning, in den 1960er Jahren Sekretär
der sozialdemokratischen „Sozialistischen Internationale“,
schrieb damals: „Der Kommunismus hat Zukunft. Seine Zukunft heißt
Sozialdemokratie“ (zit. n. Kukuk 2008). Die Umwandlung der
kommunistischen Parteien in sozialdemokratische war somit erklärtes
Ziel.

Der ehemalige Präsident des
westdeutschen Bundesamtes für Verfassungsschutz Günther Nollau
erinnert sich in seinen Memoiren: „Die KPD war 1956 verboten
worden. Im selben Jahr hatte der XX. Parteitag der KPdSU
stattgefunden, auf dessen Geheimsitzung Chruschtschow Stalin heftig
angegriffen und dadurch dessen System diskreditiert hatte.
Intelligente Kommunisten diskutierten damals darüber, welcher Weg
nun beschritten werden sollte. War es richtig, den orthodoxen
Stalinismus beizubehalten, oder sich im kapitalistischen Bereich der
reformerischen Sozialdemokratie anzuschließen?“. Im westdeutschen
Geheimdienst habe man rege darüber diskutiert, „wie man diese
Diskussionen anregen und für unsere Abwehrzwecke nützen könne. Wir
kamen zu dem Ergebnis, eine offene Werbung für die Sozialdemokratie
werde es den moskautreuen Kommunisten erleichtern, jeden neuen
Gedanken mit dem Etikett ‚Sozialdemokratismus‘ zu versehen und
abzulehnen. Einer kam auf die Idee, einen ‚Dritten Weg‘ zu
propagieren, einen schmalen Pfad, den zu begehen die Fähigkeit
erforderte, zwischen dem orthodoxen Kommunismus und der
reformerischen Sozialdemokratie zu balancieren“. Der Geheimdienst
gründete also eine Zeitung mit dem Titel „Dritter Weg“, der
sowohl den „Stalinismus“, also die sozialistischen Länder, als
auch, um keinen Verdacht zu erregen, den Kapitalismus der BRD
kritisierte (Nollau 1979, S. 226f). Genau so einen „Dritten Weg“
stellte auch der sogenannte „Reformkommunismus“ oder „Sozialismus
mit menschlichem Antlitz“ in der Tschechoslowakei dar. In
Wirklichkeit war der „dritte“ Weg natürlich nie etwas anderes
als der „erste“, also die Rückkehr zum Kapitalismus.

In der ČSSR bildete sich im Juni ein
provisorisches „Zentralkomitee der Sozialdemokratischen Partei“.
Die Sozialdemokraten forderten nun die Beteiligung an der Macht und
betrieben offen Propaganda für ihre neue Partei. In den Medien wurde
die Gründung der neuen Partei begrüßt (Opperskalski 2008; Bilak
2006, S. 61).

Die Haltung der sozialistischen Länder

Die anderen sozialistischen Länder machten die
tschechoslowakischen Parteiführer immer wieder auf die enorme Gefahr
aufmerksam, in der sich der Sozialismus in der ČSSR befand. Bei
einem Gipfeltreffen im März hatten die Führer der verschiedenen
Länder dieses Problem umfassend diskutiert und darauf gedrängt,
Maßnahmen gegen die Konterrevolution zu ergreifen. Dasselbe
wiederholte sich bei einem Besuch Dubčeksin Moskau im Mai.
Die Prager Führung tat jedoch nichts dergleichen, sondern befeuerte
mehrheitlich die Konterrevolution weiter. Am 15. Juli trafen sich die
Sowjetunion, Polen, Ungarn, Bulgarien und die DDR in Warschau, um
über die Entwicklung in der ČSSR zu beraten. Die ČSSR war
eingeladen, wollte aber schon nicht mehr teilnehmen. Die anwesenden
Parteiführer unterzeichneten einen gemeinsamen Brief an das ZK der
KPČ, in dem sie erneut ihre tiefe Besorgnis aussprachen und
eindringlich zu Gegenmaßnahmen gegen die Konterrevolution aufriefen:
„Seht Ihr denn diese Gefahr nicht, Genossen? Kann man denn in
dieser Situation passiv bleiben, sich nur auf Deklarationen und
Versicherungen der Treue zum Sozialismus und zu den
Bündnisverpflichtungen beschränken, ohne konkrete Schritte zu
unternehmen? Seht Ihr denn nicht, daß Euch die Konterrevolution eine
Position nach der anderen entreißt, daß die Partei die Kontrolle
über den Verlauf der Ereignisse verliert und immer mehr vor dem
Druck der antikommunistischen Kräfte zurückweicht?“ hieß es in
dem Brief.

Man könne „nicht damit einverstanden sein, daß
feindliche Kräfte Ihr Land vom Weg des Sozialismus stoßen und die
Gefahr einer Lostrennung der Tschechoslowakei von der sozialistischen
Gemeinschaft heraufbeschwören. Das sind nicht mehr nur Ihre
Angelegenheiten. Das sind die gemeinsamen Angelegenheiten aller
kommunistischen und Arbeiterparteien und aller durch Bündnis, durch
Zusammenarbeit und Freundschaft vereinten Staaten“.

Und schließlich: „Nach unserer Überzeugung ist
eine Situation entstanden, in welcher die Bedrohung der Grundlagen
des Sozialismus in der Tschechoslowakei die gemeinsamen
Lebensinteressen der übrigen sozialistischen Länder gefährdet. Die
Völker unserer Länder würden uns ein gleichgültiges und sorgloses
Verhalten zu einer solchen Gefahr niemals verzeihen“ (Brief der
Warschauer Gipfelkonferenz an Prag vom 15. Juli 1968). Damit
kündigten sie bereits an, einer Rückkehr der ČSSR zum Kapitalismus
nicht einfach tatenlos zusehen zu wollen.

Auch viele einfache Kommunisten und Bürger in den
benachbarten sozialistischen Ländern teilten die Sorgen ihrer
Parteiführungen und Regierungen. In der DDR veröffentlichte die
Zeitung Neues Deutschland am 19. Juli zahlreiche Briefe, die ihre
Zustimmung zum offenen Brief der Warschauer Gipfelkonferenz
bekundeten. Eine Gewerkschaftsgliederung aus Berlin schreibt z.B.
„Auch uns erfüllt die gegenwärtige Entwicklung in der ČSSR mit
großer Sorge, weil sie nicht nur eine Bedrohung der Grundlagen des
Sozialismus in der Tschechoslowakei, sondern auch der gemeinsamen
Lebensinteressen der übrigen sozialistischen Länder darstellt.“.
Ein Parteisekretär einer Landwirtschaftlichen
Produktionsgenossenschaft schrieb: „Wir haben jeden Erfolg der
Werktätigen in der ČSSR als unseren eigenen Erfolg angesehen (…).
Deshalb können und werden wir es nicht zulassen, daß der
Imperialismus diese Errungenschaft antastet und ein Stück aus dieser
Gemeinschaft herausbricht.“ (Neues Deutschland 19.7.1968).

All diese, von ehrlicher Sorge getragenen
Aufforderungen wurden von der rechtsopportunistischen Mehrheit der
Parteiführung ebenso in den Wind geschlagen wie die Warnungen der
marxistischen Kräfte in der KPČ um Gustáv Husák, Alois Indra undVasiľ Biľak. Schließlich entschlossen sich einige der Staaten
des Warschauer Vertrags zur bewaffneten Intervention – als letztes
Mittel, um die Konterrevolution doch noch zu verhindern. Am 21.
August überschritten die Truppen die tschechoslowakische Grenze, um
die Ordnung wiederherzustellen. Die „Reformer“ verhielten sich
alles andere als friedlich: Etwa 100 Bürger der ČSSR und 58
Soldaten der sozialistischen Länder kamen bei den
Auseinandersetzungen ums Leben (Bilak 2006, S. 168). Allein dieses
Zahlenverhältnis zeigt, dass es sich entgegen der
antikommunistischen Propaganda nicht um die brutale Niederschlagung
friedlicher Proteste durch die Armee handelte, sondern um
Auseinandersetzungen mit bewaffneten antisozialistischen Kräften.

Die militärische Intervention beendete nicht
sofort das Wirken der Konterrevolution, da sie auch nicht den Sturz
der Regierung zum Ziel hatte, sondern nur die antikommunistischen
Dynamiken unter Kontrolle bringen wollte. Sie gab dadurch aber den
marxistischen Kräften in der KPČ den notwendigen Spielraum, um ihre
Kräfte zu mobilisieren und das Land wieder auf den Kurs des
Sozialismus zu bringen. Im April 1969 errangen diese dann einen
wesentlichen Sieg: Der opportunistische Generalsekretär Alexander
Dubček wurde von seinem Posten entfernt und durch Gustáv Husák
ersetzt.

Schlussfolgerungen

Jede einigermaßen unvoreingenommene Prüfung der
Fakten muss zu dem Schluss kommen, dass es sich beim sogenannten
„Prager Frühling“ um eine ausgewachsene Konterrevolution
handelte, die nur durch das Eingreifen der Staaten des Warschauer
Pakts verhindert wurde. Aus kommunistischer Sicht war dieses
Eingreifen daher alternativlos und richtig. Es war ein legitimer Akt
der Selbstverteidigung gegen die antisozialistische Strategien der
westlichen Imperialisten und der einheimischen Konterrevolution, aber
auch ein Akt des proletarischen Internationalismus. 58 Soldaten
anderer Länder bezahlten mit ihrem Leben dafür, dass die Tschechen
und Slowaken weitere 20 Jahre im Sozialismus leben konnten. Die
Alternative wäre gewesen, dass die ČSSR zum Kapitalismus
zurückgekehrt wäre und die Errungenschaften der Arbeiterklasse
weitgehend vernichtet worden wären. In das Verteidigungssystem der
sozialistischen Staaten wäre eine große Bresche geschlagen worden
und es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die NATO in diese
Bresche eingedrungen wäre – denn dass sie keinerlei Absicht hatte,
irgendeines der Versprechen über „Neutralität“ der
osteuropäischen Länder zu halten, kann man seit den 90er Jahren
sehen. Der „Prager Frühling“ war daher vonseiten der
konterrevolutionären „Reformer“ ein äußerst gefährliches
Spiel, das die Spannungen zwischen NATO und Warschauer Vertrag massiv
erhöht und die Welt an den Rand des Atomkriegs hätte bringen
können.

Gleichzeitig waren die Ereignisse auch in
mindestens zweifacher Hinsicht tragisch: Es war tragisch, dass viele
Tschechoslowaken zwar irgendwie diffus für den Sozialismus waren,
aber sich unter der Parole des „Sozialismus mit menschlichem
Antlitz“ versammelten und sich somit von den prokapitalistischen
Kräften vor den Karren spannen ließen, um den Sozialismus zu
demontieren. Der KPČ war es nicht gelungen, diese Menschen dauerhaft
für das real existierende sozialistische System zu gewinnen, sodass
reale gesellschaftliche Probleme schnell zum Anlass wurden, dem
ganzen System den Rücken zu kehren. Der „Sozialismus mit
menschlichem Antlitz“ war jedoch im Kern immer eine
antikommunistische Parole gewesen, weil er auf einem massiv
verzerrten und von bürgerlicher Propaganda durchsetzten Bild des
existierenden Sozialismus ausging – dieser wurde ja implizit damit
als „unmenschlich“ diffamiert, was weder der komplexen Realität
des sozialistischen Aufbaus ansatzweise gerecht wurde, noch eine
irgendwie konstruktive Kritik an Fehlern und Mängeln des
sozialistischen Systems war. Der genauere Blick auf das Konzept
dieses „Sozialismus“ anhand der Äußerungen seiner Vertreter
enthüllt dann auch, worum es dabei eigentlich ging: Maximal um einen
sozialstaatlich regulierten Kapitalismus, ohne Macht der
Arbeiterklasse und Führung durch die kommunistische Partei.

Viele der Demonstranten glaubten sicherlich
trotzdem, für einen besseren Sozialismus zu kämpfen, während die
maßgeblichen Kräfte die Weichen längst in eine ganz andere
Richtung stellten – einige von ihnen bezahlten ihre Illusionen mit
dem Leben. Viele von ihnen verstanden gar nicht, weshalb die
Verbündeten intervenieren mussten, wie zahlreiche Episoden über
wütende Diskussionen zwischen Soldaten und Bürgern belegen.

Zweitens liegt die Tragik des Jahres 1968 aber
auch darin, dass zwar durch das militärische Eingreifen der
Sozialismus vorerst gerettet werden konnte, aber die gewonnene Zeit
nicht genutzt wurde, die vorhandenen Probleme zu lösen. Insbesondere
wurde der Revisionismus, das Eindringen bürgerlicher Ideologie in
die kommunistischen Parteien, nur in seinen offensten
Erscheinungsformen bekämpft, nicht jedoch grundlegend. Die
Verbreitung revisionistischer Auffassungen in den kommunistischen
Parteien nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders seit dem 20.
Parteitag der KP der Sowjetunion 1956 hatte die Konterrevolution in
der ČSSR ideologisch erst vorbereitet. Dieser Prozess wurde 1968
aber nicht gestoppt, sondern nur in einem Land zurückgeworfen.
Vorstellungen, die dem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“
ähnelten, wurden in Teilen der kommunistischen Parteien weiterhin
vertreten. Deshalb waren die Entwicklungen in der ČSSR 1968 eine
ziemlich exakte Blaupause für das, was zwei Jahrzehnte später in
der Sowjetunion und anderswo passieren würde. Auch dort traten die
prokapitalistischen Kräfte zunächst unter der Parole einer
„Erneuerung“ des Sozialismus, gar einer „Rückkehr zu Lenin“
auf. Gemeint war damit aber nie eine Vertiefung des sozialistischen
Charakters der Produktionsverhältnisse, sondern ihre Unterminierung
und schließlich Aufhebung.

Schließlich war die Diskussion um die
Intervention in die ČSSR auch ein Prüfstein für alle
kommunistischen Parteien. Diejenigen unter ihnen, in denen
rechtsopportunistische Positionen schon am stärksten Fuß gefasst
hatten, verurteilten die Intervention. Das ist nachvollziehbar,
schließlich richtete sie sich gegen die Folgen der
Sozialdemokratisierung der kommunistischen Parteien, von der sie
selbst auch erfasst waren. Das galt vor allem für die KPen Italiens
und Frankreichs. Die KP Chinas und die Partei der Arbeit Albaniens,
die Anfang der 60er mit der Sowjetunion gebrochen hatten und ihre
Führung als revisionistisch ansahen, verhielten sich allerdings
nicht besser. Albanien nutzte die Intervention aus, um endgültig aus
dem Warschauer Vertrag auszutreten und rief allen Ernstes die
Bevölkerung zum bewaffneten Widerstand auf. Die KP Chinas nannte die
Niederschlagung der Konterrevolution einen „schamlosen Akt“ und
stellte die Sowjetunion auf eine Stufe mit den USA (Spiegel
26.8.1968). Beide Parteien zeigten damit, dass die Stoßrichtung
ihrer Kritik am Opportunismus der Sowjetführung selbst
opportunistisch war und dem Imperialismus in die Hände spielte. Sie
gingen damals, ebenso wie heute die MLPD und andere Gruppen, von der
unwissenschaftlichen und nichtmarxistischen Auffassung aus, in der
Sowjetunion und den sozialistischen Ländern Osteuropas sei der
Kapitalismus als „Staatskapitalismus“ bereits wiederhergestellt
worden. Somit konnten sie den konterrevolutionären Charakter der
Entwicklungen in der ČSSR gar nicht mehr erkennen, da es aus ihrer
Sicht dort gar keinen Sozialismus mehr gab, den man hätte
verteidigen können. Mit der Realität hatten solche Vorstellungen
jedoch nie viel zu tun.

Aufgabe der Kommunisten ist es heute, der
bürgerlichen und opportunistischen Geschichtsfälschung in Bezug auf
den sogenannten „Prager Frühling“ entgegenzutreten und auf die
historische Wahrheit zu pochen: 1968 stand in der ČSSR ein großer
Sieg der Konterrevolution und des westlichen Imperialismus
unmittelbar bevor und nur das Eingreifen der sozialistischen Länder
hat ihn verhindert – mit allen katastrophalen Folgen, die er für
die tschechoslowakische und europäische Arbeiterklasse gehabt hätte.

Literatur:

„40 Jahre ‚Prager Frühling‘“, Interview
mit Mirek Voslon, online: https://www.sozialismus.info/2008/04/12602/

Bading, Lothar / Martini, Klaus 1977: Angriffsziel
Sozialismus. 2. Folge: Der demokratische Sozialismus und die ČSSR,
Rote Blätter 7. Jg., Nr. 5, Mai 1977.

Bilak, Vasil 2006: Wir riefen Moskau zu Hilfe. Der
„Prager Frühling“ aus der Sicht eines Beteiligten, Das Neue
Berlin.

Brief der Warschauer Gipfelkonferenz an Prag vom
15. Juli 1968, online:
https://www.herder-institut.de/no_cache/bestaende-digitale-angebote/e-publikationen/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/1363/details.html

Brzezinski, Zbigniew/ Griffith, William E. 1961:
Peaceful Engagement in Eastern Europe, Foreign Affairs, Vol. 39.,
No. 4, S. 642-654

Dickhut, Willi 1988: Die Restauration des
Kapitalismus in der Sowjetunion, Neuer Weg Verlag und Druck GmbH
Düsseldorf

Kukuk, Klaus 2008: Demokratisierung oder
Konterrevolution? „Prager Frühling“: Hintergründe,
Zusammenhänge, Langzeitwirkungen, online:
http://www.dkp-online.de/uz/4034/s1501.htm
;
http://www.dkp-online.de/uz/4035/s1501.htm

Kukuk, Klaus 2018: Keine angenehme Wahl, junge
Welt vom 20.8.2018

Marx21 2018: Aufbruch 1968. Der Prager Frühling,
online: https://www.marx21.de/aufbruch-1968-der-prager-fruehling/
;

„Neues Deutschland“ vom 19.7.1968

Nollau, Günter 1979: Das Amt. 50 Jahre Zeuge der
Geschichte, Wilhel m Goldmann Verlag, München.

Opperskalski, Michael 2008: ČSSR 1968 – kein
„Prager Frühling“, sondern konterrevolutionärer Winter,
Offen-siv 09/08.

„Tschechoslowakei/Sowjeteinmarsch“, Spiegel
26.8.1968, online:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45954078.html